Der Wahl­kampf, den (fast) kei­ner woll­te

Leit­ar­ti­kel. Nach sei­nem Wah­l­er­folg am kom­men­den Sonn­tag hat Kurz nichts mehr zu ge­win­nen, aber viel zu ver­lie­ren.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON RAI­NER NO­WAK E-Mails an: rai­ner.no­[email protected]­pres­se.com

Deut­sche Me­di­en ver­öf­fent­li­chen Aus­schnit­te ei­nes Vi­de­os – und Ös­ter­reich hat kei­ne Re­gie­rung mehr. So pas­siert im Mai die­ses Jah­res. Was den be­weg­ten Bil­dern von Hein­zChris­ti­an Stra­che und Jo­hann Gu­de­nus folg­te, wa­ren de­ren Rück­trit­te, das Aus der Re­gie­rung durch den Bun­des­kanz­ler mit wohl­wol­len­der Zu­stim­mung des Bun­des­prä­si­den­ten, der Miss­trau­ens­an­trag ge­gen die Über­gangs­re­gie­rung Se­bas­ti­an Kurz, Bil­dung ei­ner neu­en Pro­porz-Be­am­ten­re­gie­rung und ein lan­ger Wahl­kampf. Den kei­ner wirk­lich woll­te. Ent­spre­chend ge­reizt und zäh ver­lief er auch.

Auch wenn es schon oft em­pört be­schrie­ben wur­de, muss man es wie­der und wie­der wie­der­ho­len: Auf dem Vi­deo er­klärt sich 2017 der wich­tigs­te FPÖ-Po­li­ti­ker be­reit, Haus, Hof und Staats­ei­gen­tum zu ver­kau­fen – für Spen­den und di­rek­ten Ein­fluss auf die „Kro­ne“. Es ist wich­tig, die Re­la­ti­on zu be­hal­ten, die in den ver­gan­ge­nen Wo­chen ver­lo­ren ge­gan­gen scheint. Dass Heinz-Chris­ti­an Stra­che sei­ner öf­fent­lich fi­nan­zier­ten FPÖ Hun­dert­tau­sen­de Eu­ro an Spe­sen ver­rech­net, ist un­glaub­lich. Dass sich die SPÖ mit­tels Ge­werk­schafts­ver­eins mit ein ppaar Hun­dert­tau­send Eu­ro im Wahl­kampf hel­fen lässt, ist dank SPÖ und FPÖ le­gal, aber ei­ne Frech­heit. Dass die ÖVP lau­fen­de Par­tei­kos­ten of­fen­bar in Rich­tung Wahl­kampf dreh­te und sich von ei­ner Mil­li­ar­där­s­wit­we le­gal rie­si­ge Spen­den per Dau­er­auf­trag ge­stü­ckelt über­wei­sen ließ, er­gibt ei­ne schie­fe Op­tik. Aber das ist al­les nichts im Ver­gleich zur kri­mi­nel­len Ener­gie, die aus dem Vi­deo tönt: ein paar Staats­auf­trä­ge hier, ein paar aus­ge­tausch­te Re­dak­teu­re da. Fer­tig ist die Ba­na­nen­re­pu­blik.

Dass sich die Frei­heit­li­chen das al­les gern er­spart hät­ten und da­her nur je­nen Un­der­dog-Wahl­kampf füh­ren konn­ten, den sie frü­her als Op­po­si­ti­ons­par­tei ge­führt hat­ten, war klar. Die Par­tei war­tet aber ne­ben „Hei­mat­treue“auch mit ei­ner Neue­rung auf. Erst­mals leg­te sich ei­ne Par­tei auf ei­ne Ko­ali­ti­ons­va­ri­an­te fest: die Fort­füh­rung von Tür­kis-Blau. Nach der Ver­öf­fent­li­chung der Stra­che-Spe­sen wird die­se Fort­füh­rung un­wahr­schein­li­cher: Die Par­tei wird noch län­ger mit Stra­che be­schäf­tigt sein. Sta­bi­li­tät schaut an­ders aus.

