„Acht­sam heißt nicht weich“

Füh­rungs­kräf­te­trai­nings. Die Füh­rungs­ebe­nen set­zen auf Acht­sam­keit – nicht zu­letzt, weil laut WHO je­de zwei­te Krank­mel­dung in Un­ter­neh­men auf Stress zu­rück­zu­füh­ren ist.

Die Presse - - MANAGEMENT & KARRIERE - VON CLAU­DIA DABRINGER

Ei­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Stu­die hat im Jahr 2018 den Zu­sam­men­hang zwi­schen Me­di­ta­ti­on und Ar­beits­leis­tung un­ter­sucht. Er­geb­nis: Je­ne Teil­neh­mer, die ei­ne Vier­tel­stun­de me­di­tiert ha­ben, wa­ren we­ni­ger mo­ti­viert als die an­de­ren. Über­ra­schend war al­ler­dings, dass die we­ni­ger Mo­ti­vier­ten ge­nau­so viel leis­te­ten wie die Ar­beits­wil­li­gen, al­ler­dings mit ei­nem ru­hi­ge­ren Ge­müt. Neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en ha­ben zu­dem er­ge­ben, dass Me­di­ta­ti­on die Auf­merk­sam­keits­kon­trol­le stei­gert, die Emo­ti­ons­re­gu­la­ti­on ver­bes­sert und das Selbst­be­wusst­sein ver­än­dert. „Das Acht­sam­keits­trai­ning er­höht die Auf­merk­sam­keit und ver­bes­sert die ko­gni­ti­ven Funk­tio­nen wie Ge­dächt­nis­leis­tung, Kon­zen­tra­ti­on und schnel­le­re Re­ak­ti­ons­zei­ten“, sagt Sa­bi­ne Bar­ta, fach­li­che Lei­te­rin der Bur­nout-Be­wusst­seins­schu­le.

Das Be­wusst­sein für die Sinn­haf­tig­keit von Acht­sam­keit in Un­ter­neh­men sei di­rekt an die Un­ter­neh­mens­kul­tur ge­kop­pelt. „Ich ha­be vor Kur­zem für ein hei­mi­sches Bau­tech­nik-Un­ter­neh­men ein mehr­tä­gi­ges Acht­sam­keits­trai­ning für Füh­rungs­kräf­te ge­lei­tet. Wo am An­fang noch Skep­sis war, gab es am En­de vie­le Er­kennt­nis­se der teil­neh­men­den Ma­na­ger, vor al­lem hin­sicht­lich ih­rer ver­bes­ser­ten Fä­hig­keit, sich zu kon­zen­trie­ren und ge­las­se­ner an Pro­ble­me her­an­zu­ge­hen“, be­rich­tet Bar­ta. Die Bur­nout-Be­wusst­seins­schu­le bie­tet Füh­rungs­kräf­ten ei­ne Kom­bi­na­ti­on zwi­schen Zwei-Ta­ge­sWork­shops und Ein­zel­coa­chings im Zei­t­raum von drei bis sechs Mo­na­ten zum The­ma Acht­sam­keit an. In­ter­es­sier­te kön­nen auch den acht­wö­chi­gen MBSR-Kurs be­su­chen, ein Pro­gramm mit Grup­pen­sit­zun­gen von 2,5 St­un­den pro Wo­che und ei­nem ganz­tä­gi­gen Schwei­ge-Re­tre­at.

MBSR steht für Mind­ful-Ba­sed Stress Re­duc­tion. Die­se Me­tho­de wur­de in den 1970er-Jah­ren vom ame­ri­ka­ni­schen Mo­le­ku­lar­bio­lo­gen Jon Ka­bat-Zinn an der me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät von Mas­sa­chu­setts ent­wi­ckelt. Das Ziel von MBSR ist es un­ter an­de­rem, au­to­ma­ti­sier­te Ver­hal­tens­mus­ter zu ver­än­dern und da­durch acht­sa­mer mit Stress um­ge­hen zu kön­nen. „In vie­len Füh­rungs­eta­gen ge­hört Stress ha­ben ein­fach zum Li­fe­style. For­schung und Er­fah­rung zei­gen aber, dass dau­er­haf­ter Stress und Mul­ti­tas­king da­zu füh­ren, dass Men­schen weit hin­ter ih­ren Po­ten­zia­len zu­rück­blei­ben“, sagt Es­t­her Nar­beshu­ber, Ge­schäfts­füh­re­rin des Mind­ful Le­a­dership In­sti­tuts MLI.

Die Ex­per­tin räumt auch ein gän­gi­ges Vor­ur­teil aus: Ein acht­sa­mer Ma­nage­ment­stil ha­be nichts mit wei­cher Füh­rung zu tun. „Viel­mehr set­zen die Acht­sam­keits­pra­xis und die da­mit ver­bun­de­nen Übun­gen auf in­ne­re Klar­heit, Ru­he, Resi­li­enz und Aus­rich­tung, die ef­fek­ti­ve Füh­rung heu­te braucht.“Das MLI bil­det zer­ti­fi­zier­te Be­ra­ter für Mind­ful­ness in Or­ga­ni­sa­tio­nen aus.

