Ef­fi und die an­de­ren

Die Presse - - SPECTRUM -

Er war ein ge­wal­ti­ger Er­zäh­ler. Ei­ner der we­ni­gen zu­dem in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts, der sein deut­sches Land und des­sen Leu­te ak­tu­ell ge­schil­dert hat. Ein rich­ti­ger Dich­ter so­gar, ei­ner, den man heu­te noch le­sen kann und soll. Er be­schrieb die un­ter­schied­lichs­ten, fast im­mer drän­gen­den Fra­gen wie kaum ein Zwei­ter der Zeit. Er wan­der­te in den Mar­ken um­her und in den oft recht ver­krampf­ten See­len der sonst die Ge­sell­schaft an­füh­ren­den Män­ner. Ei­ner, der sich nicht hin­ter Hun­der­ten Sei­ten mit Ah­nen-vol­len oder he­roi­schen Ro­ma­nen ver­barg.

Theo­dor Fon­ta­ne agier­te als ein Mit­tel­eu­ro­pä­er oft heu­ti­gen Zu­schnitts.

Er war als Pri­vat­mann nicht ganz so in­ter­es­sant wie die meis­ten sei­ner zu­meist schei­tern­den Hel­din­nen und Hel­den.

Theo­dor Fon­ta­ne heu­te his­to­risch-auf­merk­sam le­sen heißt, sich auf man­che schma­le Ver­blüf­fung ge­fasst zu ma­chen.

Er leb­te als Mann des Preu­ßi­schen Rei­ches, 19. Jahr­hun­dert, Ab­tei­lung leich­te Li­be­ra­li­sie­rung, das Sys­tem in sei­ner Per­son und sei­nem Be­schrei­ben der Zeit li­te­ra­risch über­hö­hend. (Dass er ein we­nig noch im Aus­se­hen Bis­marck äh­nelt, trägt zu die­sem Be­fund nur bei.)

Bio­gra­fi­sches, knapp, not­wen­dig ein­sei­tig. Ge­bo­ren (30. De­zem­ber 1819) aus hu­ge­not­ti­schen Vor­fah­ren in Neu­rup­pin (Bran­den­burg), in Ber­lin auf­ge­wach­sen, in ei­ner Apo­the­ker­fa­mi­lie; zu­erst selbst die­sen Be­ruf an­ge­nom­men, 1845 ei­ne En­g­land­rei­se (da­mals ziem­lich au­ßer­ge­wöhn­lich) und ei­ne stan­des­ge­mä­ße Ver­lo­bung, die trotz ei­ni­ger an­de­rer, le­bens­lan­ger Frau­enzu­wen­dun­gen zu ei­ner le­bens­lan­gen Ehe (1850) mit ei­ni­gen Kin­dern führ­te, üb­li­cher Mi­li­tär­dienst; in den Re­vo­lu­tio­nen um 1848 ein we­nig auf den Bar­ri­ka­den; ers­te Dich­tun­gen (Ly­rik, Er­zäh­lun­gen, manch Re­vo­lu­tio­nä­res). Ein be­wuss­ter Schritt im Herbst 1849: Theo­dor Fon­ta­ne wird frei­er Jour­na­list, dann erst Schrift­stel­ler und Dich­ter so­wie tem­po­rär zeit­be­ob­ach­ten­der Kul­tur­re­dak­teur.

Für die fol­gen­den bei­na­he 30 Jah­re, wäh­rend Fon­ta­ne zum deut­schen Gro­ßer­zäh­ler auf­zu­stei­gen be­gann, ist es nicht leicht, die­sen Mann ein­zu­ord­nen. Man tra­dier­te ihn im 20. Jahr­hun­dert meist als so et­was wie ei­nen deut­schen Er­zäh­ler­fürs­ten, der vice ver­sa den Auf­stieg sei­nes Lan­des zur Welt­macht im Blick­win­kel ganz ver­schie­de­ner ge­sell­schaft­li­cher Schich­ten be­schrie­ben hat. Das mag stim­men. Al­lein, Theo­dor Fon­ta­ne war of­fen­bar auch ein au­ßer­ge­wöhn­lich po­li­ti­scher Mann. Er ar­bei­te­te zeit­wei­se als Re­dak­teur, vi­el­leicht gar als Zen­sor. Man schick­te ihn mehr­fach nach Lon­don, wo er ein­mal so­gar für vier Jah­re leb­te, um dort als Be­richt­er­stat­ter für Po­li­tik und Kul­tur zu agie­ren (qua­si: Er ver­mit­tel­te Kennt­nis­se über ein den Preu­ßen da­mals eher frem­des Land. Oder: Er war wohl auch – vor al­lem? – ein ge­ho­be­ner Agent, ein Spit­zel). Da­ne­ben schrieb er viel. Noch nach sei­nem Tod fand man mas­sen­wei­se Un­fer­ti­ges.

