War­um Tur­kis-Grun ein Fort­schritt fur os­ter­reich wa­re...

. . . und war­um es den­noch schei­tern könn­te. Für die je­wei­li­gen Funk­tio­nä­re und An­hän­ger be­deu­tet es näm­lich den Ab­schied von Starr­sinn, Feind­bild­pfle­ge und rein stra­te­gi­schem Par­tei­den­ken.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - LEIT­AR­TI­KEL VON RAI­NER NO­WAK

Wer hät­te dies vor sechs Mo­na­ten für mög­lich ge­hal­ten? Gut, dass die tür­kis­blaue Re­gie­rung stol­pert und nicht mehr auf­ste­hen kann, war vor­stell­bar. Auch ein Wahl­sieg von Se­bas­ti­an Kurz und ei­ne Rück­kehr der Grü­nen in den Na­tio­nal­rat. Aber Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zwi­schen Tür­ki­sen und Grü­nen mit struk­tu­rier­tem Fahr­plan und dem kla­ren Ziel, ei­ne ge­mein­sa­me Re­gie­rung zu bil­den? Kei­ner, um die ein­gangs ge­stell­te Fra­ge zu be­ant­wor­ten.

Und wer die ver­gan­ge­nen Mo­na­te ver­fol­gen durf­te, weiß: auch Se­bas­ti­an Kurz und Wer­ner Kog­ler nicht. Was zu­letzt in Ös­ter­reich pas­sier­te und ge­ra­de ge­schieht, lässt sich am bes­ten mit Nor­bert Ho­fers ein­zi­gem Er­be und Fuß­no­te zu­gleich für die ös­ter­rei­chi­sche Zeit­ge­schich­te be­schrei­ben: Wir wun­dern uns noch, was al­les mög­lich ist. Ein Bun­des­prä­si­dent, der einst Grü­nen-Chef war; ein ÖVP-Chef, der Wah­len ge­winnt; ein Vi­deo­mit­schnitt von al­ko­hol­ge­schwän­ger­ten grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Kor­rup­ti­ons­prah­le­rei­en, der ei­ne Re­gie­rung stürzt; ernst­haf­te Ver­hand­lun­gen zwi­schen zwei Par­tei­en, de­ren Funk­tio­nä­re und An­hän­ger ein­an­der auf­rich­tig ver­ach­te­ten. In­halt­lich, ha­b­i­tu­ell und teil­wei­se per­sön­lich.

Für die Grü­nen war Kurz schlim­mer als nur ein Feind­bild, der Alt-Jung-ÖVP­ler stand so ziem­lich für al­les, was die Grü­nen ab­lehn­ten: ei­ne re­strik­ti­ve Aus­län­der­po­li­tik, Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus und auf­ge­stell­te Po­lokrä­gen. Um­ge­kehrt sa­hen die Tür­ki­sen die Grü­nen als ten­den­zi­ell mar­xis­ti­sche Ver­bots­par­tei, de­ren Lieb­lings­be­schäf­ti­gun­gen in Stra­ßen­blo­cka­den, Mat­cha-Lat­te-Schlür­fen und gleich­ge­schlecht­li­chem Ma­ri­hua­na­kon­sum be­ste­hen. Dass die Welt kom­ple­xer und dif­fe­ren­zier­ter ist, ahn­ten zwar bei­de La­ger, aber erst die Kom­bi­na­ti­on aus Wahl­sieg, Kli­ma­wan­del, Ab­scheu vor Schwarz/Tür­kis-Blau und ein per­sön­li­ches Ken­nen­ler­nen der Ver­hand­lungs­teams mach­ten das nun of­fi­zi­ell star­ten­de Ex­pe­ri­ment mög­lich. Letz­tes ist das viel­leicht Wich­tigs­te: Nur wenn die per­sön­li­che Ebe­ne auf höchs­ter Ebe­ne stimmt, ist ei­ne po­li­ti­sche Part­ner­schaft mög­lich. Auch wenn das dort kei­ner hö­ren will, ge­nau des­we­gen sind die Ne­os als Drit­ter im Bun­de nicht mög­lich: Die ge­gen­sei­ti­gen Sym­pa­thi­en zwi­schen Kurz und Co. und der Trup­pe von Bea­te Meinl- Rei­sin­ger sol­len über­schau­bar ge­we­sen sein.

