Der Kö­nig des Kom­pro­mis­ses

Por­trät. In der Po­li­tik muss man sich mit­un­ter neu er­fin­den, der rei­nen Leh­re ab­schwö­ren, um an die Macht zu kom­men. Das his­to­risch wohl ein­drucks­volls­te Bei­spiel: Hen­ri IV.

Die Presse - - GESCHICHTE -

Zwei Wel­ten, je­den­falls zwei Wel­t­an­schau­un­gen pral­len da auf­ein­an­der. Nun ist die Kunst des Kom­pro­mis­ses ge­fragt, mög­li­cher­wei­se ist es auch nö­tig, sich selbst neu zu er­fin­den, der bis­he­ri­gen Leh­re zu­min­dest teil­wei­se ab­zu­schwö­ren, um re­gie­ren zu kön­nen. Im Klei­nen ver­su­chen das ge­ra­de die Grü­nen und die ÖVP im Rah­men ei­nes de­mo­kra­ti­schen Pro­zes­ses in ei­nem Kle­in­staat. In gro­ßem Stil ex­er­zier­te das vor 400 Jah­ren Hen­ri IV. in Frank­reich vor. Er war der Kö­nig des Kom­pro­mis­ses.

Die Lin­ken und die Rech­ten des 16. und 17. Jahr­hun­derts, die Pro­gres­si­ven und die Kon­ser­va­ti­ven, das wa­ren die Pro­tes­tan­ten und die Ka­tho­li­ken ge­we­sen. Hen­ri war der An­füh­rer der pro­tes­tan­ti­schen Par­tei, der so­ge­nann­ten Hu­ge­not­ten.

Ge­bo­ren am 13. De­zem­ber 1553 am Ho­fe von Pau, als Sohn des Kö­nigs­paa­res von Na­var­ra, ge­bet­tet in ei­ne Wie­ge aus dem Pan­zer ei­ner Mee­res­schild­krö­te. Sein Va­ter war nach ei­ner pro­tes­tan­ti­schen Epi­so­de wie­der zum Ka­tho­li­zis­mus zu­rück­ge­kehrt, sei­ne Mut­ter je­doch wur­de im­mer mehr zu ei­ner lei­den­schaft­li­chen Ver­fech­te­rin der pro­tes­tan­ti­schen Sa­che – erst Recht nach ei­nem Brief­wech­sel mit Je­an Cal­vin in Genf. Die sit­ten­stren­ge Mut­ter ver­ab­scheu­te das se­xu­ell aus­schwei­fen­de Le­ben am Hof von Pa­ris, di­ri­giert von der dor­ti­gen Kö­ni­gin­mut­ter Kat­ha­ri­na von Me­di­ci. Der Kon­flikt je­ner

Jah­re in Frank­reichs Eli­te war ge­wis­ser­ma­ßen auch ei­ner zwi­schen pro­tes­tan­ti­schen Mora­lis­ten und lie­der­li­chen Ka­tho­li­ken. Aus­ge­rech­net Hen­ri IV. soll­te sich dann der fri­vo­len Frak­ti­on an­schlie­ßen. Er hat­te un­zäh­li­ge Kin­der von un­zäh­li­gen Frau­en. Und au­ßer die­sen noch un­zäh­li­ge mehr.

Noch war Hen­ri IV. als Hein­rich von Na­var­ra aber nur die Num­mer sie­ben der fran­zö­si­schen Thron­fol­ge. Er wuchs bo­den­stän­dig im Be­arn auf. Wäh­rend in Pa­ris Karl IX. re­gier­te und Frank­reich im Bür­ger­krieg zwi­schen Hu­ge­not­ten und Ka­tho­li­ken zu ver­sin­ken droh­te. Um die Er­zie­hung Hein­rich von Na­var­ras ent­stand ein Ge­zer­re zwi­schen Kat­ha­ri­na von Me­di­ci in Pa­ris und Jean­ne d’Al­bret, sei­ner ei­ge­nen Mut­ter in Na­var­ra. Nach­dem Hein­rich ei­ne Zeit­lang am Hof in Pa­ris le­ben muss­te, durf­te er wie­der nach Hau­se zu­rück­keh­ren. Wo­bei ihn Kat­ha­ri­na von Me­di­ci dann eben­so wie­der ent­füh­ren woll­te – so wie die Hu­ge­not­ten Karl IX. ent­füh­ren woll­ten. „Es ging wie im Schach­spiel dar­um“, schreibt Uwe Schultz in sei­ner Bio­gra­fie „Hen­ri IV. – Macht­mensch und Li­ber­tin“, „sich je­weils der Fi­gur des geg­ne­ri­schen Kö­nigs zu be­mäch­ti­gen“. Und im Zen­trum: die bei­den Da­men.

