Wie wird Schu­le bes­ser? Die ei­ne Schrau­be gibt es nicht

Um Bil­dung zu ver­bes­sern, muss man vie­les be­den­ken, vom Lehr­er­bild bis zum Um­feld der Kin­der. Und nicht zu­letzt: den Wert von Bil­dung.

Die Presse - - THEMA DES TAGES - VON BER­NA­DET­TE BAYRHAMMER

Ein ech­ter Scho­cker ist es auf den ers­ten Blick nicht: im Mit­tel­feld, im­mer­hin nicht ab­ge­sackt. Tat­säch­lich stellt der ak­tu­el­le Pi­sa-Test der Bil­dungs­po­li­tik aber ein ziem­lich schlech­tes Zeug­nis aus: Seit dem ers­ten Test vor fast zwan­zig Jah­ren ha­ben sich die Leis­tun­gen der hei­mi­schen Schü­ler nicht ver­bes­sert – son­dern sind teils so­gar et­was schlech­ter ge­wor­den. Und das, ob­wohl Pi­sa dem hei­mi­schen Schul­sys­tem seit­dem al­le drei Jah­re at­tes­tiert hat, dass da noch ei­ni­ges zu tun ist.

Die Fra­ge ist: was? Und die­se be­ant­wor­tet der Pi­sa-Test nicht – auch wenn in den An­fangs­jah­ren vie­le glaub­ten, man brau­che bloß nach Finn­land zu pil­gern und das dor­ti­ge Schul­sys­tem in­klu­si­ve Ge­samt­schu­le zu ko­pie­ren, da­mit Ös­ter­reich in den fol­gen­den Jah­ren den Sprung nach vorn macht. Tat­säch­lich ist es lei­der so, dass Bil­dung um ei­ni­ges kom­pli­zier­ter ist, als die meis­ten wahr­ha­ben wol­len. Und dass es die ei­ne Schrau­be, an der man dre­hen muss, ein­fach nicht gibt.

Das gilt für die Ge­samt­schu­le ge­nau­so wie für ei­ni­ge der teil­wei­se ex­trem teu­ren grö­ße­ren Re­for­men, die nach Pi­sa in den ver­gan­ge­nen Jah­ren um­ge­setzt wur­den: die Sen­kung der Klas­sen­schü­ler­höchst­zahl et­wa, die für die Schü­lerleis­tun­gen of­fen­sicht­lich we­nig ge­bracht hat. Ähn­li­ches gilt auch für die Ein­füh­rung der Neu­en Mit­tel­schu­le. Und dass die zu­letzt ein­ge­führ­ten Deutsch­för­der­klas­sen die ul­ti­ma­ti­ve Lö­sung für die Mi­se­re sein wer­den, ist auch nicht sehr wahr­schein­lich.

So un­be­quem es für man­che sein mag – zu­mal für den ei­nen oder an­de­ren Po­li­ti­ker: Es sind nicht un­be­dingt die knal­li­gen An­sa­gen, die die Leis­tun­gen der ös­ter­rei­chi­schen Schü­le­rin­nen und Schü­ler nach vorn ka­ta­pul­tie­ren wer­den. Son­dern es gibt ei­ne Viel­zahl von The­men, die be­dacht wer­den müs­sen – von de­nen man­che nicht so ein­fach de­kre­tiert wer­den kön­nen, und von de­nen man­che au­ßer­halb des di­rek­ten Ein­fluss­be­reichs der Bil­dungs­po­li­tik lie­gen.

Ei­ne sehr un­voll­stän­di­ge Lis­te: Es geht viel we­ni­ger um das Rund­her­um, um die Struk­tu­ren, als dar­um, was im Un­ter­richt ge­macht wird und wie: in­wie­fern Leh­rer es schaf­fen, Schü­ler zu be­geis­tern, die Be­ga­bun­gen der Star­ken zu för­dern – denn da sind wir auch nicht ge­ra­de her­vor­ra­gend – und die Schwa­chen mit­zu­neh­men. Es geht um die bes­ten Stra­te­gi­en und das rich­ti­ge Per­so­nal für Her­aus­for­de­run­gen – Stich­wort Mi­gran­ten­kin­der. Und dar­um, ob es ge­nü­gend Un­ter­stüt­zung gibt, da­mit die Leh­rer sich über­haupt auf das Leh­ren kon­zen­trie­ren kön­nen und nicht stän­dig Streit­schlich­ter und So­zi­al­ar­bei­ter spie­len müs­sen.

Es geht dar­um, dass die Leh­rer bes­tens aus­ge­bil­det sind, auch dar­um, ob über­haupt die rich­ti­gen Per­so­nen den Job er­grei­fen. Und dar­um, ob der Be­rufs­stand als der der Min­der­leis­ter ge­basht wird, die Di­ens­tag­mit­tag mit der Ar­beit fer­tig sind – um Wi­ens Ex-Bür­ger­meis­ter Micha­el Häupl zu zi­tie­ren –, statt ihn als den zu se­hen, der die Zu­kunft des Lan­des we­sent­lich mit­ge­stal­tet.

Es geht um den Kin­der­gar­ten, der zwar im­mer wie­der als die Lö­sung al­ler Bil­dungs­pro­ble­me an­ge­prie­sen wur­de – zu­mal je­nes mit der deut­schen Spra­che –, aber oh­ne ihn ent­spre­chend auf­zu­wer­ten, Res­sour­cen in­klu­si­ve. Und es geht um das Um­feld der Kin­der, bei dem man nicht nur bil­dungs­po­li­tisch an­set­zen muss: um ih­re Wohn­ge­gend, ih­re fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on, ih­re Fa­mi­li­en und in der Fol­ge die Mög­lich­kei­ten, die sich dar­aus er­ge­ben – oder eben nicht.

Nicht zu­letzt geht es aber auch um ei­ne grund­sätz­li­che Fra­ge: um den Stel­len­wert, den Bil­dung in ei­ner Ge­sell­schaft hat, in der Po­li­tik, in je­der Fa­mi­lie, für je­den ein­zel­nen Schü­ler. Tat­säch­lich drängt sich mit­un­ter ei­ne Fra­ge auf, die die Bil­dungs­mi­nis­te­rin an­ge­sto­ßen hat: Ob hier­zu­lan­de viel­leicht nicht ge­nü­gend El­tern und Schü­lern – aber auch Ent­schei­dern – klar ist, wie wich­tig Bil­dung (und Leis­tung) wirk­lich ist.

Das ist ei­ne Fra­ge des Mind­sets – und ein­fa­cher da­hin­ge­sagt als ge­än­dert. Die Po­li­tik könn­te in Zei­ten der Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lung im­mer­hin mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen und die Bil­dung ganz nach vorn stel­len – mit all ih­ren kom­pli­zier­ten Fa­cet­ten. Zu­min­dest wird man das noch hof­fen dür­fen. Mehr zum The­ma: Sei­ten 1–4

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