Wenn die Wah­len schief­ge­hen

De­mo­kra­tie. Über Stimm­zet­tel­be­schmie­rer, Un­gül­tig­wäh­ler, Ver­wei­ge­rer und an­de­re Leu­te, die auf die Wahl pfei­fen – ei­ne Ge­schich­te des schwie­ri­gen Wäh­lers.

Die Presse - - GESCHICHTE -

Es war nicht im­mer leicht in den letz­ten bei­den Jahr­hun­der­ten, Wahl­be­rech­tig­te von der Be­deu­tung ih­rer Stimm­ab­ga­be zu über­zeu­gen. Und wenn sie dann doch die Wahl­ka­bi­ne be­tra­ten, war das Er­geb­nis in ein­zel­nen Fäl­len be­frem­dend: „Al­les Gfras­ter“, „Dep­pen“konn­te da ste­hen, ver­ächt­lich hin­ge­schmiert quer über die vor­ge­druck­ten Zei­len auf dem Stimm­zet­tel. Da konn­te sich of­fen­bar je­mand mit kei­nem der vor­ge­ge­be­nen Kan­di­da­ten an­freun­den. Rein äu­ßer­lich hat er die Teil­nah­me­norm als Wäh­ler mit sei­nem Be­such im Wahl­lo­kal er­füllt, fak­tisch hat er sich aber ei­ner Ent­schei­dung ent­hal­ten. Er setz­te ei­ne Ges­te der Ab­leh­nung, bei ei­ner Ge­le­gen­heit, bei der er auch hät­te zu Hau­se blei­ben kön­nen. Al­so steck­te doch ein Im­pe­tus da­hin­ter, sich mit sei­nem Pro­test zu ar­ti­ku­lie­ren.

Die Po­li­tik­wis­sen­schaft spricht dann von un­gül­ti­gen Stim­men und de­vi­an­tem Wahl­ver­hal­ten. Ein­ge­ord­net wird es in das Ka­pi­tel Wah­lent­hal­tung. In den Me­di­en tau­chen sol­che Un­muts­äu­ße­run­gen im An­ek­do­ten­teil der Nach­wahl­be­richt­er­stat­tung auf, na­tür­lich mit dem Hin­weis, dass der­ar­ti­ge Kund­ge­bun­gen als un­gül­ti­ges Vo­tum zu se­hen sind. Ganz ver­nach­läs­si­gen soll­te man das The­ma je­doch nicht. Es ist zwar nur ei­ne Mi­no­ri­tät, die auf die­se Wei­se ih­ren Frust kund­tut, aber in ab­so­lu­ten Zah­len ist sie nicht ganz un­be­deu­tend. Bei den Eu­ro­pa­wah­len von 2004 et­wa wur­den in den da­mals 22 Staa­ten bei­na­he 2,8 Mil­lio­nen un­gül­ti­ge Stimm­zet­tel ab­ge­ge­ben, das wa­ren 2,77 Pro­zent, das ist nicht ver­nach­läs­sig­bar.

Der An­teil un­gül­ti­ger Stim­men war in der Ver­gan­gen­heit be­son­ders hoch, wenn Wah­lent­hal­tung ge­setz­lich oder ge­sell­schaft­lich stark sank­tio­niert wur­de, zum Bei­spiel in au­to­ri­tä­ren Sys­te­men wie in der So­wjet­uni­on und in der NS-Zeit. Dik­ta­tu­ren ver­heim­lich­ten die­se ein­zig mög­li­che Form des Dis­sen­ses nicht nur, in­dem sie sie nicht aus­wie­sen, sie deu­te­ten sie bei der Aus­zäh­lung auch groß­zü­gig um – als Zu­stim­mung. Auch in De­mo­kra­ti­en mit Wahl­pflicht fin­det man mehr un­gül­ti­ge Stim­men. Sind sie be­wusst als un­gül­tig an­ge­legt oder aus Un­kennt­nis, ist es Pro­test oder Un­ver­mö­gen? Oder ist der un­über­sicht­li­che Stimm­zet­tel schuld, al­so kom­pli­zier­te Wahl­rechts­be­stim­mun­gen?