An der Sei­te von Ad­mi­ral Gas­pard de Co­li­gny wuchs Hen­ri dann im­mer mehr in die Rol­le des An­füh­rers der Hu­ge­not­ten hin­ein. Im Hin­ter­grund ver­such­te Kat­ha­ri­na von Me­di­ci mit der Mut­ter von Hein­rich ei­nen Frie­den zwi­schen den Kon­fes­sio­nen aus­zu­han­deln. Da­zu soll­te ei­ne Hoch­zeit die­nen: Hein­rich von Na­var­ra soll­te Kat­ha­ri­nas Toch­ter Mar­gue­ri­te hei­ra­ten.

Zu­nächst ging al­les gut: Bei­de Par­tei­en wil­lig­ten ein. Die Hu­ge­not­ten ström­ten zur kon­fes­si­ons­über­grei­fen­den Hoch­zeit nach Pa­ris. Doch die­se soll­te sich zu ei­nem der größ­ten Dra­men der fran­zö­si­schen Ge­schich­te ent­wi­ckeln – der so­ge­nann­ten Bar­tho­lo­mä­us­nacht. Am vier­ten Tag der Hoch­zeits­fei­er­lich­kei­ten wur­de der hu­ge­not­ti­sche Ad­mi­ral Co­li­gny, der sich zu­se­hends das Ver­trau­en des ka­tho­li­schen Kö­nigs Karl IX. er­wor­ben hat­te, aus dem Hin­ter­halt her­aus ver­letzt. Da­hin­ter ver­mu­tet wur­den die Gui­sen, ei­ne ul­tra­ka­tho­li­sche Frak­ti­on. Und als Auf­trag­ge­be­rin Kat­ha­ri­na von Me­di­ci.

Die Hu­ge­not­ten schwo­ren Ra­che und be­waff­ne­ten sich. In die­ser auf­ge­heiz­ten La­ge dräng­te Kat­ha­ri­na ih­ren Sohn da­zu, die Hu­ge­not­ten ganz aus­zu­schal­ten. Auch Hein­rich von Gui­se, der An­füh­rer der Ul­tra­ka­tho­li­ken, trat jetzt ganz of­fen in Ak­ti­on. Zu­erst wur­de der ver­letz­te Co­li­gny in sei­nem Kran­ken­la­ger er­mor­det und aus dem Fens­ter ge­wor­fen. Und in der Nacht zum 24. Au­gust 1572, dem Tag des Hei­li­gen Bar­tho­lo­mä­us, wur­den al­le Hu­ge­not­ten, de­rer man hab­haft wur­de, ab­ge­schlach­tet. Hein­rich von Na­var­ra wur­de vor die Wahl ge­stellt: „Tod oder Mes­se“. Er ent­schied sich nach ei­ni­gem Zö­gern für die (ka­tho­li­sche) Mes­se. Er muss­te den Papst um Auf­nah­me in die ka­tho­li­sche Kir­che er­su­chen. Und war fort­an ei­ne Gei­sel der Kat­ha­ri­na von Me­di­ci am Hof in Pa­ris.

Hein­rich füg­te sich in die­se Rol­le, spiel­te sie so­gar ak­tiv mit – bis sich die Ge­le­gen­heit zur Flucht bot. Hein­rich, in­zwi­schen Kö­nig von Na­var­ra, kehr­te in sei­ne süd­west­fran­zö­si­sche Hei­mat zu­rück, schwor dem Ka­tho­li­zis­mus wie­der ab und wur­de er­neut zum An­füh­rer der Pro­tes­tan­ten.

In der Zwi­schen­zeit war auch Karl IX. um ei­nen Aus­gleich mit dem Pro­tes­tan­ten be­müht, da er sich von der an­de­ren Sei­te, den ul­tra­ka­tho­li­schen Gui­sen, be­droht sah. Ihm war an ei­nem Gleich­ge­wicht ge­le­gen.

Hein­rich von Na­var­ra war es in der Fol­ge ge­lun­gen, auch ge­mä­ßig­te Ka­tho­li­ken auf sei­ne Sei­te zu zie­hen. Als Karl IX. starb, über­nahm des­sen Bru­der Hein­rich III., der aus Po­len zu­rück­kehr­te, wo er Kö­nig ge­we­sen war. Doch un­ter ihm ver­sank Frank­reich noch mehr im Bür­ger­krieg. Hein­rich III. leg­te sich so­wohl mit Hein­rich von Na­var­ra an als auch mit Hein­rich von Gui­se. Letz­te­rer setz­te dem Kö­nig im­mer mehr zu, so dass er schließ­lich aus Pa­ris flie­hen muss­te.

