Die Wahl des Ke­vin Küh­nert

SPD-Par­tei­tag. Der Ju­so-Chef und Re­gie­rungs­geg­ner ver­half der neu­en lin­ken SPD-Spit­ze ins Amt. Und er will selbst ei­nen Spit­zen­pos­ten. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on bleibt aber. Vor­erst.

Die Presse - - AUSLAND - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten JÜR­GEN STREIHAMME­R

Ju­so-Chef Ke­vin Küh­nert flie­gen an der SPD-Ba­sis die Her­zen zu. Das 30-jäh­ri­ge Re­de­ta­lent ist die Ga­li­ons­fi­gur der Geg­ner der Gro­ßen Ko­ali­ti­on, der GroKo. Doch es gab ei­nen Mo­ment im Mai 2019, da schien der Ber­li­ner über­zo­gen zu ha­ben: In ei­nem In­ter­view träum­te er vom So­zia­lis­mus und kon­kret von der Kol­lek­ti­vie­rung des Au­to­bau­ers BMW. „Was hat der denn ge­raucht?“, wun­der­te sich da­nach Jo­han­nes Kahrs, ein füh­ren­der kon­ser­va­ti­ver So­zi­al­de­mo­krat.

Küh­nert schien vie­len zu ra­di­kal, um in der SPD so­fort wei­ter auf­zu­stei­gen. Ein Irr­tum. In den ver­gan­ge­nen Wo­chen zeig­te der läs­sig auf­tre­ten­de Nach­wuchs­chef ein zwei­tes Ge­sicht. Er wirk­te als Netz­wer­ker, Draht­zie­her, Kö­nigs­ma­cher. Er warb für das weit­ge­hend un­be­kann­te lin­ke Füh­rungs­duo Nor­bert Wal­ter-Bor­jans und Sas­kia Es­ken.

Die Ju­sos sind ei­ne mit­tel­gro­ße Macht in­ner­halb der SPD. Sie stel­len 80.000 Mit­glie­der, al­so ein Fünf­tel der gan­zen Par­tei. Der Ex-Lan­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wal­ter-Bor­jans (67) und die Ab­ge­ord­ne­te Es­ken (58) sieg­ten in der Stich­wahl um den SPD-Vor­sitz. Und es war eben auch ein biss­chen Küh­nerts Sieg.

Das ist nicht ein­mal Schrö­der ge­lun­gen

Am heu­ti­gen Frei­tag könn­te Küh­nert als ers­ter Ju­so-Chef in den engs­ten Füh­rungs­zir­kel der Par­tei auf­stei­gen, ei­ner von drei SPD-Vi­ze­chefs wer­den. Si­cher ist das nicht, weil Hu­ber­tus Heil, Ar­beits­mi­nis­ter aus dem ein­fluss­rei­chen Lan­des­ver­band Nie­der­sach­sen, ge­gen Küh­nert an­tritt. Ver­liert der Ju­so-Chef, wä­re die Macht des lin­ken Flü­gels gleich wie­der ge­stutzt. Doch auch dann gilt: Küh­nert, Spross ei­ner Be­am­ten­fa­mi­lie, des­sen Po­li­tik­wis­sen­schafts­stu­di­um der­zeit ruht, hat schon jetzt mehr Ge­wicht in der SPD als al­le sei­ne Ju­so-Vor­gän­ger. Und da­zu zähl­ten Ka­li­ber wie Ger­hard Schrö­der.

Es ist al­so die St­un­de der Re­vo­lu­tio­nä­re. Aber nicht die St­un­de der Re­vo­lu­ti­on. Das spürt man auch am Don­ners­tag nach der SPD-Vor­stands­sit­zung. Das de­si­gnier­te lin­ke Füh­rungs­duo Es­ken und Wal­ter-Bor­jans hat­te sich zu­letzt mit Kri­tik an der GroKo her­vor­ge­tan. Die bei­den hat­ten zwar nie ex­pli­zit den so­for­ti­gen Aus­stieg aus dem Bünd­nis ge­for­dert. Sie ätz­ten aber über „fau­le

