Geld­wä­sche, Mord, Staats­kri­se

Staats­kri­se. Geld­wä­sche, Han­del mit Staats­bür­ger­schaf­ten, ver­schlepp­te Mor­der­mitt­lun­gen – und je­der kennt je­den: Die klei­ne Mit­tel­meer­na­ti­on be­schert der Uni­on zu­se­hends schwe­re Pro­ble­me.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten OLI­VER GRIMM

Mal­ta er­lebt die schwers­te po­li­ti­sche Kri­se, seit es der EU bei­ge­tre­ten ist. Für die neu­en Spit­zen der EU wird die po­li­ti­sche Kor­rup­ti­on zur Her­aus­for­de­rung.

Die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on warnt vor po­li­ti­scher Ein­mi­schung in ei­nem Mord­ver­fah­ren, EU-Ab­ge­ord­ne­te for­dern den Re­gie­rungs­chef nach ei­nem Tref­fen zum so­for­ti­gen Rück­tritt auf: Mal­ta er­lebt die schwers­te po­li­ti­sche Kri­se, seit es vor knapp 15 Jah­ren der Eu­ro­päi­schen Uni­on bei­ge­tre­ten ist. Der Auf­trags­mord mit­tels Au­to­bom­be an der In­ves­ti­ga­ti­vjour­na­lis­tin Daph­ne Ca­rua­na Ga­li­zia im Ok­to­ber vor zwei Jah­ren hat ein bis in die höchs­ten Re­gie­rungs­krei­se ver­filz­tes Sys­tem po­li­ti­scher Kor­rup­ti­on of­fen­ge­legt, das zu ei­ner Her­aus­for­de­rung für die neu­en Spit­zen der EU-In­sti­tu­tio­nen wird.

Der­zeit sind so­wohl die neue Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin, Ur­su­la von der Ley­en, als auch Charles Mi­chel, der neue Prä­si­dent des Eu­ro­päi­schen Ra­tes, so­wie die Re­gie­run­gen der an­de­ren Mit­glied­staa­ten tun­lichst dar­um be­müht, die mal­te­si­sche Kri­se als in­ner­staat­li­ches Ein­zel­pro­blem dar­zu­stel­len, des­sen Lö­sung von den zu­stän­di­gen Stel­len des mal­te­si­schen Staats­we­sens er­bracht wer­den muss. Doch tritt Tag für Tag kla­rer her­vor, dass die klei­ne Mit­tel­meer­na­ti­on von sich aus nicht im­stan­de ist, für die Durch­set­zung der Rechts­staat­lich­keit und da­mit für die Auf­klä­rung des Mor­des an Ca­rua­na Ga­li­zia zu sor­gen.

„Ich den­ke, je­der sieht ein, auch der Pre­mier­mi­nis­ter selbst, dass er ei­ni­ge schwe­re Fehl­ur­tei­le ge­fällt hat, und ich wür­de sa­gen, dass es ein wei­te­res Fehl­ur­teil wä­re, noch län­ger im Amt zu blei­ben“, sag­te die nie­der­län­di­sche li­be­ra­le Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te, So­phie in ’t Veld, am Di­ens­tag in der Haupt­stadt Valletta nach ei­nem Tref­fen mit Pre­mier­mi­nis­ter Jo­seph Mu­s­cat. Sie lei­tet je­ne Mis­si­on des Eu­ro­pa­par­la­ments auf Mal­ta, wel­che sich bis Mitt­woch ei­nen Über­blick zu ver­schaf­fen hofft. Der Ton Brüs­sels ge­gen­über Mal­ta ver­schärft sich bei­na­he täg­lich. Ver­aˇ Jou­ro­va,´ die Vi­ze­prä­si­den­tin der Kom­mis­si­on für Wer­te und Trans­pa­renz, ha­be in ei­nem Te­le­fo­nat mit Jus­tiz­mi­nis­ter Owen Bon­ni­ci dar­auf be­stan­den, dass die Er­mitt­lung im Mord­fall Ca­rua­na Ga­li­zia „oh­ne po­li­ti­sche Ein­fluss­nah­me zum Ab­schluss ge­bracht“wer­den muss, sag­te ihr Spre­cher am Di­ens­tag.

