Wie nutzt man Land ver­nünf­tig?

Um für die Land­nut­zung der Zu­kunft Mo­del­le zu fin­den, die Wirt­schaft und Öko­lo­gie ver­ei­nen, ent­wi­ckeln For­scher mit al­len be­tei­lig­ten In­ter­es­sen­grup­pen neue Kon­zep­te.

Die Presse - - WISSEN & INNOVATION -

Zu­rück zur Na­tur – in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels ein be­lieb­tes und dem­ent­spre­chend kräf­tig ver­mark­te­tes Schlag­wort. Es braucht un­be­rühr­te Land­schaf­ten, oh­ne um­ge­pflüg­te Äcker, stin­ken­de Tier­stäl­le und häss­li­che Strom­mas­ten, je mehr da­von, um­so bes­ser. So mö­gen vie­le – al­len vor­an zi­vi­li­sa­ti­ons­ge­sät­tig­te Groß­städ­ter – den­ken.

Doch wie ge­nau soll das funk­tio­nie­ren? Wenn man Flä­chen der Na­tur zu­rück­gibt, wo und wie wer­den dann die für die Be­völ­ke­rung nö­ti­gen Nah­rungs­mit­tel an­ge­baut? Wel­che Kon­se­quen­zen hat das tat­säch­lich für die Ar­ten­viel­falt? Und vor al­lem: Was ist mit den Men­schen, die in der Re­gi­on le­ben? Um sol­che Fra­gen der Land­nut­zung und ih­rer Nach­hal­tig­keit zu be­ant­wor­ten, hat das deut­sche Helm­holtz-Zen­trum für Um­welt­for­schung ei­ne gro­ße eu­ro­päi­sche Stu­die durch­ge­führt, an der sich – un­ter­stützt vom Tech­no­lo­gie­mi­nis­te­ri­um und dem Wis­sen­schafts­fonds FWF – auch ös­ter­rei­chi­sche For­scher be­tei­ligt ha­ben. Ihr An­satz war un­ge­wöhn­lich: An­statt ei­nen rein aka­de­mi­schen Dis­kurs dar­über an­zu­stre­ben, wel­che For­men der Land­nut­zung das bes­te Er­geb­nis lie­fern wür­den, hat man in fünf Mo­dell­re­gio­nen Eu­ro­pas, dar­un­ter das nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Most­vier­tel, mög­lichst vie­le In­ter­es­sen­grup­pen an ei­nen Tisch ge­bracht. Mit die­sen Sta­ke­hol­dern wur­den dann Sze­na­ri­en ent­wor­fen, wie man in Zu­kunft die Res­sour­cen der Re­gi­on ver­nünf­tig nut­zen könn­te.

„Zu­nächst ging es dar­um, die An­sprü­che, die an ei­ne Land­schaft ent­ste­hen, ab­zu­bil­den. Da­zu zäh­len der land­wirt­schaft­li­che Er­trag, die At­trak­ti­vi­tät für den Tou­ris­mus und die An­sprü­che aus Ei­gen­tums­ver­hält­nis­sen eben­so wie der Na­tur­schutz und so­ge­nann­te Öko­sys­tem-Di­enst­leis­tun­gen“, be­schreibt Mar­tin Schön­hart vom In­sti­tut für Nach­hal­ti­ge Wirt­schafts­ent­wick­lung an der Bo­ku Wi­en die Vor­ge­hens­wei­se bei dem Pro­jekt. Da­mit er­klä­re sich auch, war­um es so wich­tig sei, Sta­ke­hol­der mit ein­zu­bin­den, selbst wenn Kri­ti­ker das als un­wis­sen­schaft­lich be­zeich­nen, be­tont der Agrar­öko­nom. „Na­tür­lich könn­te man uto­pisch und nach rein wis­sen­schaft­li­chem Kal­kül ein Sze­na­rio ent­wer­fen, aber in der Pra­xis lässt sich das meist nicht um­set­zen. Viel na­he­lie­gen­der ist es doch, al­le Men­schen mit be­rech­tig­ten An­sprü­chen – und Land­wir­te ha­ben ge­nau­so be­rech­tig­te An­sprü­che wie Na­tur­schüt­zer oder Be­woh­ner ei­ner Re­gi­on – in die Pla­nungs­pro­zes­se ein­zu­bin­den, um si­cher­zu­stel­len, dass sich et­was in die rich­ti­ge Rich­tung be­wegt.“

