Au­gen­blick des Aus­blei­chens

Die Presse - - SPECTRUM -

Nach fünf Ro­ma­nen und zwei Es­say­bän­den legt der viel­fach aus­ge­zeich­ne­te, 1966 in Wien ge­bo­re­ne Schrift­stel­ler Tho­mas Stangl nun sei­nen ers­ten Er­zäh­lungs­band vor, der Ent­gren­zun­gen und das Fal­len aus bis­he­ri­gen Be­zugs­rah­men va­ri­iert. Stangl führt sei­ne Fi­gu­ren hier in Zwi­schen­wel­ten, die manch­mal Ge­spins­ten aus feins­ten Fä­den oder wa­bern­den Ne­beln äh­neln und ei­nen Raum des Über­gangs bil­den „zwi­schen Ma­te­rie und Mu­sik“, zwi­schen Rea­lem und Traum, Wach­sein und Schlaf, Ver­trau­tem und Frem­dem oder Er­in­nern und Ver­ges­sen.

Die Grenz­auf­lö­sun­gen ge­sche­hen bei Stangl sub­til, als „ganz leich­te und fast un­merk­li­che Ver­schie­bung“. Ein Mo­ment wird er­reicht, „in dem sich al­les löst“, „Wor­te kom­men all­mäh­lich ins Rut­schen, ver­flüs­si­gen sich, trop­fen“oder um­krei­sen „auf ganz leich­te, schwe­ben­de Art“je­nen Au­gen­blick, in dem et­was „aus­bleicht bis zum Ver­schwin­den und dann ei­ne neue Ma­te­ria­li­tät be­kommt“.

Tho­mas Stangl gibt mehr­fach über sein er­zäh­le­ri­sches Ver­fah­ren Aus­kunft. So heißt es ein­mal: „Es ist Zeit, mit dem be­que­men Er­zäh­len auf­zu­hö­ren und die Per­spek­ti­ve um­zu­dre­hen. Die Kon­zen­tra­ti­on zu su­chen, die ich er­ah­ne.“Und an an­de­rer Stel­le: „Ich muss so er­zäh­len, bis zu dem Punkt, wo die Ge­schich­te zer­bricht.“Tho­mas Stangl be­wegt sich sou­ve­rän auf die­sen Punkt zu, dehnt Zeit und Raum, dann be­schleu­nigt er auf ein­mal, rafft und kon­zen­triert die Hand­lung.

Häu­fig wech­selt er die Per­spek­ti­ven. Re­pe­ti­ti­ve Se­quen­zen rhyth­mi­sie­ren und ver­dring­li­chen den Er­zähl­fluss. Die Gren­zen

Die Ge­schich­te des Kör­pers der Rea­li­tät wer­den in sei­ner „Ge­schich­te des Kör­pers“im­mer wie­der ein­drück­lich ver­wischt. Stangl spielt mit Va­ria­tio­nen, Zu­fäl­len und Mög­lich­kei­ten des Le­bens zwi­schen Wer­den, Sein und Ver­ge­hen, und er er­freut mit ei­ner be­ste­chen­den sprach­li­chen Ge­nau­ig­keit, die das Le­sen zum Ge­nuss wer­den lässt.

Drei­ßig Tex­te ent­hält die­ses Buch. In der Er­zäh­lung „Die To­ten von Zim­mer 105“, für die Stangl vor Kur­zem mit dem Wort­mel­dun­gen-Li­te­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net wur­de, ar­bei­tet ein Zi­vil­die­ner in ei­nem Pfle­ge­heim. Mit fei­nem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen sieht er die Pfleg­lin­ge als Sub­jek­te, de­ren Wahr­neh­mun­gen ver­scho­ben sind. All­mäh­lich wer­den sie sich selbst fremd und ih­rer Wirk­lich­keit, man­che von ih­nen schei­nen „ver­lo­ren ge­gan­gen, im In­ne­ren ih­res Kör­pers“.

Je­der be­wohnt sei­nen ei­ge­nen Bild kunft auf für uns durch­aus ko­mi­sche Art und Wei­se. In der Ge­schich­te „Das In­sti­tut“pro­biert ein Ro­bo­ter das Mensch­sein aus, wäh­rend je­der sei­ner Schrit­te über­wacht wird. Er spricht mit­tels vor­ge­fer­tig­ter Text­bau­stei­ne, ver­mag sich zu er­in­nern und sei­ne Emo­tio­nen als rich­tig oder falsch zu er­ken­nen. Als er Ge­fahr läuft, sich zu ver­lie­ben, wird das Ex­pe­ri­ment ab­ge­bro­chen.

„Mons­ter“ist der Ti­tel der ers­ten Er­zäh­lung, in der ei­ne Grup­pe Ver­spreng­ter Zuflucht in ei­ner Kle­in­stadt fin­det und je­den Abend ri­tu­ell auf das Er­schei­nen von Mons­tern war­tet. Und in der Ge­schich­te „Nur ein al­ter Mann“nimmt ein ehe­ma­li­ger An­walt ei­nen jun­gen Mann als Gast bei sich auf. Ist die­ser ein Dieb, plant er ein Ver­bre­chen oder han­delt es sich nicht viel­mehr um die Er­in­ne­rung des ein­sa­men Al­ten an sein jun­ges Ich?

Da­zwi­schen plat­ziert Stangl Kür­zes­ter­zäh­lun­gen, Text­col­la­gen aus Film und Fern­seh­se­ri­en oder gibt der „Stim­me des Au­tors“Raum, der sei­ne Wor­te als klei­ne pel­zi­ge Ku­geln von Text zu Text rollt, et­wa die Wor­te Angst, Zit­tern, Vi­bra­tio­nen oder den Na­men An­na. Ver­bin­dend sind auch vi­su­el­le Ein­drü­cke, die zu­wei­len syn­äs­the­tisch ver­ar­bei­tet wer­den und ins Sur­rea­le kip­pen, et­wa wenn Träu­me ei­nem ent­ge­gen­star­ren, es Far­be reg­net oder Bil­der aus Wän­den si­ckern.

In fast al­len Er­zäh­lun­gen spie­len Licht so­wie Be­lich­tun­gen ei­ne Rol­le. Dies lässt, ne­ben ei­ner Viel­falt an­de­rer li­te­ra­ri­scher und phi­lo­so­phi­scher Be­zü­ge, et­wa an Ro­land Barthes’ Es­say „Die hel­le Kam­mer“den­ken, in dem die­ser sich mit Fo­to­gra­fie aus­ein­an­der­setz­te. Ein Blick oder ein Licht­ein­fall ver­schiebt Gren­zen, ent­hüllt, was bis­her un­sicht­bar war, wan­delt Wahr­neh­mun­gen Dies sprach­lich an­schau­lich zu

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.