Ruf nach ver­pflich­ten­der Ge­set­zes­be­gut­ach­tung

Jus­tiz. Rich­ter, An­wäl­te und Ex­per­ten so­wie Staats­an­wäl­te rich­ten Wün­sche an die nächs­te Ko­ali­ti­on. Mehr Geld für die Jus­tiz steht ganz oben.

Die Presse - - INLAND -

„Erst nach nach­weis­li­cher und um­fas­sen­der Be­gut­ach­tung soll­ten Ge­set­ze vom Mi­nis­ter­rat und letzt­end­lich vom Na­tio­nal­rat be­han­delt wer­den.“Das ist ei­ne der For­de­run­gen, die das „Netz­werk Kri­mi­nal­po­li­tik“in ei­ner Punk­ta­ti­on an die nächs­te Ko­ali­ti­on rich­tet. Ziel ist ei­ne bes­se­re Ge­setz­ge­bung, die nicht – wie et­wa 2014 bis 2016 – von 281 Auf­he­bun­gen von (Tei­len von) Ge­set­zen und Ver­ord­nun­gen durch den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof ge­kenn­zeich­net ist.

Am Netz­werk sind ne­ben Ex­per­ten, Be­wäh­rungs­hel­fern und Op­fer­schüt­zern auch die Rich­ter­ver­ei­ni­gung und der Rechts­an­walts­kam­mer­tag be­tei­ligt. Par­al­lel da­zu ha­ben auch die Staats­an­wäl­te „Emp­feh­lun­gen an ei­ne neue Bun­des­re­gie­rung“for­mu­liert. Gleich­klang herrscht in bei­den

Un­ter­la­gen beim Ruf nach mehr Per­so­nal für die Jus­tiz ein­schließ­lich ei­ner Stär­kung von de­ren Öf­fent­lich­keits­ar­beit.

Das Netz­werk kri­ti­siert, dass Be­gut­ach­tun­gen oft zu knapp be­fris­tet sei­en oder gar ver­mie­den wür­den. Im Ge­walt­schutz­pa­ket 2019, das im Zei­chen von Straf­ver­schär­fun­gen bei Ge­walt- und Se­xu­al­de­lik­ten steht, sei­en zahl­rei­che Stel­lung­nah­men igno­riert wor­den.

In­halt­lich ru­fen die ver­sam­mel­ten Ju­ris­ten zu ei­ner „ver­ant­wor­tungs­vol­len Jus­tiz­po­li­tik“auf, die Ein­schrän­kun­gen der Frei­heit zu­guns­ten der Si­cher­heit „nur un­ter Wah­rung der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit“vor­neh­me. Vor­aus­set­zung da­für sei ei­ne evi­denz­ba­sier­te Kri­mi­nal­po­li­tik, die stär­ker auf die fak­ti­schen Aus­wir­kun­gen von Ge­set­zes­än­de­run­gen Rück­sicht neh­me.

Auch der Op­fer­schutz müs­se ver­bes­sert wer­den, et­wa in­dem künf­tig nicht nur bei Ge­walt in Part­ner­schaf­ten, son­dern auch bei an­de­ren schwe­ren Ge­walt­de­lik­ten die Op­fer an die nö­ti­gen Hil­fe­leis­tun­gen wie Kri­sen­in­ter­ven­ti­on oder Pro­zess­be­glei­tung kom­men. Tä­ter­sei­tig for­dert das Netz­werk ei­ne bes­se­re Re­so­zia­li­sie­rung: „Rechts­bre­che­rin­nen und Rechts­bre­cher dür­fen im Straf- und Maß­nah­men­voll­zug nicht durch per­spek­ti­ven­lo­ses Wegsper­ren aus­ge­grenzt wer­den.“

Brei­ten Raum nimmt in der Punk­ta­ti­on die Sor­ge um die Res­sour­cen für den Rechts­staat ein. „Ei­ne rei­bungs­freie und zeit­na­he Ab­fer­ti­gung der rich­ter­li­chen und staats­an­walt­li­chen Er­le­di­gun­gen kann nicht mehr flä­chen­de­ckend ge­währ­leis­tet wer­den“, heißt es in der Punk­ta­ti­on, die den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lern über­mit­telt wur­de. Nach­dem vor al­lem der Per­so­nal­ab­bau im Kanz­lei­be­reich (Be­am­te und Ver­trags­be­diens­te­te) die Jus­tiz an die Gren­ze ih­rer Leis­tungs­fä­hig­keit ge­bracht ha­be, sei­en ei­ne Auf­nah­me­of­fen­si­ve und ei­ne Ver­bes­se­rung des Ar­beits­um­felds drin­gend ge­bo­ten. „Oft fehlt es so­gar an der er­for­der­li­chen Li­te­ra­tur.“

Um das Ver­trau­en in die Ar­beit der Jus­tiz zu stär­ken, müs­se die Öf­fent­lich­keits- und Me­di­en­ar­beit ver­bes­sert wer­den. Ge­ra­de bei der Darstel­lung von Straf­ver­fah­ren or­tet das Netz­werk ei­ne „ge­wis­se Schief­la­ge“: Wäh­rend die Jus­tiz we­gen feh­len­der Res­sour­cen und der Pflicht zur Ver­schwie­gen­heit in ih­ren Mög­lich­kei­ten be­schränkt sei, be­dien­ten sich Be­schul­dig­te pro­fes­sio­nel­ler PR-Be­ra­ter, um ih­re Po­si­ti­on dar­zu­stel­len.

Die „Schief­la­ge“fin­det sich auch in den Emp­feh­lun­gen der Staats­an­wäl­te­ver­ei­ni­gung. Auch die­se for­dert ei­ne kom­pe­ten­te Me­di­en­ar­beit – und stimmt in den Ruf nach mehr Plan­stel­len mit kon­kur­renz­fä­hi­ger Ent­loh­nung ein. Be­son­de­res An­lie­gen der Staats­an­wäl­te ist ih­re po­li­ti­sche Un­ab­hän­gig­keit: Sie for­dern er­neut an Stel­le der Wei­sungs­spit­ze im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ein „gänz­lich von der Po­li­tik ent­floch­te­nes Jus­ti­z­or­gan“. Ein fach­lich höchst qua­li­fi­zier­ter, un­ab­hän­gi­ger Ge­ne­ra­lo­der Bun­des­staats­an­walt soll­te vom Bun­des­prä­si­den­ten für ei­ne lan­ge, aber nur ein­ma­li­ge Funk­ti­ons­pe­ri­ode er­nannt wer­den.

Dem Ver­neh­men nach ha­ben die Grü­nen in den lau­fen­den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen das Glei­che ge­for­dert, was Tür­kis je­doch ab­lehnt; das dürf­te ei­ner der Stol­per­stei­ne auf dem Weg zu ei­ner Ei­ni­gung sein.

Für ih­re Ar­beit stre­ben die Staats­an­wäl­te ei­ne Qua­li­täts- und Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung an. Da­zu ge­hö­re der ver­stärk­te Ein­satz von Wirt­schafts- und IT-Ex­per­ten, die Mög­lich­keit der Te­am­bil­dung in kom­ple­xen Ver­fah­ren und ein Ab­bau bü­ro­kra­ti­scher Hür­den. „Selbst völ­lig sub­strat­lo­se An­zei­gen er­for­dern ei­ne for­mel­le Er­le­di­gung und die Ver­stän­di­gung des An­zei­gers“, kla­gen die Staats­an­wäl­te.

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