Freund­li­che Na­sen­lö­cher von ehe­ma­li­gen po­li­ti­schen Fein­den? Was im Wahl­kampf pas­siert, bleibt im Wahl­kampf. An­ge­sichts der Re­gie­rungs­bank ver­drängt der sach­li­che Prag­ma­tis­mus die Emo­ti­on. Ge­nau das ist das wahr­lich Lo­bens- und Lie­bens­wer­te an die­sen Ver­hand­lun­gen: Das nicht nur in den so­zia­len Me­di­en stän­dig ex­er­zier­te Schwarz-Weiß-Den­ken und -Ar­gu­men­tie­ren, die­se ge­häs­si­ge Po­la­ri­sie­rung in „wir“und „die“, wird mit die­sen Ge­sprä­chen zu­min­dest in­fra­ge ge­stellt. Ab so­fort kann für Lin­ke, die sich im­mer in der Mit­te wäh­nen, Kurz nicht mehr ein­fach nur als ge­mein­ge­fähr­li­cher Rechts­po­pu­list und In­dus­trie­büt­tel gel­ten. Kog­ler kann für Rech­te, die sich na­tür­lich im­mer in der Mit­te wäh­nen, nicht mehr nur ein ver­kapp­ter Kom­mu­nist und Will­kom­mens­klat­scher sein.

Der Be­ginn der ech­ten Ver­hand­lun­gen, die in­of­fi­zi­ell schon weit ge­die­hen sind, zeigt auch ein Ab­ge­hen von ei­ner rein par­tei­po­li­ti­schen Stra­te­gie­ebe­ne: Geht Kurz mit den Grü­nen, weiß er, dass dies für die FPÖ ei­ne Art Re­ha-Op­po­si­ti­ons­rol­le be­deu­tet, die nun als ein­zi­ge Par­tei rechts blin­ken und brül­len kann. Die bis­he­ri­ge Po­li­tik von Kurz, mit Po­si­tio­nie­rung wei­ter rechts FPÖ-Wäh­ler ab­zu­sau­gen, wä­re mit Tür­kis-Grün viel schwie­ri­ger zu kom­mu­ni­zie­ren. Die Grü­nen ha­ben es zwar stra­te­gisch leich­ter – ent­we­der sie kön­nen in­halt­lich Er­fol­ge im Kli­ma­schutz vor­wei­sen oder nicht –, aber auch ih­nen wer­den SPÖ und Ne­os kaum Schon­frist ge­ben, al­so im sel­ben Wäh­ler­teich fi­schen.

Dass Kurz und Kog­ler die­ses Ri­si­ko in ei­ner Zeit, in der Um­fra­gen Ent­schei­dun­gen mehr be­ein­flus­sen als Zah­len, auf sich neh­men, ehrt sie. Was in ei­ner Ko­ali­ti­on bei­de ei­nen muss, ist der Er­folg: Nur wenn bei­de Par­tei­en Maß­nah­men und Pro­jek­te durch­brin­gen, die nicht nur An­klang bei der ei­ge­nen Kernk­li­en­tel fin­den, kann ei­ne sol­che Ko­ali­ti­on re­üs­sie­ren. Buch­tipps und klu­ge Zitate wir­ken in Leit­ar­ti­keln im­mer ein we­nig bes­ser­wis­se­risch, aber hier muss es sein: Al­len Ver­hand­lern sei das staub­tro­cke­ne Buch von Boris Pal­mer ans Herz ge­legt. In „Erst die Fak­ten, dann die Moral“zeigt der streit­ba­re Grün-Po­li­ti­ker und Tü­bin­ger Ober­bür­ger­meis­ter, wie wich­tig Prag­ma­tis­mus bei ganz kon­kre­ter Po­li­tik ist.

Gut mög­lich, dass die Ver­hand­lun­gen noch schei­tern, et­wa we­gen der Maß­nah­men ge­gen den Kli­ma­wan­del (nicht so wahr­schein­lich), an der So­zi­al­po­li­tik und der Flücht­lings­po­li­tik (wahr­schein­li­cher, zu­mal es für Grü­ne zwei ge­trenn­te The­men­be­rei­che, für die Tür­ki­sen ein und das­sel­be The­ma sind). Aber al­lein die Tat­sa­che von kon­struk­ti­ven Ver­hand­lun­gen ist ein ech­ter Fort­schritt für das po­li­ti­sche Ös­ter­reich.

Mö­ge die schwie­ri­ge Übung ge­lin­gen.

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