Zur Er­in­ne­rung: Der Ge­schäfts­mann Yor­gen Fen­ech sitzt in Un­ter­su­chungs­haft, da ihn die Staats­an­walt­schaft der Draht­zie­her­schaft die­ses Mor­des ver­däch­tigt. Fen­ech be­schul­digt Mu­s­cats St­abs­chef, Keith Schem­bri, der wah­re Auf­trag­ge­ber des Au­to­bom­ben­an­schla­ges ge­we­sen zu sein. An­ge­sichts des wach­sen­den Dru­ckes hat­te der Pre­mier­mi­nis­ter er­klärt, im Jän­ner zu­rück­tre­ten zu wol­len, so­bald sei­ne Ar­bei­ter­par­tei ei­nen Nach­fol­ger be­stimmt hat. Doch die Um­stän­de des Er­mitt­lungs­ver­fah­rens ge­gen Fen­ech le­gen of­fen, wie zwei­fel­haft es ist, auf die Selbst­rei­ni­gungs­kräf­te des mal­te­si­schen Staats­we­sens zu ver­trau­en. So ist die für die Be­weis­auf­nah­me zu­stän­di­ge Rich­te­rin, Na­di­ne Lia, die Schwie­ger­toch­ter von Mu­s­cats per­sön­li­chem Rechts­an­walt. Sie hat zu­dem erst vo­ri­ges Jahr im Auf­trag von Wirt­schafts­mi­nis­ter Chris­ti­an Car­do­na ein Ge­setz für Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men ge­schrie­ben. Auch Car­do­na war im ge­gen­ständ­li­chen Mord­fall von der Po­li­zei ver­nom­men wor­den. Er stritt je­de Schuld ab. „Na­tür­lich ken­ne ich Yor­gen Fen­ech. Je­der kennt ihn“, hat­te er ge­sagt.

Mu­s­cats gol­de­ne Rei­se­päs­se

Auf Kol­li­si­ons­kurs mit dem Rechts­staat ist Mal­ta auch in der Fra­ge je­nes Ge­set­zes, mit dem Mu­s­cat vor fünf Jah­ren den Ver­kauf mal­te­si­scher Rei­se­päs­se an rei­che Aus­län­der er­mög­lich­te. Die

Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank warn­te be­reits vo­ri­gen Mo­nat, dass die pri­va­te Bank of Valletta hier Geld­wä­sche er­leich­tert, in­dem sie sol­che Aus­län­der, die bei ihr ein Kon­to er­öff­nen, au­to­ma­tisch als Mal­te­ser re­gis­triert, um sich um die Ein­hal­tung von EU-Geld­wä­sche­re­geln zu drü­cken. Am Frei­tag frag­te die Kom­mis­si­on brief­lich nach, wie Mal­ta die Pro­ble­me bei die­sem in­trans­pa­ren­ten Pass­ver­kauf zu be­gra­di­gen ge­den­ke.

Bloß: Staats­bür­ger­schafts­fra­gen sind na­tio­nal­staat­li­che Kom­pe­tenz. Die Kom­mis­si­on kann hier höchs­tens kraft ei­nes Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­rens in­ter­ve­nie­ren, wenn so ein „Gol­de­nes Pass“-Sys­tem Pflich­ten aus den EU-Ver­trä­gen ver­letzt. Das je­doch wür­de die po­li­ti­sche Ent­schei­dung er­for­dern, dem Pro­blem auf Mal­ta an die Wur­zel zu ge­hen. Ob von der Ley­en dies gleich zu Be­ginn ih­rer Amts­zeit tun will, die sie der Ökowen­de und der Di­gi­tal­po­li­tik wid­men möch­te, ist frag­lich.

Es wä­re ein wei­te­res Fehl­ur­teil des Pre­mier­mi­nis­ters, län­ger im Amt zu blei­ben.

So­phie in ’t Veld, Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te

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Der Mord an der Jour­na­lis­tin Daph­ne Ca­rua­na Ga­li­zia hat zu ei­ner gro­ßen Pro­test­be­we­gung in Mal­tas Ge­sell­schaft ge­führt.

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