Der ho­he Preis der Spe­sen­af­fä­re: FPÖ will Neu­start in Op­po­si­ti­on

FPÖ. Die Wäh­ler ver­zei­hen der Par­tei vie­les, aber nicht al­les. Nach die­sem Ab­sturz will die FPÖ Kon­se­quen­zen.

Die Presse - - DIE WAHL 2019 - VON IRIS BONAVIDA

Mög­li­cher­wei­se ist das der Mo­ment, der deut­lich macht, wie viel sich für die FPÖ in den ver­gan­ge­nen Wo­chen und Mo­na­ten ver­än­dert hat. Nicht nur, dass sie an die­sem Wahl­abend in ih­ren Klub­räum­lich­kei­ten in der Do­blhoff­gas­se emp­fängt, wo seit En­de Mai viel zu viel Per­so­nal auf viel zu en­gem Raum zu­sam­men­ar­bei­ten muss. Nicht nur, dass die­ses Mal seit mehr als ei­nem Jahr­zehnt nicht mehr Heinz-Chris­ti­an Stra­che die Par­tei in die Wahl führ­te, son­dern Nor­bert Ho­fer.

Es ist vor al­lem die­ser Mo­ment, als der blaue Bal­ken kurz nach 17 Uhr in die hö­he schießt, bei 16 Pro­zent ste­hen bleibt, und nur ei­ni­ge Funk­tio­nä­re im Raum sind, die mü­de und pflicht­be­wusst ap­plau­die­ren. Nicht ein­mal Ge­ne­ral­se­kre­tär Ha­rald Vilims­ky ist ge­kom­men, um die ers­ten Er­geb­nis­se un­ter Be­ob­ach­tung zu se­hen. Erst spä­ter wird er in den Me­di­en­raum kom­men, und ein Fa­zit zie­hen, das man an ei­nem Wahl­abend auch schon sehr lan­ge nicht mehr von ei­nem Frei­heit­li­chen ge­hört hat­te: „Aus mei­ner Sicht ist das kein kla­rer Auf­trag, die tür­kis-blaue Ko­ali­ti­on fort­zu­set­zen.“Und dann wei­ter: „Wir in­ter­pre­tie­ren das als Neu­start. Wir müs­sen uns so auf­stel­len, dass es nicht wie­der zehn Jah­re lang dau­ert, bis wir das Wäh­ler­ver­trau­en wie­der her­stel­len kön­nen.“Was das genau heißt? Ei­ne neue Kom­mu­ni­ka­ti­on, ei­ne neue Auf­stel­lung, neue in­ter­ne Re­geln. Was von Vilims­ky nicht kommt, zu­min­dest nicht vor­ran­gig: Ei­ne Be­schwich­ti­gung, ei­ne Be­schul­di­gung, ein Fin­ger­zei­gen auf an­de­re. Die­ses Mal weiß die FPÖ: An die­sem Er­geb­nis ist sie selbst schuld. Oder, rich­ti­ger: An die­sem Er­geb­nis ist Stra­che schuld.

Nor­bert Ho­fer sitzt nur we­ni­ge Me­ter von dem Tru­bel ent­fernt in sei­nem Bü­ro, als er die Zahl sieht: 16 Pro­zent. Das sind 1,3 Pro­zent­punk­te we­ni­ger als bei der EU-Wahl am 26. Mai, und vor al­lem: Zehn Pro­zent­punk­te we­ni­ger als bei der Na­tio­nal­rats­wahl 2017. In die­sen Se­kun­den hat Ho­fer zu­min­dest die Ant­wort auf ei­ne ent­schei­den­de Fra­ge be­kom­men, die er sich in den ver­gan­ge­nen Ta­gen ge­stellt hat: Wie viel kön­nen die Wäh­ler der FPÖ ver­zei­hen?

Die ers­te Hoch­rech­nung hat ge­zeigt: vie­les, aber nicht al­les. Ei­ne Ba­sis der frei­heit­li­chen An­hän­ger ist zwar skan­dal­re­sis­tent und im­mun ge­gen po­li­ti­sche Af­fä­ren. Aber es sind we­ni­ge. Zu we­ni­ge, um Ho­fer ei­nen Re­gie­rungs­auf­trag zu ge­ben. Nun bleibt ihm nur, in die (Fron­tal-)Op­po­si­ti­on ge­hen. Denn ei­ner­seits hat­te Ho­fer selbst an­ge­kün­digt, nur bei ei­nem Er­geb­nis von 20 Pro­zent in Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ein­zu­tre­ten. Und an­de­rer­seits braucht es zum Re­gie­ren zwei Par­tei­en. Und wenn die Wäh­ler nicht ver­zei­hen, war­um soll es dann ÖVP-Chef Se­bas­ti­an Kurz tun?

Wenn die Frei­heit­li­chen ei­nen Neu­start wol­len, wer­den sie am Di­ens­tag da­mit an­fan­gen müs­sen. Nach dem so­ge­nann­ten blau­en Mon­tag, an dem die FPÖ ih­ren me­ta­pho­ri­schen und ech­ten Ka­ter aus­ku­riert, trifft die Par­tei zu­sam­men. Dann geht es auch um die Fra­ge, wie es mit der Mit­glied­schaft Stra­ches wei­ter­ge­hen soll. Denn die FPÖ hat ih­re An­hän­ger durch ihn in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten auf die Pro­be ge­stellt. Ein­mal ei­ne Wo­che vor der EU-Wahl, als das Ibi­za-Vi­deo pu­blik wur­de und die Re­pu­blik dem da­ma­li­gen FPÖ-Chef Stra­che zu­se­hen muss­te, wie er über il­le­ga­le Par­tei­en­fi­nan­zie­rung und die Ver­ga­be von Staats­auf­trä­gen im Ge­gen­zug für Wahl­kampf­hil­fe laut nach­dach­te.

Ho­fer muss­te die Par­tei über­neh­men und die Kam­pa­gne für die Wahl an­füh­ren. Bei der EU-Wahl fiel die FPÖ auf 17,2 Pro­zent zu­rück. Das war schmerz­haft, aber kein To­des­stoß. Und dann, ei­ne Wo­che vor dem 29. Sep­tem­ber, schwäch­te Stra­che die FPÖ ein wei­te­res Mal. Nun er­mit­telt die Staats­an­walt­schaft we­gen des Ver­dachts der Ver­un­treu­ung. Der lang­jäh­ri­ge An­füh­rer, der sich mut­maß­lich mit Steu­er­geld be­rei­chert ha­ben soll? Selbst hoch­ran­gi­ge Par­tei­mit­glie­der zwei­fel­ten, ob das Kernk­li­en­tel der FPÖ treu blei­ben wür­de. Es tat es nur zum Teil.

[ APA ]

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