Die deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten „im Selbst­zer­stö­rungs­mo­dus“

Ana­ly­se. Die SPD wählt zwei un­be­kann­te Par­tei­lin­ke an ih­rer Spit­ze. Wer sie sind und was das für die Re­gie­rung in Berlin be­deu­ten könn­te.

Die Presse - - AUSLAND -

Ger­hard Schrö­der ist der Letz­te sei­ner Art, al­so der letz­te noch le­ben­de So­zi­al­de­mo­krat, der das deut­sche Kanz­ler­amt von in­nen kennt. Dass sei­ne Par­tei nun die knapp 426.000 Mit­glie­der über den Par­tei­vor­sitz ab­stim­men ließ, hielt Schrö­der von An­fang an für „un­glück­lich“, wie er dem „Spiegel“sag­te. Und: „Das Er­geb­nis be­stä­tigt mei­ne Skep­sis.“

Das Er­geb­nis der ers­ten Ur­wahl seit 1993 heißt Nor­bert Wal­ter-Bor­jans und Sas­kia Es­ken. Die bei­den Ko­ali­ti­ons­kri­ti­ker vom lin­ken Flü­gel setz­ten sich mit 53 Pro­zent ge­gen Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz und Kla­ra Gey­witz durch. In der Not – die SPD steht in Um­fra­gen bei 13 Pro­zent – rückt die Par­tei al­so nach links. Sie wagt das Ex­pe­ri­ment. Sie will sich von ei­nem un­er­fah­re­nen lin­ken Duo, der ers­ten Dop­pel­spit­ze in der Ge­schich­te der Par­tei, aus der „neo­li­be­ra­len Pam­pa“füh­ren las­sen. Sie bricht da­mit auch end­gül­tig mit Ger­hard Schrö­ders Er­be.

Bö­se for­mu­liert, ver­bin­det Wal­terBor­jans (Spitz­na­me „No­wabo“) und die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Sas­kia Es­ken, dass man bei­de in der brei­ten Öf­fent­lich­keit bis­her kaum kennt und dass bei­de noch kei­ne er­folg­rei­che Wahl ge­schla­gen ha­ben.

No­wabo, Spross ei­ner Hand­wer­ker­fa­mi­lie, stieg in der Exe­ku­ti­ve auf, er war Re­gie­rungs­spre­cher, Staats­se­kre­tär und dann, von 2010 bis 2017, auch Fi­nanz­mi­nis­ter im be­völ­ke­rungs­reichs­ten Bun­des­land Nord­rhein-West­fa­len. „Ro­bin Hood“nen­nen den froh­mü­ti­gen Rhein­län­der sei­ne Fans, dar­un­ter die Jun­gen um Ju­so-Chef Ke­vin Küh­nert. Doch in der Nach­be­trach­tung geht un­ter, dass der pro­mo­vier­te Öko­nom als Fi­nanz­mi­nis­ter nicht nur Steu­er­sün­der jag­te, son­dern auch meh­re­re ver­fas­sungs­wid­ri­ge Bud­gets vor­leg­te, die Ge­rich­te ein­kas­sier­ten. Wal­terBor­jans zählt zum lin­ken Flü­gel.

So wie sei­ne Mit­strei­te­rin Es­ken, ei­ne In­for­ma­ti­ke­rin aus dem

Schwarz­wald. Dort er­hielt sie in ih­rem Wahl­kreis bei der Bun­des­tags­wahl 2017 ma­ge­re 17,6 Pro­zent der Stim­men. Die Di­gi­ta­li­sie­rung ist ihr Leibthe­ma. In der Bun­des­tags­frak­ti­on, al­so im Par­la­ments­klub, hat sie nicht nur Fans. An ih­rer Team­fä­hig­keit soll es Zwei­fel ge­ben.

Das Duo hat ei­ne stramm lin­ke Agen­da. Es wünscht sich Ver­mö­gens­steu­ern, ei­nen hö­he­ren Spit­zen­steu­er­satz für Rei­che, 12 Eu­ro Min­dest­lohn, 500 Mil­li­ar­den Eu­ro staat­li­che In­ves­ti­tio­nen bin­nen ei­nes Jahr­zehnts und, wenn nö­tig, die Preis­ga­be der schwar­zen Null, al­so des aus­ge­gli­che­nen Haus­halts, der zum Mar­ken­zei­chen der Ära Mer­kel ge­wor­den ist.

Wal­ter-Bor­jans/Es­ken ha­ben sich in den Cas­ting­shows um den SPDVor­sitz als Kri­ti­ker der Gro­ßen Ko­ali­ti­on in Sze­ne ge­setzt, al­so als Ge­gen­ent­wurf zu ei­nem „Wei­ter so“un­ter Vi­ze­kanz­ler Scholz. Man kann das Er­geb­nis auch als Vo­tum ge­gen die Gro­ße Ko­ali­ti­on und das SPD-Esta­blish­ment deu­ten. Denn Mi­nis­ter und Par­la­ments­klub stan­den hin­ter Scholz, dem Ver­lie­rer. Der Han­se­at träum­te von SPDVor­sitz und Kanz­ler­kan­di­da­tur. Statt­des­sen ist er nur noch Mi­nis­ter auf Ab­ruf.

Der nächs­te Show­down geht von 6. bis 8. De­zem­ber in Berlin über die Büh­ne. Die 600 De­le­gier­ten sol­len dann über die Zu­kunft der Ko­ali­ti­on ent­schei­den. Doch auch die lin­ke Dop­pel­spit­ze dürf­te kei­nen über­falls­ar­ti­gen Aus­stieg emp­feh­len. Eher könn­te der Par­tei­tag den Fort­be­stand mit Nach­ver­hand­lun­gen des Ko­ali­ti­ons­ver­trags ver­bin­den. Die De­le­gier­ten soll­ten fest­le­gen, was so drin­gend um­zu­set­zen sei, „dass wir dar­an die Ko­ali­ti­ons­fra­ge“knüp­fen, kün­dig­te No­wabo am Wo­che­n­en­de an. Die SPD könn­te un­ter an­de­rem ein Nach­bes­sern des müh­se­lig ge­schnür­ten Kli­ma­pa­kets ver­lan­gen.

Saar­lands Mi­nis­ter­prä­si­dent To­bi­as Hans wähnt die SPD im „Selbst­zer­stö­rungs­mo­dus“. Sei­ner ei­ge­nen Par­tei rät er: „Ru­he be­wah­ren, stand­haft blei­ben.“Das Di­lem­ma: Par­tei­che­fin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er (AKK) will zwar die Ko­ali­ti­on fort­set­zen, hat aber auch aus­ge­schlos­sen, dass der Ko­ali­ti­ons­ver­trag noch ein­mal neu ver­han­delt wird – so wie das die de­si­gnier­ten SPD-Chefs for­dern. Am Sonn­tag sag­te AKK: „Wir ste­hen zu die­ser Ko­ali­ti­on auf der Grund­la­ge, die ver­han­delt ist.“

Bei ei­ni­gen Uni­ons­po­li­ti­kern neigt sich die Ge­duld mit der SPD dem En­de zu, zu­mal man den Ge­nos­sen schon reich­lich Zu­ge­ständ­nis­se mach­te, zu­letzt bei der Ein­füh­rung ei­ner Grund­ren­te, die Scholz hel­fen soll­te, die SPD-Wahl zu ge­win­nen. Es kam dann an­ders.

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