Der ös­ter­rei­chi­sche His­to­ri­ker Tho­mas Sto­ckin­ger ist ei­ner der we­ni­gen, die sich mit der Fra­ge der un­gül­ti­gen Stim­men be­schäf­tigt ha­ben. Er zog auch die Wahl von 1848 her­an, es war die ers­te, die in Ös­ter­reich zu ei­ner par­la­men­ta­ri­schen Ver­tre­tung durch­ge­führt wur­de. Es war neu und un­ge­wohnt da­mals, nicht al­len leuch­te­te ein, war­um sie wäh­len soll­ten. Die Wahl war noch nicht wie heu­te stark re­gle­men­tiert; die Stimm­zet­tel, auf die man den Na­men des Kan­di­da­ten schrei­ben soll­te, schau­ten in al­len Wahl­be­zir­ken un­ter­schied­lich aus. Leer ab­ge­ge­ben wur­den nur we­ni­ge, aber es kam zu Stimm­ab­ga­ben für Män­ner (nur sie konn­ten ge­wählt wer­den), die sich gar nicht als Kan­di­da­ten be­wor­ben hat­ten, auch ein Fan­ta­sie­na­me wie „An­ton Cä­sar Alex­an­der“tauch­te auf.

Fast im­mer schrieb die Land­be­völ­ke­rung Na­men von Kan­di­da­ten auf, die im Um­kreis des Hei­mat­or­tes der Wäh­ler zu Hau­se wa­ren. So stand auf ei­nem Wahl­zet­tel: „Ich, Jo­hann Ste­pfel­bau­er von Burg Enns als Wahl­mann, wäh­le als De­po­tir­ten (sic) nach Wien Herrn Franz Pims zu Asch­bach.“Das Wahl­ge­heim­nis in­ter­es­sier­te den Mann al­so nicht. Ihr Vo­tum aus­zu­for­mu­lie­ren und zu be­grün­den war den Wäh­lern oft wich­ti­ger. Das prin­zi­pi­ell Frucht­brin­gen­de für Tho­mas Sto­ckin­ger bei der Ana­ly­se von sol­chem Wahl­ver­hal­ten au­ßer­halb der Norm: Man kön­ne „al­ter­na­ti­ve Vor­stel­lun­gen von Wahl, Wäh­lern und Re­prä­sen­ta­ti­on“aus­ma­chen.

Par­al­lel zur glor­rei­chen Ge­schich­te der stän­di­gen Ver­bes­se­rung des Wahl­rechts ha­ben His­to­ri­ker sich auch mit den Phä­no­me­nen von Wahl­kor­rup­ti­on, Ma­ni­pu­la­ti­on und Ge­walt am Wahl­tag be­schäf­tigt. Wah­len im 19. Jahr­hun­dert dien­ten oft da­zu, die Herr­schaft von Aris­to­kra­ten oder Gel­de­li­ten zu le­gi­ti­mie­ren. In po­li­tisch schwa­chen, un­sta­bi­len Staa­ten war die Ab­hal­tung von Wah­len für die Be­völ­ke­rung oft das ein­zi­ge In­diz, dass ihr Staat über­haupt exis­tier­te.

Dass es bei Wah­len ge­walt­frei zu­ging, war nicht selbst­ver­ständ­lich. Ge­walt und Einschücht­erung ge­hör­ten bis zum 20. Jahr­hun­dert bei­na­he zur Wahl­pra­xis. Bür­ger­recht­ler, die sich im tiefs­ten Sü­den der USA für das Wahl­recht der Afro­ame­ri­ka­ner ein­setz­ten, lie­fen Ge­fahr, er­mor­det zu wer­den. Ein­schüch­te­run­gen und Ran­ge­lei­en bis hin zu Stra­ßen­schlach­ten am Wahl­tag wa­ren nicht sel­ten, auch Lynch­mor­de und At­ten­ta­te ge­scha­hen im­mer wie­der im Zu­sam­men­hang mit Wah­len. Klas­sen­kon­flik­te, Ras­sis­mus und die Si­che­rung der wei­ßen Vor­herr­schaft wa­ren his­to­risch zen­tra­le Mo­ti­ve für Ge­walt­aus­brü­che am Wahl­tag. Es dau­er­te in den USA 150 Jah­re, bis die zu­nächst „wil­de und un­or­dent­li­che De­mo­kra­tie“mit schwa­cher Staats­ge­walt sich zu ei­ner rei­fen De­mo­kra­tie ent­wi­ckelt hat­te.

