Mit der Asche der To­ten spielt man nicht − oder doch?

Ak­ti­ons­kunst. Das Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit pro­vo­ziert wie­der ein­mal. Es hat die „Asche der Op­fer“des NS-Re­gimes ins Herz Ber­lins ge­pflanzt. Zu­min­dest be­haup­tet es das. Das Künst­ler­kol­lek­tiv fürch­tet näm­lich, dass sich die Ge­schich­te wie­der­ho­len kö

Die Presse - - FEUILLETON -

Am Di­ens­tag ist Franz von Pa­pen auf dem Weg nach Ber­lin. Das Zen­trum für po­li­ti­sche Schön­heit (ZPS) hat ihn in sei­ne Ge­walt ge­bracht, wie es so au­gen­zwin­kernd wie Auf­merk­sam­keit hei­schend ver­kün­det. Nun ist der ade­li­ge Ka­tho­lik schon seit 50 Jah­ren tot. Das Künst­ler­kol­lek­tiv, be­seelt von ei­nem „ag­gres­si­ven Hu­ma­nis­mus“, hat al­so nur den Gr­ab­stein je­nes Man­nes ent­wen­det, der Adolf Hit­ler den Weg an die Macht eb­ne­te. Und jetzt, ver­kün­det das ZPS, soll der to­te ehe­ma­li­ge Reichs­kanz­ler von Pa­pen in Ber­lin die „his­to­ri­sche Schuld des Kon­ser­va­ti­vis­mus“auf­ar­bei­ten. Was für ei­ne Gr­ab­schän­dung, was für ein Thea­ter!

Die Epi­so­de fügt sich in je­ne Kunst­ak­ti­on des ZPS, die seit Mon­tag im Her­zen Ber­lins zwi­schen Reichs­tags­ge­bäu­de und Kanz­ler­amt in Sze­ne geht. Es ist his­to­ri­scher Bo­den. Dort stand die Knoll-Oper, die nach dem Reich­tags­brand 1933 als Er­satz­par­la­ment dien­te. Dort hän­dig­te der Kon­ser­va­ti­ve von Pa­pen an Hit­ler die Macht aus. Dort leg­te „der Kon­ser­va­ti­vis­mus die De­mo­kra­tie in die Hän­de der Mör­der“. „Ganz frei­wil­lig“. Und dort hat das ZPS ei­ne 2,5 Me­ter ho­he „Wi­der­stands­säu­le“ent­hüllt, de­ren rot­bräun­li­cher In­halt die „Asche der Op­fer“des NS-Re­gimes be­inhal­ten soll. Zu­min­dest wird das be­haup­tet. Weil das Künst­ler­kol­lek­tiv gern Fik­ti­on und Wahr­heit ver­mengt, weiß man das aber nicht so ge­nau.

Die all­zu pla­ka­tiv auf­be­rei­te­te Bot­schaft: Nie wie­der dürf­ten die Kon­ser­va­ti­ven, al­so heu­te CDU/CSU, mit „Fa­schis­ten“, ge­meint ist die AfD, pak­tie­ren. Man muss da­zu wis­sen: Der Kopf der Künst­ler­trup­pe, der Phi­lo­soph Phil­lipp Ruch (38), wähnt übe­r­all Par­al­le­len zwi­schen heu­te und der End­pha­se der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Se­bas­ti­an Kurz nann­te Ruch, des­sen ZPS das Ibi­za-Vi­deo vor­ab kann­te, ein­mal ei­nen „Mi­nia­tur-von-Pa­pen“. Ruch wähnt al­len­orts Be­schwich­ti­gungs­po­li­tik ge­gen­über Rech­ten. To­le­ranz­de­bat­ten em­pö­ren ihn. Rech­te, so sein Cre­do, müs­se man

„äch­ten“, aus­nahms­los und im­mer. Na­tür­lich soll die Asche-Ak­ti­on pro­vo­zie­ren. Wer da­für Bei­fall klatscht: gut für das ZPS. Wenn sich man­che über ei­ne Stö­rung der To­ten­ru­he em­pö­ren und an­zwei­feln, dass die Kunst­frei­heit das noch deckt: um­so bes­ser. Der größ­te Glücks­fall für Ruchs Trup­pe wä­re es, wür­de sich ein hoch­ran­gi­ger CDU-Po­li­ti­ker auf­re­gen. Was wä­ren das für Schlag­zei­len! Denn im Schaf­fen des ZPS sind die Re­ak­tio­nen der Ge­sell­schaft, der „Per­for­mer“, im­mer Teil des Kunst­werks. Wes­halb man die CDU/CSU-Ab­ge­ord­ne­ten reizt, ih­nen na­ment­lich auf ei­ner gro­ßen Ta­fel „fes­te Be­suchs­ter­mi­ne“zu­weist.

Sie sol­len kom­men und fei­er­lich ge­lo­ben, nie­mals ei­ne Re­gie­rung mit­hil­fe oder un­ter Dul­dung der AfD zu bil­den. Das ist al­ler­dings oh­ne­hin of­fi­zi­el­le Li­nie der CDU. Es gibt da­zu ei­nen gül­ti­gen Par­tei­tags­be­schluss. Auch wenn der Wi­der­stand ge­gen die AfD in zwei ost­deut­schen Bun­des­län­dern tat­säch­lich zu brö­ckeln be­ginnt.

Die jüngs­te Ak­ti­on lief nach An­ga­ben des ZPS schon vor zwei Jah­ren an. Man ha­be da­mals mit der Su­che nach der Asche der Er­mor­de­ten Hit­ler­deutsch­lands be­gon­nen. „So un­glaub­lich es klingt: 74 Jah­re nach den Mas­sen­mor­den lie­gen die Über­res­te der Op­fer im­mer noch übe­r­all her­um.“Mehr als 200 Pro­ben wur­den dem­nach an 23 deut­schen, pol­ni­schen, ukrai­ni­schen Or­ten ge­nom­men, Kno­chen­koh­le in den Fluss­läu­fen der Weich­sel und Zäh­ne auf Fel­dern ge­fun­den, be­haup­tet das ZPS. Im Dorf Har­men­se, na­he Au­schwitz, sol­len Häft­lin­ge ei­nen Damm aus Asche auf­ge­schüt­tet ha­ben. Das ZPS will die­sen Damm nun ge­öff­net ha­ben.

Die Kam­pa­gne ir­ri­tiert den Chef des Zen­tral­rats der Ju­den, Jo­sef Schus­ter. Er hält sie für „pro­ble­ma­tisch, weil sie ge­gen das jü­di­sche Re­li­gi­ons­ge­setz ver­stößt, ge­gen die To­ten­ru­he“. Das ZPS ent­geg­net, es ha­be für die Op­fer bis­her „kein Gr­ab, kei­ne letz­te Ru­he­stät­te“ge­ge­ben. Und es im­mu­ni­siert sich ge­gen Kri­tik mit ei­nem Zi­tat des Ho­lo­caust-Op­fers Zal­man Gra­dow­ski: „Fin­der, su­che übe­r­all, auf je­dem Zoll­breit Er­de.“

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