In den An­den schaut man in die Zu­kunft

Der Wie­ner Jo­han­nes Wald­mül­ler forscht in ab­ge­le­ge­nen Re­gio­nen in Ecua­dor an Maß­nah­men ge­gen Na­tur­ka­ta­stro­phen. Sei­ne Stu­den­ten ler­nen durch ihn das ei­ge­ne Land ken­nen, das vom Kli­ma­wan­del stark be­trof­fen ist.

Die Presse - - WISSEN & INNOVATION -

Dass Jo­han­nes Wald­mül­ler in Ecua­dor lehrt und forscht, hat er ei­gent­lich den Ver­ein­ten Na­tio­nen zu ver­dan­ken. Denn wäh­rend sei­ner Dis­ser­ta­ti­on am Hoch­schul­in­sti­tut für in­ter­na­tio­na­le Stu­di­en und Ent­wick­lung in Genf ar­bei­te­te er mit der UNO zu Fra­gen der Men­schen­rechts­in­di­ka­to­ren zu­sam­men.

„Da­mals war Ecua­dor das ers­te Land welt­weit, das für al­le öf­fent­li­chen Po­li­tik­maß­nah­men Men­schen­rechts­in­di­ka­to­ren ein­füh­ren woll­te. Die UNO hat mich dar­auf auf­merk­sam ge­macht, und wir ha­ben uns ent­schlos­sen, mei­ne For­schung in dem Land durch­zu­füh­ren“, er­zählt der Wie­ner, der vor elf Jah­ren sei­nen ers­ten For­schungs­auf­ent­halt in Qui­to ab­sol­vier­te und seit fünf Jah­ren in Ecua­dors Haupt­stadt lebt. Das For­schungs­ge­biet des Kul­tur- und So­zi­al­an­thro­po­lo­gen hat sich in­zwi­schen in Rich­tung Ka­ta­stro­phen­prä­ven­ti­on und Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels ver­scho­ben. An der gro­ßen pri­va­ten Uni­ver­si­dad de Las Ame-´ ri­cas ist er For­schungs­pro­fes­sor und der­zeit auch Gast­pro­fes­sor an der öf­fent­li­chen Flac­so (La­tein­ame­ri­ka­ni­sche Fa­kul­tät für So­zi­al­wis­sen­schaf­ten) in Qui­to.

„Es ist na­he­lie­gend, in die­ser Re­gi­on zu De­sas­ter und Kli­ma­wan­del zu for­schen, denn die An­den sind das am stärks­ten be­trof­fe­ne Ge­biet der Welt. Man kann hier ein biss­chen in die Zu­kunft schau­en: Die Aus­wir­kun­gen der Er­wär­mung gibt es hier schon län­ger, und sie lau­fen schnel­ler ab“, er­klärt Wald­mül­ler. Wäh­rend die Glet­scher­schmel­ze im Hoch­land der An­den vor­an­schrei­tet, ar­bei­ten Wald­mül­ler und sein Team ver­mehrt im Tief­land, an der Küs­te. „2016 hat­ten wir das ver­hee­rends­te Erd­be­ben in der Ge­schich­te des Lan­des, mit et­wa 700 To­ten und über 25.000 Men­schen, die ihr Zu­hau­se ver­lo­ren ha­ben. Seit­her ar­bei­te ich im Be­reich Wie­der­auf­bau und der Prä­ven­ti­on sol­cher Ka­ta­stro­phen.“

Ei­ne Maß­nah­me ist et­wa der Schutz von Man­gro­ven­wäl­dern, die ei­nen Tsu­na­mi abfedern kön­nen. Die­ses Öko­sys­tem wird aber vor­wie­gend durch Gar­ne­len­zucht­far­men zu­rück­ge­drängt.

„Un­ser Team fährt je­den Mo­nat in klei­ne Dör­fer und Or­te an der Küs­te, um mit den Leu­ten zu re­den und uns auch via Droh­nen ein Bild von den Ve­rän­de­run­gen zu ma­chen: Was ist seit dem Erd­be­ben an­ders, wo­mit ver­die­nen die Men­schen ih­ren Le­bens­un­ter­halt, wie wer­den Ter­ri­to­ri­en ge­nutzt?“Die so­zi­al­wis­sen­schaft­li­che For­schung soll di­rekt in die Po­li­tik ein­flie­ßen, wes­halb Wald­mül­ler gu­te Kon­tak­te zur Lo­kal­po­li­tik und zu na­tio­na­len Ent­schei­dungs­trä­gern pflegt. „Ecua­dor ist im Ver­gleich zu sei­nen Nach­barn Ko­lum­bi­en, Pe­ru und Chi­le hin­ten nach, wir ha­ben in punc­to Ka­ta­stro­phen­ver­mei­dung noch viel zu tun.“Bei all der be­las­ten­den Ar­beit, die Wald­mül­ler mit vie­len tra­gi­schen Schick­sa­len kon­fron­tiert, über­kommt ihn oft das Ge­fühl von Ohn­macht, wenn trotz al­ler Be­mü­hun­gen nichts pas­siert von­sei­ten der Ent­schei­dungs­trä­ger.