Hein­rich III. nä­her­te sich nun Hein­rich von Na­var­ra an. Und ließ Hein­rich von Gui­se in ei­nem Hin­ter­halt er­dol­chen. Die Au­to­ri­tät des Kö­nigs war wie­der her­ge­stellt. Aber er war nun noch ver­hass­ter als zu­vor – vor al­lem auch bei den streng­gläu­bi­gen Ka­tho­li­ken. Hein­rich III. wur­de dann selbst er­mor­det – von ei­nem Do­mi­ni­ka­ner. Er war der letz­te Kö­nig des Ge­schlechts der Va­lois auf dem fran­zö­si­schem Thron.

So­mit war der Bour­bo­ne Hein­rich von Na­var­ra zur Num­mer eins der fran­zö­si­schen Thron­fol­ge ge­wor­den. Nur ei­nes hin­der­te ihn noch dar­an, Kö­nig zu wer­den: die Kon­fes­si­on. Sei­ne Be­ra­ter dräng­ten ihn, nun doch ka­tho­lisch zu wer­den. We­nigs­tens der

Form nach. Doch er wei­ger­te sich. Er­klär­te aber, die ka­tho­li­sche Re­li­gi­on un­ein­ge­schränkt zu er­hal­ten – und ga­ran­tier­te gleich­zei­tig auch den Pro­tes­tan­ten ih­re Gottesdien­ste. Ein ers­ter Kom­pro­miss, dem wei­te­re fol­gen soll­ten. Für Jah­re soll­te es dann noch dau­ern bis zum ganz gro­ßen Kom­pro­miss: Um Pa­ris, nach wie vor das ka­tho­li­sche Zen­trum, ein­neh­men zu kön­nen.

Als der spa­ni­sche ka­tho­li­sche Kö­nig ei­ne mi­li­tä­ri­sche In­ter­ven­ti­on be­gann und sei­ne Toch­ter auf den fran­zö­si­schen Thron set­zen woll­te, gab Hein­rich sei­ne Be­den­ken auf. Am 16. Mai 1593 er­klär­te er im Kron­rat, Ka­tho­lik wer­den zu wol­len. Am 25. Ju­li voll­zog er die Kon­ver­si­on in der Ka­the­dra­le von St. De­nis. Pa­ris war die­se Mes­se wert ge­we­sen.

Die Ein­nah­me von Pa­ris er­folg­te dann un­blu­tig. Je­ne, die noch zu über­zeu­gen wa­ren, wur­den ein­fach be­sto­chen. Und das sich nach Frie­den seh­nen­de Volk ju­bel­te dem nun­meh­ri­gen Hen­ri IV. oh­ne­hin mehr­heit­lich zu. Des­sen Po­li­tik der re­li­giö­sen To­le­ranz soll­te dann im Edikt von Nan­tes sei­nen Hö­he­punkt er­fah­ren. In die­sem wur­de den Pro­tes­tan­ten weit­ge­hen­de Gleich­stel­lung ge­währt. Der Kö­nig und der Staat stan­den nun über den Kon­fes­sio­nen – dies war der Grund­stein für den Ab­so­lu­tis­mus, den Na­tio­nal­staat und auch den Sä­ku­la­ris­mus.

Den­noch konn­ten sich vie­le streng­gläu­bi­ge Ka­tho­li­ken mit dem „Ket­zer“auf dem fran­zö­si­schen Thron nicht an­freun­den. 16 At­ten­ta­te auf Hen­ri IV. schei­ter­ten. Das 17., aus­ge­führt von ei­nem Fun­da­men­ta­lis­ten na­mens Francois¸ Ra­vail­lac, ge­lang.

Hen­ri IV. hat­te ei­ne gu­te Nach­re­de. In sei­ner fran­zö­si­schen Hei­mat galt er als „gu­ter Kö­nig Hein­rich“. Er hat­te sich auch oft in­ko­gni­to un­ter das Volk ge­mischt. Und von ihm ist der Aus­spruch über­lie­fert: „Ich wer­de da­für sor­gen, dass es in mei­nem Land kei­nen Bau­ern gibt, der sonn­tags nicht sein Huhn im Topf hat.“Vol­taire wid­me­te ihm sei­ne „La Hen­ria­de“– un­ter an­de­rem mit den Zei­len: „Die­sen Hel­den be­sing ich, der Frank­reich re­gier­te/durch Sie­ges­zug so gut wie durch Ge­blüt/Durch lan­ges Leid ge­prüft zu herr­schen lern­te/Par­tei­en ein­te und zu sie­gen wie ver­zei­hen wuss­te.“

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Über­haupt ein sehr mo­der­ner Herr­scher: Hen­ri IV., Kö­nig von Frank­reich und Na­var­ra.

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