Tü­ren, die mit „wir“und „sie“mar­kiert wer­den

Spre­chen wir Kl­ar­text: Bo­ris John­son ist ein Ras­sist, der von ei­ner un­er­reich­ba­ren Rück­kehr in ein ima­gi­nier­tes Ges­tern träumt.

Die Presse - - DEBATTE - VON PHILIPPE SANDS

Vor ein paar Jah­ren war ich im Haupt­quar­tier der UNO und be­müh­te mich, Re­gie­rungs­ver­tre­ter für ei­ne Re­so­lu­ti­on zu ge­win­nen, Mau­ri­ti­us und Afri­ka zu hel­fen, sich von ei­nem letz­ten Über­rest des bri­ti­schen Ko­lo­nia­lis­mus, der Herr­schaft über die Cha­gos-In­seln, zu be­frei­en. Un­ser Haupt­kon­tra­hent war der bri­ti­sche Au­ßen­mi­nis­ter, der sich un­wis­sent­lich als bes­ter Für­spre­cher des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents her­aus­stell­te. Jah­re zu­vor hat­te er ei­nen Zei­tungs­ar­ti­kel ver­fasst, mit dem vie­le Di­plo­ma­ten schmerz­voll ver­traut wa­ren und in dem er die Be­woh­ner des afri­ka­ni­schen Lands als „Ne­gerba­bys“mit „Was­ser­me­lo­nen­lä­cheln“be­zeich­net hat­te. Wor­te zäh­len, und sie wer­den nicht ver­ges­sen, be­son­ders dann nicht, wenn sie ras­sis­ti­sche Be­lei­di­gun­gen ver­brei­ten.

Der da­ma­li­ge Au­ßen­mi­nis­ter wur­de im Ju­li bri­ti­scher Pre­mier­mi­nis­ter, und er sonnt sich in ge­gen­sei­ti­ger Be­wun­de­rung mit ei­nem US-Prä­si­den­ten, der eben­falls gern ras­sis­ti­sche Hal­tun­gen zum Aus­druck bringt. Vor ei­ni­ger Zeit wä­re so et­was noch un­vor­stell­bar ge­we­sen: Es sind die Füh­rer von zwei Län­dern, die im Jahr 1945 die UN-Char­ta ver­fass­ten, ein Be­kennt­nis „zur all­ge­mei­nen Ach­tung und Ver­wirk­li­chung der Men­schen­rech­te und Gr­und­frei­hei­ten für al­le oh­ne Un­ter­schied der Ras­se, des Ge­schlechts, der Spra­che oder der Re­li­gi­on“. Das Un­vor­stell­ba­re ist, für ei­ni­ge zu­min­dest, die neue Nor­ma­li­tät.

Der Wan­del kris­tal­li­sier­te sich 2016 her­aus. Nach der Fi­nanz­kri­se, (. . .) und ei­ner wach­sen­den Un­gleich­heit an Wohl­stand und Le­bens­chan­cen öff­ne­ten die Volks­ab­stim­mung über die EU-Mit­glied­schaft in Groß­bri­tan­ni­en und die US-Prä­si­den­ten­wahl die Tür in ei­nen neu­en Raum für of­fe­ne Ve­rächt­lich­ma­chung und auf Hass be­ru­hen­de Selbst­be­stim­mung. (. . .)

In Ita­li­en und Frank­reich er­klin­gen wie­der vol­ler Wucht üb­le ras­sis­ti­sche Fan­ge­sän­ge auf den Tri­bü­nen der Fuß­ball­sta­di­en, in Po­len und Un­garn re­giert der Über­na­tio­na­lis­mus. Es scheint, dass in Groß­bri­tan­ni­en, den USA und vie­len an­de­ren Län­dern das, was bis­her nicht to­le­riert wur­de, nun im nor­ma­len po­li­ti­schen Dis­kurs zum Aus­druck ge­bracht wer­den darf. Ur­sa­che und Wir­kung ste­hen nicht fest, aber die Wor­te, Ta­ten und Ver­säum­nis­se der po­li­ti­schen Füh­rer spie­len ei­ne schand­haf­te Rol­le, die­se Ent­wick­lung zu le­gi­ti­mie­ren.