Wenn er, seit den 1860er-Jah­ren wie­der in Ber­lin agie­rend, nicht als Thea­ter­kri­ti­ker und ge­le­gent­lich als Kriegs­be­richt­er­stat­ter, so­dann als aus­la­dend schil­dern­der, manch­mal ein we­nig ge­schwät­zig-de­tail­ver­lieb­ter Kriegs­schrift­stel­ler ar­bei­te­te, war er be­ruf­lich schon für ei­nen en­ge­ren Be­reich un­ter­wegs. Wäh­rend fa­mi­li­är ei­ni­ge schlim­me Din­ge sich er­eig­ne­ten (vier ers­te Söh­ne star­ben, dann al­ler­dings ka­men noch ei­ne, ihm am nächs­ten ste­hen­de Toch­ter, Mar­tha, und wie­der drei Kn­a­ben – der letz­te leb­te bis 1941), wan­der­te er of­fen­bar viel und ganz ge­zielt. Fon­ta­ne be­such­te sei­ne Mark, die von Bran­den­burg. Er er­fand da­bei so et­was wie die Pro­vinz­rei­se­füh­rer mit kul­tu­rel­lem und gas­tro­no­mi­schem Touch: die „Wan­de­run­gen durch die Mark Bran­den­burg“, vier Tei­le, 1862 bis 1882, suk­zes­si­ve ein Best­sel­ler. Par­al­lel da­zu er­schien als aus­la­den­de Fort­set­zungs­ge­schich­te „Vor dem Sturm“, die mehr­bän­di­ge Darstel­lung der Ent­wick

Ge­bo­ren 1948 in Zell am See. Dr. phil. Mu­sik­wis­sen­schaft­ler, Sen­dungs­ge­stal­ter, Mo­de­ra­tor im ORF-Hör­funk, Au­tor, Re­gis­seur, Aus­stel­lungs­ma­cher. Zu­letzt im Mit­tel­deut­schen Ver­lag: „34 – der ein­fa­che Schre­cken oder die Welt heu­te“. Am 8. De­zem­ber wird sein Band Die elf Be­gier­den des Herrn Lud lung des Preu­ßen­tums als Fa­mi­li­en­sa­ga. Wie­der gab es Rei­sen, dies­mal in Mit­tel­eu­ro­pa, dies­mal so­gar von sei­ner Frau, die mehr Se­kre­tä­rin als Liebs­te ge­we­sen ist, be­glei­tet. Ab 1880 (erst) be­gann er zum deut­schen Star­schrift­stel­ler zu mu­tie­ren. Aus sei­nen his­to­ri­schen und Aus­lands­be­rich­ten, aus den Land­schafts­be­ob­ach­tun­gen wer­den Le­bens­ge­schich­ten. Wild­ro­man­ti­sche Ge­dich­te schreibt er hin­ge­gen noch in je­der Pha­se. Man­che Bal­la­den wie die vom Ar­chi­bald Dou­glas und dem Gorm Grym­me oder die Brü­cke am Tay zähl(t)en zu den Li­te­ra­tur­kun­de-Stan­dards.

Hein­rich Theo­dor Fon­ta­ne, er wird in Li­te­ra­tur­le­xi­ka et­was ge­ne­ra­li­sie­rend-ober­fläch­lich als der be­deu­tends­te deut­sche Ver­tre­ter des Rea­lis­mus und li­te­ra­ri­scher Spie­gel Preu­ßens be­zeich­net, kom­po­nier­te jetzt noch bei­na­he 20 Groß­ro­ma­ne, von de­nen min­des­tens drei, vier ihm heu­te den No­bel­preis ein­brin­gen wür­den/müss­ten. Er ver­starb am 20. Sep­tem­ber 1898 in Ber­lin. Sein Nach­lass mach­te di­ver­se Ein­zel­ge­schich­ten in­ner­halb Deutsch­lands durch, von den ver­schie­de­nen po­li­ti­schen Sys­te­men im 20. Jahr­hun­dert ideo­lo­gisch be­an­sprucht, weil ei­nes ja wei­ter­hin – noch – Ge­le­se­nen.