Mit den Stu­die­ren­den er­lebt er hin­ge­gen viel Po­si­ti­ves: „Ich neh­me – auch trotz oft­mals feh­len­der Un­ter­stüt­zung der Uni­ver­si­täts­lei­tung – die jun­gen Ba­che­lor­stu­den­ten mit zur Feld­for­schung in die be­trof­fe­nen Re­gio­nen. Wäh­rend die Di­rek­ti­on sich Sor­gen macht, was da al­les pas­sie­ren könn­te, und ob die Stu­den­ten eh ver­si­chert sind, ler­nen sie so erst­mals abgelegene Ge­bie­te und das Le­ben an­de­rer Eth­ni­en ken­nen.“

Denn in Latein­ame­ri­ka sei oft die Ori­en­tie­rung nach Miami stär­ker als die Kennt­nis des ei­ge­nen Lan­des. Wald­mül­ler spricht ne­ben Deutsch, Eng­lisch, Ita­lie­nisch, Spa­nisch und Fran­zö­sisch auch die in­di­ge­ne Spra­che Quichua, um sich bei der Feld­for­schung mit den Ein­hei­mi­schen zu un­ter­hal­ten.

Als For­schungs­pro­fes­sor hat Wald­mül­ler acht bis zehn Wo­chen­stun­den Lehr­ver­pflich­tung und Frei­heit bei der For­schung. „Aber es gibt kein na­tio­na­les For­schungs­för­der­pro­gramm. Wir müs­sen uns als Part­ner bei in­ter­na­tio­na­len Pro­jek­ten an­hän­gen, um Gel­der zu be­kom­men.“Auch den stän­di­gen Druck, Pu­bli­ka­tio­nen in hoch­ran­gi­gen Jour­na­len zu plat­zie­ren, spürt Wald­mül­ler stark. „Ecua­dor ver­sucht seit et­wa zehn Jah­ren, ei­ne neue For­schungs­mo­der­ni­tät zu er­rei­chen.“Rie­si­ge Sti­pen­di­en­pro­gram­me schi­cken Ein­hei­mi­sche an re­nom­mier­te In­sti­tu­te in den USA und Eu­ro­pa, um über die Heim­keh­rer neue Ex­per­ti­se ins Land zu brin­gen. „Das Pro­jekt Yach­ay-Tech, das ein Si­li­con Val­ley der An­den wer­den hät­te sol­len, ist aber ge­schei­tert.“

Dass la­tein­ame­ri­ka­ni­sche Unis stark in­ter­na­tio­nal ori­en­tiert sind und in Ran­kings gut ab­schnei­den, scheint in Eu­ro­pa noch nicht an­ge­kom­men zu sein, was Wald­mül­ler ver­wun­dert, der oft mit dem Vor­ur­teil über min­der­wer­ti­ge Uni­ver­si­tä­ten in Süd­ame­ri­ka kon­fron­tiert ist. „Wir brin­gen un­se­re Er­geb­nis­se viel stär­ker in die Öf­fent­lich­keit und zei­gen der Ge­sell­schaft den Nut­zen un­se­rer For­schung, im Ge­gen­satz zu im­mer noch be­ste­hen­den eu­ro­päi­schen El­fen­bein­tür­men“, sagt Wald­mül­ler.

Nur in punc­to Ma­chis­mo und Gleich­stel­lung der Frau­en ha­ben die Unis in Ecua­dor viel auf­zu­ho­len, be­merkt er er­nüch­tert. „Frau­en kön­nen zwar stu­die­ren, was sie wol­len, aber in hö­he­ren Po­si­tio­nen fin­det man sie kaum.“Auch der All­tag in Qui­to ist nicht im­mer ro­sig. Seit der Wirt­schafts­kri­se und dem po­li­ti­schen Um­schwung nach rechts spürt Wald­mül­ler, dass das Le­ben un­si­che­rer wird. „Und das nicht nur durch dro­hen­de Na­tur­ge­fah­ren, hier am Fu­ße ei­nes ak­ti­ven Vul­kans.“

[ UDLA ]

Auf dem Cam­pus in Qui­to merkt man, dass Ecua­dor ei­ne neue For­schungs­mo­der­ni­tät er­rei­chen will. Ob­wohl es kei­ne na­tio­na­len Pro­gram­me zur For­schungs­för­de­rung gibt.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.