Leit­ar­ti­kel von Ja­kob Zirm

In­ter­view. Die Welt sei noch „weit, weit da­von ent­fernt“, die Kli­ma­zie­le zu er­rei­chen, sagt Kli­ma­for­scher Na­ki­ce­no­vic.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON JA­KOB ZIRM

Letz­ten Frei­tag gin­gen wie­der Mil­lio­nen Ju­gend­li­che welt­weit auf die Stra­ße, um für Kli­ma­schutz zu de­mons­trie­ren. Lang­sam scheint das The­ma wirk­lich im all­ge­mei­nen Be­wusst­sein an­ge­kom­men zu sein. War­um schaf­fen Ju­gend­li­che mit ih­rer Sym­bol­fi­gur Gre­ta Thun­berg, was der Welt­kli­ma­rat IPCC in fast 30 Jah­ren nicht ge­schafft hat?

Ne­bo­j­sa Na­ki­ce­no­vic: Ich be­grü­ße das sehr, weil es die öf­fent­li­che Mei­nung än­dert, und ich hof­fe, dass es auch an­de­re Ge­ne­ra­tio­nen be­ein­flusst. Ich wür­de die Fra­ge je­doch um­ge­kehrt be­ant­wor­ten: Oh­ne die 30 Jah­re For­schung des IPCC wä­re das nicht mög­lich. Denn Fri­days for Fu­ture be­zie­hen sich auf die­se wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­se. Aber es stimmt, wir ha­ben 30 Jah­re ver­lo­ren. Es wä­re gut ge­we­sen, wenn es die­se Be­we­gung schon da­mals ge­ge­ben hät­te. Denn das gro­ße Bild ist in all den Jah­ren gleich ge­blie­ben: Oh­ne Än­de­run­gen be­we­gen wir uns in Rich­tung ei­ner Er­wär­mung um fünf bis sechs Grad. Das ist für nächs­te Ge­ne­ra­tio­nen ei­ne rie­si­ge Ge­fahr.

Laut ei­nem jüngst er­schie­ne­nen Buch von zwei Wis­sen­schafts­his­to­ri­kern hat auch der Welt­kli­ma­rat den Kli­ma­wan­del lang un­ter­schätzt, weil sich in der Wis­sen­schaft kon­ser­va­ti­ve Denk­schu­len eher durch­set­zen. Wie ha­ben Sie das er­lebt?

Die­se An­sicht tei­le ich nur be­dingt. In der Wis­sen­schaft gibt es nun ein­mal das so­ge­nann­te Peer-Re­view (je­de Er­kennt­nis wird von an­de­ren Wis­sen­schaft­lern über­prüft, Anm.). Da­durch kom­men ra­di­ka­le Ide­en nicht so schnell durch, die Er­kennt­nis­se kön­nen aber im­mer als ro­bust be­trach­tet wer­den. Das IPCC woll­te im­mer die gan­ze Band­brei­te der Wahr­schein­lich­keit ab­de­cken, die sta­tis­ti­schen Aus­rei­ßer aber eli­mi­nie­ren. Und bei die­ser Band­brei­te sind wir über die Jah­re ge­nau­er ge­wor­den. Zu­dem hat sich auch die Rea­li­tät ver­än­dert. Die Treib­haus­gas­emis­sio­nen wach­sen je­des Jahr um zwei Pro­zent. Es ha­ben sich al­so die Um­stän­de ge­än­dert, wes­halb die Aus­sa­gen des IPCC ein­deu­ti­ger ge­wor­den sind.

Die neue EZB-Che­fin Chris­ti­ne La­g­ar­de will die Po­li­tik der Zen­tral­bank auch dar­auf aus­rich­ten, dass Kli­ma­schutz un­ter­stützt wird. Was kann das brin­gen?

Es wä­re un­glaub­lich wich­tig, dass die Fi­nanz­wirt­schaft als Gan­zes um­schwenkt. Auch die Eu­ro­päi­sche In­ves­ti­ti­ons­bank und die neue Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin, Ur­su­la von der Ley­en, ha­ben sich ja be­reits dem­ent­spre­chend ge­äu­ßert. Beim The­ma Koh­le sieht man schon, wel­chen Ef­fekt es hat, wenn In­ves­to­ren sich zu­rück­zie­hen. Al­ler­dings muss sich wohl auch das Den­ken än­dern. Denn vie­le kli­ma­scho­nen­de Tech­no­lo­gi­en wie Ener­gie­ef­fi­zi­enz oder Elek­tro­mo­bi­li­tät brau­chen am An­fang ho­he In­ves­ti­tio­nen. Hier muss lang­fris­tig ge­dacht wer­den. Der­zeit be­ste­hen die An­rei­ze aber oft noch für die kurz­fris­ti­ge Ren­di­te.

Was er­war­ten Sie von der dies­jäh­ri­gen Kli­ma­kon­fe­renz in Ma­drid?

Ich hof­fe, dass ei­ni­ge Län­der ih­re frei­wil­li­gen na­tio­na­len Ver­pflich­tungs­plä­ne deut­lich nach­schär­fen wer­den. Die­se rei­chen der­zeit noch nicht aus. Selbst wenn al­le Ver­pflich­tun­gen er­füllt wer­den, stei­gen die Emis­sio­nen wei­ter an.

Die Welt hat sich 2015 auf das Ziel ei­ner Er­wär­mung na­he bei 1,5 Grad ge­ei­nigt. Kann das er­reicht wer­den?

