Was vom Wahl­kampf bleibt (oder auch nicht)

Ana­ly­se. Von „Men­sch­lich­keit“bis „Macht sonst kei­ner“: Die Er­zäh­lun­gen der Par­tei­en dürf­ten ih­ren Zweck nur zum Teil er­füllt ha­ben. Die meis­ten Dreh­bü­cher müs­sen am Sonn­tag­abend um­ge­schrie­ben wer­den – ins­be­son­de­re je­nes der ÖVP.

Die Presse - - THEMA DES TAGES - VON THO­MAS PRIOR

Was bleibt vom Wahl­kampf, von den Er­zäh­lun­gen der Par­tei­en? Ein letz­tes Mal schlüpf­te Se­bas­ti­an Kurz am Frei­tag in die all­seits be­lieb­te Op­fer­rol­le und warn­te ein­mal mehr vor ei­ner „lin­ken Mehr­heit“ge­gen ihn, al­so vor ei­ner Ko­ali­ti­on aus SPÖ, Grü­nen und Ne­os. Son­der­lich rea­lis­tisch ist die­ses Sze­na­rio frei­lich nicht, aber es mo­bi­li­siert trä­ge Wäh­ler, die glau­ben, dass die ÖVP eh schon haus­hoch ge­won­nen hat, und passt in die Wahl­kampf­ge­schich­te, die man seit Wo­chen er­zählt. Nach der Te­le­no­ve­la „Se­bas­ti­an Kurz er­obert das Kanz­ler­amt“im Jahr 2017 hat die ÖVP nun Teil zwei ab­ge­dreht: die gro­ße Come­back-Sto­ry, nach­dem der Kö­nig und sei­ne Re­gie­rung ins Exil ver­bannt wor­den wa­ren. Wo­bei sich das „Al­le ge­gen Kurz“-La­men­to nach der Wahl wenn schon nicht ins Ge­gen­teil („Al­le für Kurz“) ver­keh­ren, so doch zu­guns­ten der ÖVP ver­än­dern wird: Dann wer­den al­le Par­tei­en plötz­lich mit Kurz wol­len, näm­lich re­gie­ren. Vor­aus­ge­setzt, die ÖVP lässt sie in ei­ner Ko­ali­ti­on in­halt­lich und per­so­nell le­ben. Aber falls schon, wird man na­tür­lich gern den Vi­ze­kanz­ler un­ter Kurz ma­chen. Das gilt auch für die SPÖ, die Pa­me­la Ren­diWa­gner in den ver­gan­ge­nen Wo­chen als so­zia­le Al­ter­na­ti­ve zu Se­bas­ti­an Kurz zu po­si­tio­nie­ren ver­sucht hat, was im Um­kehr­schluss na­tür­lich be­deu­ten soll­te, dass der ehe­ma­li­ge Kanz­ler sich selbst am nächs­ten ist. Die Grü­nen ha­ben im Üb­ri­gen Ähn­li­ches ver­sucht, in­dem sie der ÖVP – mit Blick auf genau die­se Wäh­ler­grup­pe – das Christ­li­chSo­zia­le ab­ge­spro­chen ha­ben.

Un­ter dem Be­griff „Men­sch­lich­keit“sub­sum­mier­te die SPÖ ein­zel­ne An­ge­bo­te in al­le Rich­tun­gen: Das recht üp­pi­ge Ka­pi­tel Kli­ma­schutz im Wahl­pro­gramm der Ro­ten war an je­ne Grü­nen-Sym­pa­thi­san­ten adres­siert, die 2017 der SPÖ ih­re Stim­me ge­lie­hen hat­ten, um Kurz als Kanz­ler zu ver­hin­dern. Der 1700-Eu­ro-Min­dest­lohn wie­der­um soll­te FPÖ-Wäh­ler zur Rück­kehr in die al­te so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Hei­mat be­we­gen. In der vor­letz­ten Na­tio­nal­rats­sit­zung die­ser Le­gis­la­tur­pe­ri­ode wur­de dann mit der Wie­der­ein­füh­rung der Hack­ler­re­ge­lung ein al­ter Trick an­ge­wandt, der vor der Wahl 2008 funk­tio­niert hat­te, die Re­pu­blik aber teu­er zu ste­hen kam. Die Ge­schich­te wie­der­holt sich, zu­min­dest der zwei­te Teil da­von. „Oh­ne uns kippt Kurz nach links“, pla­ka­tier­ten die Frei­heit­li­chen und wer­den wohl ei­nes ih­rer Wahl­zie­le er­rei­chen: dass sich Tür­kis-Grün nicht aus­geht. Al­ler­dings hat­te die FPÖ in die­sem Wahl­kampf ver­stärkt mit sich selbst zu tun. Zu­nächst woll­te Alt­par­tei­chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che trotz Ibi­za nicht still­hal­ten, dann wur­den neue Vor­wür­fe ge­gen ihn laut. In der Spen­den­af­fä­re wird nun so­gar we­gen Un­treue ge­gen ihn er­mit­telt (sie­he Be­richt auf Sei­te 4).

