Exo­dus der Funk­tio­nä­re: Die Far­be Rot im frei­en Fall

Das Zer­brö­seln der SPÖ ist je­ner Feh­l­ein­schät­zung ge­schul­det, wo­nach al­les beim Al­ten blei­ben müs­se.

Die Presse - - FEUILLETON -

„Was ist pas­siert, was hat dich bloß so rui­niert?“− Die Ster­ne

Wahr­schein­lich sit­zen auch die selbst­be­wuss­te­ren Mit­glie­der der ehe­mals so stol­zen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei vor den Trüm­mern und wei­nen. Die Trau­er­ar­beit im Vor­feld des Be­gräb­nis­ses hat ma­ka­bre Zü­ge, ist aber ty­pisch für ei­ne Par­tei, ei­ne Be­we­gung, in der sich in­halt­lich nichts mehr be­wegt. Die Er­star­rung die­ser oh­ne­dies struk­tur­star­ren Grup­pe hat durch pa­ra­do­xe In­ter­ven­ti­on zum Ge­gen­teil der Star­re ge­führt.

Jetzt stie­ben al­le Ele­men­te und Men­schen die­ser einst so stol­zen Par­tei aus­ein­an­der: „Nur weg.“Das Zer­brö­seln ist je­ner man­geln­den Elas­ti­zi­tät und je­ner Feh­l­ein­schät­zung ge­schul­det, wo­nach al­les beim Al­ten blei­ben müs­se: bei den al­ten Phra­sen, bei den al­ten Funk­tio­närs­ty­pen, bei den al­ten Ego­ma­nen, bei den al­ten Re­zep­ten und den al­ten Schuld­zu­wei­sun­gen. Letz­te­re wa­ren ja bis in die jüngs­te Zeit Stan­dard­ver­fah­ren in der SPÖ; et­was so Exo­ti­sches wie Ei­gen­feh­ler wuch­sen auf dem Er­kennt­nis­baum der SPÖ nicht.

Die Kom­mu­ni­ka­ti­on be­schränk­te sich auf ei­nen ei­tel vor­ge­tra­ge­nen Plan B des Chris­ti­an Kern – mich hat schon bei die­ser Prä­sen­ta­ti­on un­ein­lös­ba­rer Heils­ver­spre­chen ein un­gu­tes Ge­fühl be­schli­chen, und man darf In­tui­ti­on, ge­nährt aus Er­fah­rung und se­man­ti­scher Ana­ly­se, nicht ganz un­ter­schät­zen. Die neue Par­tei­che­fin wähn­te sich auf dem rich­ti­gen Weg. Dass dies auf in­tel­lek­tu­el­ler Ebe­ne und im Gr­und­ver­ständ­nis nicht ganz falsch – aber in der Nie­der­la­ge wirk­lich ganz und gar falsch war, zeig­te nicht zu­letzt der in­ter­ne Shits­torm.

Die So­zi­al­de­mo­kra­tie hat über 100 Jah­re für die Ver­bes­se­rung der Si­tua­ti­on von Men­schen ge­kämpft. Wohn­si­tua­ti­on. Bil­dungs­si­tua­ti­on. Mit­spra­che­rech­te der Wäh­ler. Frau­en­rech­te. Straf­rechts­re­for­men. Al­so ein rich­ti­ger Weg. Ge­nau die­sen Kampf hat auch das bür­ger­li­che La­ger – al­ler­dings mit an­de­ren Schwer­punk­ten – ge­führt: Ver­bes­se­rung der Si­tua­ti­on für Men­schen in die­sem Staat. Die di­ver­gen­ten Stand­punk­te hat­ten – und das ist das We­sent­li­che – ein über­ge­ord­ne­tes ge­mein­sa­mes Ziel: Pro­spe­ri­tät für Ös­ter­reich, gar­niert mit Bür­ger­rech­ten und ge­recht­fer­tig­ten Bür­ger­hoff­nun­gen. Letz­te­re wur­den er­füllt und ge­nährt durch Wirt­schafts­wachs­tum, ho­hen Be­schäf­tig­ten­stand, Bil­dungs­zu­gang und ei­nen zu­neh­men­den Stolz auf die wett­be­werbs­fä­hi­ge Hei­mat. Das Nar­ra­tiv und die Rea­li­tät hat­ten ei­nen ho­hen De­ckungs­grad.

Die bei­den La­ger SPÖ und ÖVP ver­han­del­ten ih­re Dif­fe­ren­zen und den Dis­sens mit­hil­fe der So­zi­al­part­ner­schaft aus. Die­se war ei­ne in mehr­fa­cher Hin­sicht lo­gi­sche und not­wen­di­ge Ein­rich­tung – über die Lin­ke wit­zel­ten sie, „sie wä­ren die Arsch­ba­cken der Re­pu­blik und da­zwi­schen wä­re es fins­ter“(Pe­ter Tur­ri­ni). Aber

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