Le­sen, oh­ne zu le­sen

Die Presse - - SPECTRUM -

Ei­ne der ab­sur­des­ten Re­ak­tio­nen in der an Ab­sur­di­tä­ten nicht ar­men Er­re­gungs­spi­ra­le rund um den Li­te­ra­tur­no­bel­preis für Pe­ter Hand­ke war die Be­richt­er­stat­tung über den Auf­tritt der Jour­na­lis­ten in Grif­fen Mit­te Ok­to­ber, die ihn, statt ihm zu gra­tu­lie­ren, mit dem Faux­pas ei­nes jun­gen Kol­le­gen kon­fron­tier­ten. Ein sol­cher war die Ver­wechs­lung der Text­sor­te Dan­kes­re­de mit ei­ner An­kla­ge­schrift ge­gen Hand­ke. Fast al­le Me­di­en und qua­si die ge­sam­te Ar­ma­da der On­li­ne-Stamm­ti­sche mach­ten sich über Hand­kes Aus­ruf lus­tig, er sei ein Schrift­stel­ler und kom­me von Ho­mer und Cer­van­tes her. Was die Bil­der da­zu zeig­ten, war we­ni­ger Zorn, der Hand­ke im un­ge­schütz­ten Um­gang mit der me­dia­len Öf­fent­lich­keit tat­säch­lich leicht be­fällt, als Ent­set­zen.

Wenn das mit Ho­mer und Cer­van­tes je für ei­nen Au­tor galt, dann für Hand­ke, und es be­trifft sein ge­sam­tes Schreib­pro­jekt, das 1966 mit dem Ro­man „Die Hor­nis­sen“be­gann, seit­her nicht mehr ab­riss und in der Wer­k­aus­ga­be von 2018 auf 11.424 Sei­ten an­ge­wach­sen ist. Wor­über ak­tu­ell ge­re­det be­zie­hungs­wei­se (ab)ge­ur­teilt wird, sind et­wa 500 da­von; und bei de­nen wird we­ni­ger dar­über ver­han­delt, was tat­säch­lich ge­schrie­ben steht, als dar­über, was aus dem Zu­sam­men­hang ge­ris­sen, fehl­in­ter­pre­tiert und zu zum Teil er­lo­ge­nen, zum Teil ver­fäl­schen­den Satz­bau­stei­nen zu­sam­men­ge­schmol­zen und von PC zu PC wei­ter­ge­schleu­dert wird.

Was sen­sa­ti­ons­hei­schen­de Geis­ter nun „auf­zu­de­cken“vor­ge­ben, hat Hand­ke vor Jah­ren der Ös­ter­rei­chi­schen Na­tio­nal­bi­blio­thek über­las­sen, oh­ne den Zu­gang, wie das Au­to­ren bei Vor­läs­sen häu­fig tun, ir­gend­wie zu be­schrän­ken. So wa­ren der ju­go­sla­wi­sche Rei­se­pass eben­so wie das In­ter­view in den du­bio­sen „Ket­zer­brie­fen“seit Jah­ren be­kannt, weil on­li­ne ein­seh­bar.

Hand­ke hat den Ge­no­zid von Sre­bre­ni­ca nie ge­leug­net; wer ihm ein La­vie­ren zwi­schen den Be­grif­fen „Mas­sa­ker“und „Ge­no­zid“in der „Win­ter­li­chen Rei­se“wie im „Som­mer­li­chen Nach­trag“, bei­de er­schie­nen 1996, vor­wirft, muss sei­ne An­kla­ge­schrift an die UNO wei­ter­lei­ten, die erst 1999 auf „Ge­no­zid“ent­schied, was re­tro­spek­tiv be­deu­tet, dass die dort sta­tio­nier­ten UNO-Trup­pen hät­ten ein­grei­fen müs­sen, was bei ei­nem Mas­sa­ker nicht der Fall ist. Auch hat Hand­ke sich we­der Slo­bo­dan Mi­lo­se­viˇc´ noch „ei­nem au­to­ri­tä­ren, ver­bre­che­ri­schen Re­gime an­ge­dient“, wie das der Düs­sel­dor­fer Stadt­rat 2006 be­haup­tet hat­te, als er die Ver­ga­be des Hei­ne-Prei­ses an Hand­ke ab­lehn­te. „An­die­nen“be­deu­tet, man ver­spricht sich ma­te­ri­el­le oder ide­el­le Vor­tei­le. Hand­ke aber hat die Stur­heit, mit der er bei sei­ner Hal­tung ge­blie­ben ist, seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten nur ge­scha­det.