Die Re­gi­on Most­vier­tel wird der­zeit im Nor­den in­ten­siv acker­bau­lich ge­nutzt, im Sü­den do­mi­nie­ren hin­ge­gen weit­läu­fi­ge Grün­land- und Rin­der­wirt­schaft. Dort fin­den sich auch die für die Re­gi­on ty­pi­schen Ap­fel- und Birn­bäu­me, die als tou­ris­ti­scher An­zie­hungs­punkt ver­mar­ket wer­den. „Hier ha­ben wir drei Sze­na­ri­en für die zu­künf­ti­ge Land­nut­zung er­ar­bei­tet: Ein aus­ba­lan­cier­tes, das mehr oder we­ni­ger den der­zei­ti­gen Zu­stand wei­ter­führt. Das ,land sha­ring‘, das ver­stärkt auf Ex­ten­si­vie­rung (scho­nen­der An­bau mit ge­rin­gem Ein­satz von Ma­schi­nen, Dün­ger und Pes­ti­zi­den, Anm.) setzt und vie­le Flä­chen der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on er­hält. Und das ,land spa­ring‘, bei dem re­la­tiv gra­vie­rend in die Land­schaft ein­ge­grif­fen wird – hier wür­de man vie­le Flä­chen au­ßer Nut­zung stel­len und da­für auf den ver­blie­be­nen die Land­wirt­schaft in­ten­si­vie­ren“, so Schön­hart.

Bei al­len Sze­na­ri­en ha­be man zum Teil über­ra­schen­de Ziel­kon­flik­te fest­ge­stellt, be­tont der For­scher. Beim „land sha­ring“wür­de es et­wa zu gro­ßen Sprün­gen in der Ar­ten­viel­falt kom­men, be­son­ders, wenn man Wie­sen­flä­chen zwei- oder so­gar nur ein­mal im Jahr mäht, an­statt der üb­li­chen vier bis fünf Mal.

Durch das re­du­zier­te Dün­gen wä­ren je­doch auch Er­trag und Nähr­stoff­dich­te des Fut­ters ge­rin­ger, die da­mit ge­füt­ter­ten Kü­he pro­du­zie­ren mehr kli­ma­schäd­li­ches Methan. „Land spa­ring“wür­de da­ge­gen zu­nächst zu ei­ner Brach­land­schaft auf den un­ge­nutz­ten Flä­chen füh­ren, die dann suk­zes­si­ve ver­wal­det. Hier wür­de man zwar viel CO2 im Holz bin­den und ein neu­es Bio­top schaf­fen, da­bei aber vie­le Ar­ten ver­drän­gen, die auf die Agrar­flä­chen an­ge­wie­sen sind, sagt Schön­hart. „Seit Jahr­tau­sen­den gibt es hier Kul­tur­land­schaf­ten, an die sich auch Flo­ra und Fau­na an­ge­passt ha­ben. Die Fra­ge ist al­so: Was ge­nau will man schüt­zen?“

Ei­ne ab­schlie­ßen­de Ant­wort, wel­che Land­nut­zung nun ide­al sei, ge­be es na­tür­lich nicht, be­tont der For­scher. Die Stu­die sei aber ein Bei­trag, um fak­ten­ba­sier­te Ent­schei­dun­gen für die­se und ähn­li­che Re­gio­nen zu tref­fen. Seit Som­mer die­ses Jah­res ar­bei­tet das Team an ei­ner ähn­li­chen Fall­stu­die für den Wie­n­er­wald.

[ Ja­kob Win­ter/pic­tu­re­desk.com]

Im nörd­li­chen Most­vier­tel wird in­ten­si­ver Acker­bau be­trie­ben, im Sü­den da­ge­gen Grün­land- und Rin­der­wirt­schaft.

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