Und genau die will Se­bas­ti­an Kurz. Das war auch der Grund, war­um er im Mai die Re­gie­rung plat­zen ließ. Nach der Ver­öf­fent­li­chung des Vi­de­os such­ten die meis­ten in der ÖVP-Füh­rungs­rie­ge ei­nen Aus­weg, um mit der FPÖ wei­ter­re­gie­ren zu kön­nen. Auch wenn es Her­bert Kickl an­ders dar­stellt, Kurz for­der­te sei­nen Ab­gang aus dem In­nen­res­sort nicht we­gen des­sen Na­po­le­on-Spie­lenp in Po­li­zei­uni­form und zum Schutz nie­der­ös­ter­rei­chi­scher ÖVP -Netz­wer­ke eben­dort, son­dern aus rei­nem lo­gi­schen Ei­gen­nutz. So­lang Kickls Trup­pe die Ibi­za-Er­mitt­lun­gen ge­führt hät­te, wä­re der Druck im­mer stär­ker ge­wor­den. Und Kurz wä­re dort ge­we­sen, wo ihn Pa­me­la Ren­di-Wa­gner rhe­to­risch zu­ord­ne­te: in der Ibi­za-Ko­ali­ti­on.

Die SPÖ-Che­fin müss­te nach dem FPÖ-Vi­deo und dem er­folg­rei­chen Miss­trau­ens­an­trag ei­gent­lich die strah­len­de Sie­ge­rin des Sonn­tags sein. Dass sie das wohl nicht wird, ist we­ni­ger ihr, denn ih­rer Par­tei zu ver­dan­ken. Im Mai war die SPÖ-Füh­rung gera­de noch in der Selbst­fin­dung. Statt Stra­te­gie­sit­zun­gen fan­den mit­füh­len­de Mit­ar­bei­ter­ge­sprä­che statt, wie es Ren­di-Wa­gner da­mals ein­mal er­zähl­te. Chris­ti­an Kern hat­te die Par­tei kopf­los ver- und sie in Auf­lö­sungg hin­ter­las­sen. Als die Neue über­nahm, pas­sier­te, was Dut­zen­de ÖVP -Chefs vor Kurz zum Amts­an­tritt er­leb­ten: Lan­des­chefs – im kon­kre­ten Fall Hans-Pe­ter Do­sko­zil, Pe­ter Kai­ser, Micha­el Lud­wig und Ge­org Dornau­er – lie­ßen mehr oder we­ni­ger sub­til die Mus­keln spie­len und führ­ten Ren­di-Wa­gner buch­stäb­lich vor. Das än­der­te sich im Wahl­kampf na­tür­lich, und das Selbst­be­wusst­sein der Che­fin wuchs, aber ab Sonn­tag könn­te wie­der al­les beim Al­ten sein. A uch die Grü­nen und die Ne­os hat­ten mit dem Schnell­start ei­ne per­so­nel­le Her­aus­for­de­rung, die nur bei­de Par­tei­chefs selbst be­wäl­ti­gen konn­ten. Die Grü­nen stan­den bei der EUWahl zwar mit ei­nem Er­folg, aber oh­ne Spit­zen­kan­di­da­ten da, Wer­ner Kog­ler mach­te al­so ein­fach wei­ter, als hät­te er nie pau­siert. Müh­sam wird es nach der Wahl­fei­er: Kog­ler muss Mit­ar­bei­ter für den Par­la­ments­klub fin­den und vor al­lem Fach­leu­te mit Par­teinä­he für die an­ste­hen­den Re­gie­rungs­ver­hand­lun­gen. Bea­te Meinl-Rei­sin­ger kam vom ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Mut­ter­schutz qua­si di­rekt auf den Ball­haus­platz zur An­ti-Re­gie­rungs­de­mo, von der Ren­di-Wa­gner nicht ver­stän­digt wur­de. Seit­her steht Meinl-Rei­sin­ger in der Tra­di­ti­on ih­res Vor­gän­gers, Mat­thi­as Strolz. Man wähnt sie als Kind in den Zau­ber­trank ge­fal­len, ganz flap­sig for­mu­liert.

Und Kurz? Hät­te sich das al­les gern er­spart. Denn selbst mit schö­nem Plus am Sonn­tag ist es für ihn schwie­ri­ger als 2017. Da­mals hat­te er nur ei­ne ech­te Op­ti­on: mit der FPÖ. Nun hat er mög­li­cher­wei­se drei, die ihm al­le nicht be­ha­gen. Mit der FPÖ wird es wei­ter von „Ein­zel­fall“zu „Ein­zel­fall“ge­hen. Zwi­schen SPÖ und ÖVP sitzt der Hass tief. Mit Ne­os und Grü­nen wird es sehr kom­pli­ziert.

An­ders for­mu­liert: Nach sei­nem Wah­l­er­folg am kom­men­den Sonn­tag hat Kurz nichts mehr zu ge­win­nen, aber viel zu ver­lie­ren.

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