Er wur­de ver­filmt, li­te­ra­risch ver­han­delt; von Gün­ter Grass in ei­ner sei­ner doch ver­un­glück­ten Deutsch­land-Au­f­ar­bei­tun­gen, 1995, „Ein wei­tes Feld“. Man hat ihn mit Eh­run­gen und Ge­denk­stät­ten be­dacht; 2019 in Ber­lin und Bran­den­burg mit manch­mal über­quel­len­dem li­te­ra­ri­schem Ak­tio­nis­mus ge­ra­de­zu be­hul­digt. Und noch: Über Fon­ta­ne gibt es kei­ne le­sens­wer­te Bio­gra­fie (die gibt es aber aus der kri­ti­schen Sicht von 2019 fast für kei­nen gro­ßen Künst­ler mehr). Man dis­ku­tiert oh­ne gu­te Er­geb­nis­se sei­ne Po­si­ti­on in­ner­halb des eu­ro­päi­schen Ro­mans in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts. Über An­ti­se­mi­tis­mus bei Fon­ta­ne hat man pu­bli­ziert, dar­über, dass er kaum emo­tio­na­len Be­zug zu Küns­ten wie vor al­lem Mu­sik hat­te, sich zu Recht ge­wun­dert. Er und Tei­le sei­nes Wer­kes wur­den/ wer­den an­läss­lich sei­nes 200. Ge­burts­ta­ges En­de De­zem­ber eif­rig in vie­len Zei­tun­gen, Auf­sät­zen und klug tu­en­den Es­says be­schrie­ben – vor al­lem von Frau­en und dort vor al­lem ein­sei­tig, manch­mal so­gar bö­se, den Dich­ter da­bei so­gar leicht be­lei­di­gend.

Doch we­ni­ge Dich­ter des 19. Jahr­hun­derts ha­ben so lie­be­voll zu­meist, so mit­emp­fin­dend Frau­en ge­schil­dert wie Theo­dor Fon­ta­ne in sei­nem fi­na­len Ro­manGroß­werk. Viel wur­de gern miss­ver­stan­den. Da­bei be­schreibt er zu­dem den klei­nen, män­ner­do­mi­nier­ten Adel im Rück­zugs­ge­fecht aus dem schein­bar un­an­greif­ba­ren Preu­ßen­tum. Er stellt nach noch his­to­ri­schen Er­zäh­lun­gen („Graf Pet­ö­fy“und vor al­lem „Gre­te Min­de“mit der fürch­ter­li­chen Bös­ar­tig­keit der Mas­sen) die Ber­li­ner und nord­ost­deut­sche Bür­ger­lich­keit mit all ih­ren Ver­kramp­fun­gen dar (da­mals noch ak­tu­el­le Fa­mi­li­en­po­si­tio­nen blei­ben oh­ne Dis­kus­si­ons­mög­lich­kei­ten ze­men­tiert das Du­ell

Kurz fünf aus­ge­wähl­te Bü­cher sei­en, ne­ben den so­zi­al­am­bi­tio­nier­ten „Ce­ci­le“,´ dann „Ir­run­gen, Wir­run­gen“und „Sti­ne“, ge­nannt un­ter die­sen Ge­sichts­punk­ten:

„Quitt“, er­schie­nen 1891, folgt dem Weg ei­nes selbst­ge­rech­ten Man­nes aus dem per­spek­tiv­lo­sen schle­si­schen Rie­sen­ge­bir­ge – noch vor Ger­hard Haupt­mann – in ei­ne re­li­giö­se Ge­mein­schaft im In­dian Ter­ri­to­ry in den USA mit ehe­ma­li­gen Pa­ri­ser Kom­mu­nar­den; ge­schil­dert im manch­mal grau­sa­men Na­tu­ra­lis­mus und flan­kiert von iro­ni­schen Zeit­be­zü­gen im auf­kom­men­den dor­ti­gen Berg­tou­ris­mus. Fon­ta­ne hat üb­ri­gens mehr­fach Ame­ri­ka in sein Er­zäh­len ver­wo­ben, oh­ne je selbst dort ge­we­sen zu sein. Er wird da ein we­nig zum so­zi­al-be­weg­ten Karl May.