Vie­le ha­ben Zeug­nis ab­ge­legt über den Auf­stieg der Po­li­tik von Iden­ti­tät und Hass. Ei­ni­ge Ta­ge nach der bri­ti­schen EU-Volks­ab­stim­mung im Ju­ni 2016 wur­de ei­ne in­di­sche An­wäl­tin und Kol­le­gin, ei­ne gu­te Freun­din von mir, in Lon­don in ei­nem Bus ras­sis­tisch be­schimpft. „Geh zu­rück, wo du her­ge­kom­men bist“, wur­de sie ge­hei­ßen. In zwei Jahr­zehn­ten in Groß­bri­tan­ni­en war ihr so et­was nicht wi­der­fah­ren. Sie ist da­mit nicht al­lein: Das In­nen­mi­nis­te­ri­um ver­zeich­ne­te nach dem Br­ex­it-Re­fe­ren­dum ei­nen mar­kan­ten An­stieg an Hass­ver­bre­chen. Ei­ni­ge mei­ner in­ter­na­tio­na­len Stu­den­ten er­zäh­len mir, dass sie Angst da­vor ha­ben, Lon­don zu ver­las­sen. Ein an­ge­se­he­ner Kol­le­ge und Pro­fes­sor se­ne­ga­le­si­scher Her­kunft konn­te we­gen Vi­sum­schwie­rig­kei­ten nicht zu ei­nem Vor­trag nach Groß­bri­tan­ni­en kom­men, ein wei­te­res Op­fer der neu­en „feind­se­li­gen Um­ge­bung“, der Po­li­tik der frü­he­ren In­nen­mi­nis­te­rin The­re­sa May.

Drei Jah­re da­nach sind die Füh­rer der USA und Groß­bri­tan­ni­ens ver­eint in ih­rer Nei­gung zu ei­ner Spra­che der Her­ab­wür­di­gung und Spal­tung, mit der sie die Rück­kehr in ei­ne un­ter­ge­gan­ge­ne Epo­che be­schwö­ren. Ihr Treib­stoff ist die Be­to­nung der Ab­gren­zung, sie stre­ben da­nach, die Men­schen in die Ka­te­go­ri­en „wir“und „sie“zu tei­len. „Wir“sind weiß und männ­lich, schei­nen sie zu ver­kün­den, ob in Tweets, Zei­tungs­ar­ti­keln oder – im Fall des Pre­mier­mi­nis­ters – in ei­nem Ro­man. „Sie“, das sind „die an­de­ren“, ob sie nun schwarz oder braun sind, Ein­wan­de­rer, weib­lich, ho­mo­se­xu­ell, mus­li­misch, jü­disch oder ein an­de­res Be­stim­mungs­merk­mal ha­ben. Es ist das Ge­gen­teil von Re­spekt für un­ser ge­mein­sa­mes Mensch­sein.

Tü­ren, die mit „wir“und „sie“mar­kiert wur­den, sind nichts Neu­es. Der ita­lie­ni­sche Schrift­stel­ler Pri­mo Le­vi schil­dert in sei­nem Buch „Ist das ein Mensch?“(1947) sei­ne Er­leb­nis­se in Au­schwitz: „Vie­le, ob In­di­vi­du­en oder Völ­ker, kön­nen mehr oder min­der be­wusst dem Glau­ben an­heim­fal­len, dass ,je­der Frem­de ein Feind ist‘“, schrieb er. „Meist ruht die­se Über­zeu­gung im Grun­de der See­len wie ei­ne la­ten­te In­fek­ti­on; sie ma­ni­fes­tiert sich le­dig­lich in un­ko­or­di­nier­ten Hand­lun­gen und bil­det nicht den Ur­sprung ei­nes Ge­dan­ken­sys­tems. Wenn aber das un­aus­ge­spro­che­ne Dog­ma zur obers­ten Prä­mis­se ei­nes Syl­lo­gis­mus wird, dann steht am En­de der Ge­dan­ken­ket­te das La­ger.“