Kom­pro­mis­se“und for­mu­lier­ten har­te Be­din­gun­gen an CDU/CSU. An­sons­ten wür­de es den „ge­ord­ne­ten Rück­zug“aus der Re­gie­rung ge­ben. Doch in den ver­gan­ge­nen Ta­gen gab sich das Duo ganz zahm. Es ru­der­te zu­rück. Auf dem heu­te be­gin­nen­den Par­tei­tag soll es kei­ne Ab­stim­mung über die Fort­set­zung der Gro­ßen Ko­ali­ti­on ge­ben, wie sie mo­na­te­lang er­war­tet wor­den war. Der Schlacht­ruf ei­ni­ger Ju­sos – „GroKo-Aus zu Ni­ko­laus“– dürf­te wir­kungs­los ver­hal­len.

„Es kann nicht die rei­ne Leh­re sein“

Der an­fangs wol­ki­ge Leit­an­trag für den Par­tei­tag wur­de zwar et­was nach­ge­schärft. Der Vor­stand zieht aber kei­ne ro­te Li­ni­en ge­gen­über CDU und CSU, er stellt kei­ne Ul­ti­ma­ten. For­de­run­gen an die Uni­on gibt es aber schon, da­zu zählt et­wa, „per­spek­ti­visch“ei­nen Min­dest­lohn von zwölf Eu­ro an­zu­stre­ben. Das Kli­ma­pa­ket soll nach­ge­bes­sert wer­den. Den Ge­nos­sen schwebt ein hö­he­rer CO2-Ein­stiegs­preis als die ver­ein­bar­ten zehn Eu­ro pro Ton­ne vor. Mehr In­ves­ti­tio­nen soll es ge­ben. Aber die Zahl von 500 Mil­li­ar­den Eu­ro bin­nen ei­nes Jahr­zehnts, wie sie Es­ken und Wal­ter-Bor­jans man­tra­ar­tig vor­ge­tra­gen hat­ten, taucht nicht auf. Und: In­ves­ti­tio­nen dürf­ten zwar nicht „an dog­ma­ti­schen Po­si­tio­nen wie Schäu­bles Schwar­zer Null“schei­tern, die längst auch Mar­ken­zei­chen von SPD-Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz ist. Aber man be­steht auch nicht auf neue Schul­den.

„Es ist ein gu­ter Kom­pro­miss. Es kann nicht die rei­ne Leh­re sein“, sag­te Es­ken zum Leit­an­trag. Die neue lin­ke Füh­rung, for­mal noch gar nicht im Amt, be­strei­tet be­reits das ers­te End­spiel um ih­re Glaub­wür­dig­keit. Sie ist im Di­lem­ma. Al­ler­orts sit­zen die Geg­ner ih­res ko­ali­ti­ons­kri­ti­schen Kur­ses: Im Vor­stand. In der Frak­ti­on. In ei­ni­gen Bun­des­län­dern. Le­gen es Es­ken/Wal­ter-Bor­jans auf Kon­fron­ta­ti­on an, kann es die SPD zer­rei­ßen. An­de­rer­seits: Das Duo wur­de ge­gen den Wil­len des Esta­blish­ments ge­wählt für ei­nen Links­kurs und ein En­de des „Wei­ter so“.

Doch Küh­nert, der feu­rigs­te Geg­ner der Gro­ßen Ko­ali­ti­on, for­mu­liert plötz­lich viel zu­rück­hal­ten­der. Zwar leh­ne er die GroKo wei­ter prin­zi­pi­ell ab. Aber er gibt nun auch den Be­den­ken­trä­ger, wenn es um ei­nen so­for­ti­gen Aus­stieg geht. „Wer ei­ne Ko­ali­ti­on ver­lässt, gibt ei­nen Teil der Kon­trol­le aus der Hand“, sagt er. Und: Man müs­se al­les „vom En­de her“durch­den­ken. Da klingt er fast wie die Kanz­le­rin. Wie An­ge­la Mer­kel.

[ Reuters ]

Ju­so-Chef Ke­vin Küh­nert ver­half dem de­si­gnier­ten SPD-Füh­rungs­duo Nor­bert Wal­ter-Bor­jans und Sas­kia Es­ken an die Macht. Jetzt drängt er selbst in den in­ners­ten Füh­rungs­zir­kel der Par­tei.

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