Da­bei ler­nen die Teil­neh­mer un­ter an­de­rem mehr über die Wahr­neh­mung und Dy­na­mik im so­zia­len Feld oder das Wech­sel­spiel von per­sön­li­cher und or­ga­ni­sa­tio­na­ler Ent­wick­lung. Der Lehr­gang „Trai­ner & Be­ra­ter für Mind­ful­ness in Or­ga­ni­sa­tio­nen“will in Ko­ope­ra­ti­on mit der Tri­gon Ent­wick­lungs­be­ra­tung das „Salz­bur­ger Acht­sam­keits­mo­dell (SAM) ver­mit­teln. Es ist ei­ne Mi­schung aus Selbst­füh­rung und Qua­li­fi­zie­rung: „Da­bei ist es uns wich­tig, dass die In­hal­te ein­mal der Tie­fe des Kon­zepts ent­spre­chen und auf der an­de­ren Sei­te, die Mo­del­le und Kon­zep­te auch mit Hu­mor und Leich­tig­keit ver­mit­telt wer­den – al­so nicht bier­ernst und ganz oh­ne Eso­te­rik.“ Hier fin­den sich Lehr­gän­ge, Se­mi­na­re und Trai­nings zum The­ma Acht­sam­keit:

IIIIMLI-Mind­ful Le­a­dership In­sti­tut (auch Trai­ner-Aus­bil­dun­gen) www.mind­ful­lea­dership.at/ se­mi­na­ru­ber­sicht/

Bur­nout-Be­wusst­seins­schu­le www.bbs.co.at/|fu­er-un­ter­neh­men

Ar­ge Bil­dungs­ma­nage­ment www.bil­dungs­ma­nage­ment.ac.at/ wei­ter­bil­dungs­lehr­ga­en­ge.html Acht­sam­keits-Aka­de­mie www.acht­sam­keits-aka­de­mie.at

Ot­to Raich lei­tet das Zen­trum für Acht­sam­keit, Yo­ga und Me­di­ta­ti­on in Linz, ist ver­ant­wort­lich für den Wei­ter­bil­dungs­lehr­gang Acht­sam­keit in Be­ra­tung und Füh­rung an der Ar­ge Bil­dungs­ma­nage­ment. Er zi­tiert den Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen ei­nes In­dus­trie­un­ter­neh­mens: „Be­reits nach dem ers­ten Mo­dul wa­ren wir da­von über­zeugt, dass mehr Acht­sam­keit in un­se­rem täg­li­chen Han­deln und dem Um­gang mit­ein­an­der zu kla­ren Ent­schei­dun­gen, gu­ten Kon­flikt­lö­sun­gen, sta­bi­len Mit­ar­bei­ter­be­zie­hun­gen und so­mit er­folg­rei­cher Füh­rungs­ar­beit bei­tra­gen wird.“Dank des Trai­nings ent­wi­ckel­ten die Teil­neh­mer laut dem Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen aber auch ei­ne mit­füh­len­de­re und ge­las­se­ne­re Hal­tung im per­sön­li­chen All­tag. Der ein­se­mest­ri­ge Lehr­gang wid­met sich vier The­men­be­rei­chen: Wahr­neh­mung, Stress und Ge­las­sen­heit, dem Wech­sel­spiel zwi­schen In­nen und Au­ßen so­wie der In­te­gra­ti­on in das Um­feld.

„Die Ent­wick­lung von Acht­sam­keit be­ruht ganz we­sent­lich auf der Neu­ro­plas­ti­zi­tät des mensch­li­chen Ge­hirns. Des­halb hat bei ei­nem ernst­haf­ten Lehr­gang das re­gel­mä­ßi­ge Prak­ti­zie­ren von Übun­gen und Me­di­ta­tio­nen wäh­rend der Dau­er des Trai­nings ne­ben der Wis­sens­ver­mitt­lung ei­nen sehr ho­hen Stel­len­wert“, er­klärt Raich.

Wie ge­fragt das The­ma der­zeit ist, zeigt sich auch dar­in, dass der Hoch­schul­lehr­gang „Acht­sam­keit in Bil­dung, Be­ra­tung und Ge­sund­heits­we­sen“, den die Kirch­li­che Päd­ago­gi­sche Hoch­schu­le Wien/ Krems durch­führt, voll­kom­men aus­ge­las­tet ist. In­iti­iert und ent­wi­ckelt wur­de er vom Team der Acht­sam­keits-Aka­de­mie Wien. Er mo­ti­viert da­zu, Acht­sam­keit selbst zu le­ben und auf Ba­sis ak­tu­ells­ter wis­sen­schaft­li­cher Stu­di­en Pro­gram­me in Or­ga­ni­sa­tio­nen zu ent­wi­ckeln, zu im­ple­men­tie­ren und zu leh­ren. Knapp 90 in­ter­na­tio­na­le Teil­neh­mer aus un­ter­schied­lichs­ten Un­ter­neh­men und Be­rufs­fel­dern ab­sol­vie­ren den Hoch­schul­lehr­gang gera­de. „Acht­sam­keit ist kei­ne Tech­nik, die gera­de hip ist, son­dern ei­ne Hal­tung, die ich lau­fend wei­ter kul­ti­vie­re und die al­le Le­bens­be­rei­che um­fasst“, sagt Su­san­ne Stro­bach, Ge­schäfts­füh­re­rin der Acht­sam­keits-Aka­de­mie. Die­se bie­tet zu­dem ein Mind­ful Le­a­dership-Trai­ning an, das aus vier Mo­du­len be­steht.

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