Un­ter­stel­lun­gen brin­gen uns beim Heer nicht wei­ter

Wo Al­f­red Lu­gert in sei­nen Aus­füh­run­gen zum Bun­des­heer irrt.

Die Presse - - DEBATTE - VON SIEG­FRIED ALBEL Dr. Sieg­fried Albel (*1951), Obst i.R., Prä­si­dent der Ig­bo, Mit­glied des Prä­si­di­ums der Platt­form Wehr­pflicht. www.ig­bo.at

Es ist im höchs­ten Ma­ße be­schä­mend, wenn ein Mi­liz­of­fi­zier glaubt, ei­nem er­fah­re­nen Of­fi­zier und nun Bun­des­mi­nis­ter in der Sa­che Fehl­ver­hal­ten un­ter­stel­len zu müs­sen. Bes­ser wä­re ge­we­sen, Al­f­red Lu­gert (Gast­kom­men­tar vom 20. 9. 2019, „Die Pres­se“) hät­te sich über die zeit­ge­mä­ße Hand­ha­bung der Mi­liz und de­ren Op­ti­mie­rung Ge­dan­ken ge­macht, wie es et­wa die In­ter­es­sen­ge­mein­schaft der Be­rufs­of­fi­zie­re (Ig­bo) tut.

Lu­gerts Be­haup­tun­gen sind auch sach­lich zu hin­ter­fra­gen, wenn er da­von spricht, dass das Bun­des­heer zu ei­nem „Be­rufs­heer“um­ge­baut wor­den sei und Mi­liz (trotz in­ten­si­ver Aus­bil­dung!) bil­li­ger kä­me. Er hat wohl über­se­hen, dass Mi­liz­sol­da­ten ei­ne Rei­he von So­zi­al­leis­tun­gen (z. B. Ver­dienst­ent­gang) er­hal­ten und oft deut­lich mehr „ver­die­nen“als Be­rufs­sol­da­ten. Er hat auch über­se­hen, dass „frei­wil­lig Län­ger­die­nen­de“nun­mehr in ei­nem or­dent­li­chen Di­enst­ver­hält­nis ste­hen, an­statt wie bis vor we­ni­gen Jah­ren we­der pen­si­ons­ver­si­chert noch or­dent­lich be­zahlt zu wer­den.

Der Ein­satz mi­li­tä­ri­scher Kräf­te kann nur dann er­folg­reich sein, wenn in­ner­halb kür­zes­ter Zeit der mög­li­che „Geg­ner“zeit­lich und räum­lich be­grenzt in ei­ne für ihn aus­sichts­lo­se Si­tua­ti­on ge­bracht wer­den kann. Das setzt vor­aus, dass je­der­zeit ent­spre­chen­de mi­li­tä­ri­sche For­ma­tio­nen ver­füg­bar sind. De­ren Stär­ke, Be­waff­nung und Aus­rüs­tung müs­sen an den er­wart­ba­ren Ein­satz­sze­na­ri­en aus­ge­rich­tet sein. Nur, kön­nen wir un­se­re Mi­liz jetzt und in al­len Si­tua­tio­nen so rasch be­reit ma­chen, dass der Er­folg da­mit si­cher­ge­stellt wer­den kann? Noch in der Zeit des Kal­ten Krie­ges ging man von ei­ner ent­spre­chen­den „Vor­warn­zeit“aus und hat­te ein aus­ge­klü­gel­tes Alarm­sys­tem, um die Mi­liz­kräf­te des Bun­des­hee­res ver­füg­bar zu ma­chen. Das aber konn­te Wo­chen dau­ern! Die Zeit bis zum Wirk­sam­wer­den der Mi­liz konn­te man mit je­nen Trup­pen über­brü­cken, die gera­de durch die an­we­sen­den Re­kru­ten ein­satz­be­reit wa­ren. Das wa­ren zu­min­dest ein bis zwei Bri­ga­den mit den er­for­der­li­chen Un­ter­stüt­zungs­tei­len.

Auf­grund der durch­ge­führ­ten „Re­for­men“(ver­kürz­te Dau­er der In­an­spruch­nah­me der Wehr­pflich­ti­gen, Aus­set­zung der Übungs­pflicht für Mi­liz­trup­pen) ha­ben wir heu­te we­der stän­dig ver­füg­ba­re Ein­satz­ver­bän­de noch rasch ver­füg­ba­re Mi­liz mehr. Ob­wohl dies z. B. bei Na­tur­ka­ta­stro­phen und Ter­ror­an­grif­fen not­wen­dig wä­re. Ge­braucht wer­den so­fort ver­füg­ba­re Trup­pen. Er­gän­zend müs­sen die Or­ga­ni­sa­ti­on und Funk­ti­on der Mi­liz neu ge­dacht und so ge­stal­tet wer­den, dass die­se ih­ren Bei­trag zur Si­cher­heit Ös­ter­reichs auch in den der­zeit denk­ba­ren Sze­na­ri­en leis­ten kann.

Die Ig­bo und die Platt­form Wehr­haf­tes Ös­ter­reich for­dern da­her seit 2013 die Nut­zung der Grund­wehr­die­ner in der Dau­er von acht Mo­na­ten, um im­mer ei­ne ent­spre­chen­de An­zahl von ein­satz­be­rei­ten Ver­bän­den ha­ben zu kön­nen. Die Mi­liz­ver­bän­de müs­sen wie­der den ver­pflich­ten­den Wie­der­ho­lungs­übun­gen un­ter­lie­gen, wo sie in ih­ren kon­kret vor­ge­se­he­nen Auf­ga­ben trai­niert wer­den.

Die Ein­satz­mög­lich­kei­ten des Bun­des­hee­res und sei­ner Mi­liz sind viel­fäl­tig und ge­hen weit über das rein Mi­li­tä­ri­sche hin­aus. Es muss durch Re­gie­rung und Ge­setz­ge­ber kon­sen­su­al ein Lö­sungs­pa­ket ge­fun­den und ge­re­gelt wer­den. Das ist mög­lich, wenn man sich dar­um be­müht, ein­an­der ver­traut, auf Fach­leu­te hört und sich der Ver­ant­wor­tung für die Si­cher­heit Ös­ter­reichs be­wusst ist.

Kon­sens muss auch in­ner­halb des Bun­des­hee­res be­ste­hen. Un­ter­stel­lun­gen und Kurz­sich­tig­keit wer­den der ge­ge­be­nen Kom­ple­xi­tät des The­mas nicht ge­recht und brin­gen uns nicht wei­ter.

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