„Frau Jen­ny Trei­bel“, 1893: Ei­ne Frau agiert, ge­nau­so ge­bun­den wie die Män­ner da­mals, sen­ti­men­tal und hin­ter­häl­tig als Lö­wen­mut­ter; ei­ne an­de­re Frau schei­tert par­al­lel und weiß im Grun­de bis zum ScheinHap­py-End nicht, war­um.

„Ef­fi Briest“, 1896, der am liebs­ten miss­ver­stan­de­ne Text Fon­ta­nes, die wun­der­ba­re Schil­de­rung des ge­ho­be­nen Pro­vinz­le­bens

„Die Pog­gen­puhls“, 1896, ein Ro­man oh­ne wirk­li­chen Be­ginn und En­de, glei­tend, drei Mäd­chen ei­ner Of­fi­zier­s­wit­we (plus ein Bru­der im Di­enst) le­ben per­spek­tiv­los in Ber­lin, wol­len ih­re Pseu­do-Ade­lig­keit auf­recht­er­hal­ten. Man denkt an Dos­to­je­w­skis „Der Idi­ot“und die drei Ge­ne­rals­töch­ter dort.

„Der Stech­lin“, 1899, wahr­schein­lich ei­ner der bes­ten Ro­ma­ne, die je ge­schrie­ben wur­den. Ei­ne Fa­mi­lie, ein See, Jah­re hin­durch ver­lau­fen­de, oft ähn­li­che Si­tua­tio­nen. Kon­ser­va­tis­mus, Lie­be und die in das Land wet­ter­leuch­ten­de neue Zeit . . . es pas­siert we­nig – und für die Men­schen fast al­les.

Aber! Die­ser Theo­dor Fon­ta­ne. Sein lan­ges, brei­tes Er­zäh­len voll mit All­tag oder recht Sim­pel-Per­sön­li­chem wird ge­le­gent­lich kurz un­ter­bro­chen von Wei­chem und un­er­hört Dra­ma­ti­schem: ein Ver­har­ren, Auf­ge­regt­sein (mit­tels die­ser letzt­ge­nann­ten Sze­nen, wo es fast stets ums Über­le­ben vor al­lem der See­len geht). Sehr we­ni­gen Dich­tern im 20. Jahr­hun­dert mit ih­ren gern aus­ras­ten­den Dra­men ge­lang das.

Wir wan­dern jetzt in sei­nen Bü­chern und ein we­nig auf ei­ge­nen Spu­ren in der Mark Bran­den­burg um­her. Es gibt sie noch, die Na­tur- und Kunst­denk­mä­ler, man­che Bli­cke, ei­ni­ge Her­ber­gen und Gast­stät­ten. Die Mark Bran­den­burg aber ist ein – jetzt zwar teil-in­dus­tria­li­sier­tes – oft et­was ein­för­mi­ges, spie­ßi­ges Ost­bun­des­land ge­blie­ben, mit dem ei­gen­stän­di­gen und ab­wei­sen­den Ber­lin in­mit­ten und mit Pots­dam als ver­bau­te, an­ge­be­ri­sche Haupt­stadt da­ne­ben. In man­chen Schlös­sern und Gär­ten be­geg­net man noch dem von Fon­ta­ne Ge­schil­der­ten. Sonst aber lei­det das Land an sei­ner Ge­schich­te seit da­mals, als es wie kaum ei­ne Groß­pro­vinz in den Reichs­tei­len sonst be­schrie­ben wur­de: üp­pi­ges Kai­ser­reich, zwei Welt­krie­ge, zwei ver­un­stal­ten­de Dik­ta­tu­ren, nun auf­ge­rie­ben zwi­schen sich selbst be­schä­di­gen­den Links- und das Land ge­ne­rell be­schä­di­gen­den Rechts­par­tei­en. Die Men­schen sind noch ähn­lich den von Fon­ta­ne ge­schil­der­ten, die Le­bens­qua­li­tä­ten zwi­schen Frank­furt/Oder, Cott­bus, Ora­ni­en­burg und Rheins­berg aber we­ni­ger.

Nur die Al­le­en, die zie­hen sich noch über Sand­stein und zwi­schen ei­ner Men­ge an Na­tur­parks da­hin Fon­ta­ne wä­re noch

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