Ei­ne ähn­li­che Ar­gu­men­ta­ti­on ver­folgt der Völ­ker­recht­ler Ra­pha­el Lem­kin, der Schöp­fer des Worts „Ge­no­zid“(Ver­nich­tung ei­ner gan­zen Volks­grup­pe, Anm.) In sei­nem Werk „Axis Ru­le“(1944) be­schreibt er, wie auf Wor­te des Has­ses un­aus­weich­lich Ta­ten fol­gen. Was mit Iden­ti­fi­ka­ti­on be­ginnt, wird mit ei­ner Mar­kie­rung fort­ge­setzt, da­nach folgt Ab­gren­zung, dann Ver­nich­tung. Es be­ginnt im­mer mit Wor­ten als Mit­tel, um ei­ne Ab­tren­nung auf Grund­la­ge von Iden­ti­tät zu nor­ma­li­sie­ren, schreibt Lem­kin. Ei­ne Tat folgt der an­de­ren, je­de schreck­li­cher als die vor­an­ge­gan­ge­ne.

Um es klar zu sa­gen: Groß­bri­tan­ni­en und die USA im Jahr 2019 sind nicht Na­zi-Deutsch­land 1936. Doch et­was ist in Auf­ruhr ge­ra­ten, wäh­rend die Ge­ne­ra­ti­on, die die­se Jah­re er­lebt hat, von uns geht, wo­mit wir die Ge­le­gen­heit ver­lie­ren, ei­ner tat­säch­lich ge­leb­ten Er­fah­rung und Er­in­ne­rung zu be­geg­nen. Uns bleibt nur, was sie ge­schrie­ben ha­ben, wie et­wa das Werk von Vik­tor Klem­pe­rer, Pro­fes­sor in Dres­den für Ro­ma­nis­tik, der 1947 „Lin

(*1960) ist Pro­fes­sor für Int. Recht am Uni­ver­si­ty Col­le­ge Lon­don, An­walt in der Ma­trix Cham­bers und Prä­si­dent des eng­li­schen PEN-Clubs. Er ist der Au­tor des Best­sel­lers „East West Street“. Sein neu­es Buch, „The Rat­li­ne“, er­scheint nächs­tes Jahr. Der gleich­na­mi­ge her­aus­ra­gen­de BBC-Pod­cast ist seit 2018 ab­ruf­bar. gua Ter­tii Im­pe­rii“über die Spra­che des Drit­ten Reichs ver­öf­fent­lich­te. Als ge­bür­ti­ger Ju­de, der mit ei­ner „Arie­rin“ver­hei­ra­tet war, ver­lor er kurz nach der Macht­er­grei­fung der Na­zis sei­nen Job und da­mit ver­bun­de­ne Rech­te wie et­wa den Zu­gang zu Bi­b­lio­the­ken.

Sei­nes Hand­werks­zeugs be­raubt führ­te er ein Tagebuch, um sei­ne Er­leb­nis­se und die täg­li­chen Er­eig­nis­se in sei­ner Um­ge­bung fest­zu­hal­ten, wo­bei er sich auf die Spra­che kon­zen­trier­te. Er schuf ei­nen Co­de – LTI – zur Er­fas­sung öf­fent­li­cher und pri­va­ter Re­de, von pro­fes­sio­nel­len Ver­pflich­tun­gen zu Tratsch mit dem Ge­mischt­wa­ren­händ­ler. Er mach­te zahl­rei­che Be­ob­ach­tun­gen, aber ei­ne, die hän­gen blieb, ist heu­te re­le­vant: Un­ter dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus durch­drang die Spra­che Fleisch und Blut „durch ein­zel­ne Wör­ter, Re­de­wen­dun­gen und Satz­struk­tu­ren, die mit­tels mil­lio­nen­fa­cher Wie­der­ho­lung durch­ge­setzt und me­cha­nisch und un­be­wusst auf­ge­nom­men wur­den“.

Klem­pe­rers schlich­tes, aber be­deut­sa­mes Ar­gu­ment war, dass der Dis­kurs tie­fe­re Wahr­hei­ten wi­der­spie­gelt und zu­erst Über­zeu­gun­gen prägt und dann Hand­lun­gen. „Die Spra­che ent­hüllt al­les“, no­tier­te er. „Ein Mensch kann ei­nen Hau­fen Lü­gen ver­brei­ten, aber in der Art, wie er sich äu­ßert, legt er sein wah­res In­ne­res für al­le sicht­bar of­fen.“(...)

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