Es ist nicht to­tal au­ßer Sicht. Aber um es zu er­rei­chen, müss­ten wir bis 2030 die Emis­sio­nen auf die Hälf­te re­du­zie­ren. Bis 2040 dann noch­mal auf die Hälf­te, und bis 2050 auf null. Da­von sind wir weit, weit ent­fernt.

Was müss­te nun als Ers­tes ge­sche­hen?

Beim Ener­gie­sys­tem wä­re es not­wen­dig, so schnell es geht to­tal aus der Koh­le aus­zu­stei­gen. Das ist aber leich­ter ge­sagt als ge­tan. So gibt es rund 2400 ak­ti­ve Koh­le­kraft­wer­ke, 600 wei­te­re sind in Bau oder ge­plant. Der größ­te Braun­koh­le­pro­du­zent ist üb­ri­gens Deutsch­land. Gleich­zei­tig muss der An­teil Er­neu­er­ba­rer welt­weit von sie­ben bis 2030 auf zu­min­dest 15 Pro­zent ver­dop­pelt wer­den – mit all den da­für not­wen­di­gen Um­bau­ten bei Spei­chern und Net­zen. Und in man­chen Län­dern wird Kern­ener­gie wie­der ei­ne grö­ße­re Rol­le spie­len.

Ist Ih­nen ein AKW lie­ber als ein Koh­le­kraft­werk?

Ich wür­de sa­gen Ja. Ich bin kein Be­für­wor­ter von Kern­kraft, und man er­setzt ei­ne ge­fähr­li­che Op­ti­on mit ei­ner an­de­ren. Wenn man sich aber die Sterb­lich­keit, die durch die Luft­ver­schmut­zung von Koh­le aus­ge­löst wird, an­sieht, sind AKW un­ge­fähr­li­cher. Sie sind kei­ne Lö­sung, aber wie Gas ei­ne Über­gangs­tech­no­lo­gie.

Was wä­re sonst noch wich­tig?

Ent­schei­dend ist die End­nut­zung der Ener­gie. Der Ver­kehr muss in Rich­tung Nul­le­mis­sio­nen ge­hen. Häu­ser soll­ten zu Ener­gie­pro­du­zen­ten wer­den. Hei­zun­gen müs­sen kom­plett weg von Koh­le, Öl und lang­fris­tig auch Gas. Aber auch die Ver­wen­dung von Stahl oder Be­ton kann ef­fi­zi­en­ter wer­den. So könn­te statt Stahl im Bau oft auch Holz ver­wen­det wer­den. Bei Be­ton wie­der­um könn­te der dar­in ent­hal­te­ne Stahl durch Car­bon er­setzt wer­den. Das wür­de die Nut­zung ver­län­gern. Denn der­zeit wird Be­ton ka­putt, weil Was­ser ein­dringt und der Stahl ros­tet. Bei Koh­len­stoff ist das kein Pro­blem. Und wenn die­ser aus ab­ge­trenn­tem CO2 er­zeugt wird, hat man so­gar ei­ne Spei­cher­mög­lich­keit. Die Pro­duk­ti­on von Be­ton und Stahl ist je­weils für fünf Pro­zent der glo­ba­len Emis­sio­nen ver­ant­wort­lich.

Wird uns die Tech­nik ret­ten, oder müs­sen wir auch un­ser Ver­hal­ten än­dern?

Schau­en wir uns an, wie die Di­gi­ta­li­sie­rung un­ser Ver­hal­ten ver­än­dert hat. War­um soll das et­wa bei der Elek­tro­mo­bi­li­tät nicht ähn­lich sein. Wenn es künf­tig ei­nen bes­se­ren Ver­bund von öf­fent­li­chem Ver­kehr und au­to­nom fah­ren­den Elek­tro­au­tos gibt, der mit­tels in­tel­li­gen­ter Sys­te­me or­ga­ni­siert wird, dann ist das ei­ne Ver­hal­tens­än­de­rung. Aber das muss ja nicht zwangs­läu­fig ei­nen Ver­zicht be­deu­ten. Ist das Smart­pho­ne ein Ver­zicht oder ein Vor­teil? Gleich­zei­tig wä­re es na­tür­lich po­si­tiv, wenn wir un­se­ren Le­bens­stil in man­chen Be­rei­chen än­dern. Et­wa we­ni­ger Fleisch es­sen, mehr zu Fuß ge­hen. Das ist auch al­les gut für die Ge­sund­heit. Aber das muss bei je­dem selbst von in­nen kom­men. Und da­für müs­sen erst neue Nor­men und Wer­te ent­ste­hen. Et­wa, dass wir Ab­fall oder zu star­ken Kon­sum als ne­ga­tiv emp­fin­den.

Emp­fin­den Sie Flug­scham beim Flie­gen?

Nein. Mir ist be­wusst, dass es ei­ne rie­si­ge Be­las­tung für das Kli­ma ist. Aber die Rei­sen wie jetzt et­wa nach Ma­drid ha­ben ja auch ei­nen gro­ßen Nut­zen. Da­her wird es auch künf­tig wei­ter Flü­ge ge­ben. Ich ha­be schon jetzt Kol­le­gen, die gar nicht mehr flie­gen. Das be­schränkt aber na­tür­lich auch de­ren Mög­lich­kei­ten, weil sie an ge­wis­sen Kon­fe­ren­zen nicht mehr teil­neh­men kön­nen. Aber wer weiß, vi­el­leicht ist in ei­ni­gen Jah­ren auch bei mir die Flug­scham da.

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