Die Lust­lo­sig­keit der Wäh­ler, sich an der Wahl zu be­tei­li­gen, war auch in ent­wi­ckel­ten De­mo­kra­ti­en oft all­zu groß, da nütz­te auch die har­te Ar­beit der or­ga­ni­sier­ten Par­tei­funk­tio­nä­re im Vor­feld nichts. In den USA ge­hen bei Prä­si­dent­schafts­wah­len nur rund 50 Pro­zent der Be­völ­ke­rung zur Wahl. Es wird nicht be­son­ders dra­ma­ti­siert, es ge­hört eben zu ei­ner frei­en Ge­sell­schaft, zur Wahl zu ge­hen oder nicht. Sor­gen be­rei­tet eher die Tat­sa­che, dass es vor al­lem die so­zi­al Schwa­chen sind, die den Gang zur Wahl­ur­ne ver­wei­gern. Un­ter­su­chun­gen aus deut­schen Städ­ten ha­ben er­wie­sen, dass Stadt­be­zir­ke mit vie­len Hartz-IV-Emp­fän­gern am Wahl­sonn­tag über­durch­schnitt­lich zu Hau­se blie­ben. Je ge­rin­ger das Ein­kom­men, je nied­ri­ger der Bil­dungs­ab­schluss, je grö­ßer die Ab­hän­gig­keit vom So­zi­al­geld, des­to ge­rin­ger die Wahl­be­tei­li­gung, des­to grö­ßer da­her auch die „so­zia­le Ver­zer­rung“bei den Wah­l­er­geb­nis­sen. Gibt es die­se „Ver­zer­rung“beim Wahl­volk, ist an­zu­neh­men, dass sie sich bei den Ge­wähl­ten wi­der­spie­gelt.

Ein sym­bo­li­scher Pro­test, da­bei soll­ten Wah­len ei­gent­lich die fun­da­men­ta­le de­mo­kra­ti­sche Norm der po­li­ti­schen Gleich­heit in un­se­rer Ge­sell­schaft sein. We­nig über­zeu­gend ist die in den 1950er-Jah­ren erst­mals vor­ge­brach­te The­se, dass ei­ne ge­rin­ge Wahl­be­tei­li­gung Zei­chen von ge­ne­rel­ler Po­li­tik­zu­frie­den­heit ist. Eher ist es um­ge­kehrt: Die so­zi­al Ab­ge­häng­ten und da­her po­li­tisch Un­zu­frie­de­nen ver­wei­gern die Wahl. Sie sind so frus­triert, dass sie sich mit kei­ner Par­tei iden­ti­fi­zie­ren kön­nen und zur Über­zeu­gung ge­lan­gen, dass Wah­len oh­ne­hin nichts än­dern wür­den – ein Re­ser­voir, aus dem sich po­pu­lis­ti­sche Pro­test­par­tei­en be­die­nen kön­nen. Wer­den die Wäh­ler auch hier nicht zu­frie­den­ge­stellt, ver­ab­schie­den sie sich aus dem de­mo­kra­ti­schen Raum.

Dro­hen Wah­len zur Spiel­wie­se rein bil­dungs­bür­ger­li­cher Schich­ten zu wer­den? In den 1980er-Jah­ren mach­te der Spon­tiSpruch die Run­de: „Stell dir vor, es sind Wah­len, und kei­ner geht hin.“Man las Sart­re und Mar­cu­se, die das Sym­bol­haf­te von Wah­len her­vor­ho­ben und die­se als von den Mäch­ti­gen in­sze­nier­te Täu­schung der Mas­sen sa­hen. Co­lin Crouch hat vor zehn Jah­ren in sei­ner Stu­die über „Post­de­mo­kra­tie“fest­ge­stellt: Der öf­fent­li­che Wahl­kampf wur­de zu ei­nem fest kon­trol­lier­ten Spek­ta­kel, wel­ches von ri­va­li­sie­ren­den Teams pro­fes­sio­nel­ler Spin­dok­to­ren or­ga­ni­siert wird. Sie be­stim­men die Ins­ze­nie­rung, das „Wahl­spiel“, die Per­so­na­li­sie­rung, die Men­ge der Bür­ger spielt da­bei ei­ne pas­si­ve Rol­le. Doch trotz al­ler Skep­sis: Die Ab­leh­nung von Wah­len blieb bis heu­te ein Min­der­hei­ten­pro­gramm.

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