Nor­bert Ho­fer und Her­bert Kickl ver­such­ten im Tan­dem an Stim­men zu ret­ten, was noch zu ret­ten ist. Der ei­ne, Par­tei­ob­mann Ho­fer, gab den net­ten Ver­bin­der zur ÖVP, wäh­rend der an­de­re, Klub­chef Kickl, mit def­ti­gen Pa­ro­len ei­ne De­mo­bi­li­sie­rung der Stamm­wäh­ler­schaft ab­zu­wen­den ver­such­te. Die­se ist mitt­ler­wei­le groß ge­nug, um der FPÖ ein Wahl­de­ba­kel wie im Jahr 2002 zu er­spa­ren. Von den letzt­mals 26 Pro­zent wird man aber doch Ab­stri­che ma­chen müs­sen. Und so­fern es zu ei­ner Neu­auf­la­ge von Tür­kis-Blau kommt, dann de­fi­ni­tiv oh­ne In­nen­mi­nis­te­ri­um für Her­bert Kickl. Die Ne­os ha­ben in den ver­gan­ge­nen ein­ein­halb Jah­ren das Va­ku­um ge­füllt, das die Grü­nen als eins­ti­ge Kon­troll­par­tei im Par­la­ment hin­ter­las­sen ha­ben. Was der Lis­te Jetzt we­gen an­hal­ten­der in­ne­rer Span­nun­gen nicht ge­lun­gen ist. Den Kon­troll- und Trans­pa­ren­z­as­pekt ha­ben die Ne­os in den Wahl­kampf über­führt. Ih­re Her­aus­for­de­rung be­steht dar­in, sich von den an­de­ren, viel äl­te­ren und da­her eta­blier­te­ren Par­tei­en­mar­ken zu un­ter­schei­den. Da­her auch der Slo­gan „Macht sonst kei­ner“. Wo­bei es gar nicht so leicht war, die pin­ken Markt­lü­cken zu fin­den. Sich als Par­tei zu po­si­tio­nie­ren, die bei sämt­li­chen The­men die nächs­ten Ge­ne­ra­tio­nen im Blick hat, macht sonst tat­säch­lich kei­ner. Je­den­falls nicht in die­sem Aus­maß. Die Grü­nen hat­ten es in die­sem Wahl­kampf am ein­fachs­ten. Zum ei­nen muss­ten sie nur den EU-Wahl­kampf mit der zen­tra­len Bot­schaft „Zu­rück zu den Grü­nen“ver­län­gern. Zum an­de­ren hat­ten sie mit der Kli­maak­ti­vis­tin Gre­ta Thun­berg als ein­zi­ge Par­tei so et­was wie ei­ne in­ter­na­tio­na­le Spit­zen­kan­di­da­tin. Ihr Mi­ni­mal­ziel wer­den die Grü­nen al­lein schon des­halb er­rei­chen, weil die SPÖ-Exi­lan­ten von vor zwei Jah­ren nun wie­der zu­rück­keh­ren. In­wie­weit dar­über hin­aus Wer­ner Kog­lers Ver­such, sei­ne Par­tei vom Ver­dacht der mo­ra­li­schen Über­heb­lich­keit frei­zu­spre­chen und stamm­tisch­taug­lich zu ma­chen, ge­glückt ist, wird man se­hen. Bis zu ei­nem neu­en Stim­men­re­kord, der ak­tu­ell bei 12,42 Pro­zent liegt (aus dem Jahr 2013), schien am Frei­tag al­les mög­lich. Die Lis­te Jetzt setz­te al­les auf ei­ne Kar­te: Man sei die ein­zi­ge nicht käuf­li­che Kon­troll­par­tei. Soll hei­ßen: die ein­zi­ge Par­tei, die nicht mit Kurz re­gie­ren wür­de. Gar­niert mit Kli­ma­schutz, der bei Jetzt in ers­ter Li­nie Tier­schutz ist, und ei­ner Mi­gra­ti­ons­li­nie, die sich von je­ner der Grü­nen stark un­ter­schei­det, ser­vier­te Chef­koch Pe­ter Pilz das Bleib-im-Par­la­men­tMe­nü. Al­lein: Beim letz­ten Mal pro­fi­tier­te Pilz auch von der Ero­si­on sei­ner Ex-Par­tei. Das wird sich die­ses Mal nicht wie­der­ho­len las­sen. Was von die­sem Wahl­kampf bleibt? Die Lis­te Jetzt höchst­wahr­schein­lich nicht.

„Un­ser Weg hat erst be­gon­nen“, pla­ka­tier­te die ÖVP, nach­dem die Re­gie­rung Kurz im Mai ab­ge­wählt wor­den war. Der Sub­text war schon da­mals „Al­le ge­gen Kurz“. Die SPÖ sub­su­mier­te Kli­ma- und So­zi­al­po­li­tik un­ter „Men­sch­lich­keit“. Die FPÖ in­sze­nier­te sich als Boll­werk ge­gen Tür­kis-Grün. Die Ne­os stri­chen ih­re Al­lein­stel­lungs­merk­ma­le her­vor. Die Lis­te Jetzt setz­te auf Kon­trol­le. Und die Grü­nen be­schwo­ren ihr Come­back.

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