Er hat auch nicht mit Mi­lo­se­viˇc´ „ge­ku­schelt“(„Der Spie­gel“), son­dern ihn ein Mal im Ge­fäng­nis in Den Haag be­sucht, wo­bei er von des­sen Ego­ma­nie ei­ni­ger­ma­ßen ir­ri­tiert war – was man in „Die Tab­las von Dai­miel“(2006) nach­le­sen kann. Ja, er war beim Be­gräb­nis von Mi­lo­se­viˇc,´ hat da­bei al­ler­dings we­der ihn noch sei­ne Po­li­tik ge­prie­sen, son­dern sich von sei­ner Uto­pie des Viel­völ­ker­staa­tes „Ju­go­sla­wi­en“ver­ab­schie­det und in sei­ner Mi­ni­re­de wie­der­holt, dass er Ge­rech­tig­keit su­che, die Wahr­heit über die Kriegs­g­räu­el aber nicht ken­ne. In ei­nem – eben­falls seit Lan­gem pu­bli­zier­ten – Brief hat Hand­ke un­mit­tel­bar da­nach be­schrie­ben, wie sehr ihn der Auf­marsch der Ge­ne­ra­li­tät rund um ihn ver­stört hat.

Dass je­ne, die Hand­kes Werk ken­nen, so lan­ge ge­schwie­gen ha­ben, ist nur mit Schock­star­re zu er­klä­ren. Schließ­lich droht der raue Ge­gen­wind, al­le, die ge­gen die im­mer wie­der ver­brei­te­ten Lü­gen und falsch zi­tier­ten Text­schnip­sel an­tre­ten, mit in den mo­ra­li­schen Ab­grund zu stür­zen. Denn da sind je­ne, die, wie die 1981 in Sa­ra­je­wo ge­bo­re­ne Au­to­rin und Über­set­ze­rin Ma­scha Da­bic´ bei ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on for­mu­lier­te, ihr in den Ju­go­sla­wi­en­krie­gen wur­zeln­des Exil­schick­sal zu ei­ner Waf­fe schmie­den, um da­mit auf Hand­ke ein­zu­schla­gen, als sei er der wah­re Kriegs­schul­di­ge oder zu­min­dest ein maß­geb­li­cher Kriegs­het­zer. Und da sind die­je­ni­gen in den Re­dak­tio­nen, die sehr wohl über das ver­ord­ne­te und fast lü­cken­los durch­ge­hal­te­ne Nar­ra­tiv des Wes­tens in der da­ma­li­gen Be­richt­er­stat­tung Be­scheid wis­sen. Das hieß be­den­ken­lo­se Par­tei­nah­me für Fran­jo Tud­j­man und ge­gen Mi­lo­se­viˇc,´ der nicht nur die Ser­ben, son­dern

Die täg­li­che Schrift den „Rest“ei­nes Sys­tems ver­trat, das als „Drit­ter Weg“zwi­schen Ost und West galt und al­so rasch zer­schla­gen wer­den muss­te, wes­halb dann auch die Na­to-Bom­bar­de­ments oh­ne UNO-Man­dat bei­na­he un­wi­der­spro­chen blie­ben. So rich­tig oh­ren­be­täu­bend wird das Gan­ze aber in den fa­tal kra­kee­len­den Echo­kam­mern der im­mer noch so­ge­nann­ten so­zia­len Me­di­en.

Mit die­ser kom­pak­ten An­ti-Hand­keFront woll­te sich lan­ge kaum je­mand öf­fent­lich an­le­gen – auch weil sich dar­un­ter nur we­ni­ge Hand­ke-Le­ser fin­den, was ei­ne ar­gu­men­ta­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung so schwer macht. Da er­scheint der Band „Die täg­li­che Schrift. Pe­ter Hand­ke als Le­ser“ge­ra­de im rech­ten Mo­ment. „Viel, viel Elend der Mensch­heit kommt da­von, daß die Leu­te le­sen, oh­ne zu le­sen.“Die­se Sen­tenz aus Hand­kes Jour­nal­band „Am Fels­fens­ter mor­gens (und an­de­re Orts­zei­ten 1982–1987)“setzt Karl Wa­gner sei­nem Bei­trag als Mot­to vor­an. Und bes­ser ge­wor­den sind die Din­ge seit­her nicht. „Kei­ner der Ver­streu­ten hat mehr ein Licht“, die ver­ein­zel­ten Le­ser bil­den „heut­zu­ta­ge kei­ne Ge­mein­schaft mehr“, klag­te Hand­ke 1994 in „Mein Jahr in der Nie­mands­bucht“. Denn an das Le­sen ist bei Hand­ke im­mer auch die „Idee der Brü­der­lich­keit“ge­knüpft, so der Her­aus­ge­ber Tho­mas Cars­ten­son, „ei­ne al­ter­na­ti­ve Ge­mein­schaft, die dem ver­ein­zel­ten Men­schen der Mo­der­ne“– kon­kre­ter vi­el­leicht: dem ent­wur­zel­ten Klein­häus­ler-Sohn mit slo­we­ni­schen Wur­zeln – ei­ne Er­satz­hei­mat bie­tet“.

Die 19 Auf­sät­ze des Ban­des zei­gen, wie sich Hand­ke als Le­ser an un­ter­schied­lichs­ten „Wahr­neh­mungs- und Er­zähl­mo­del­len – von der ara­bi­schen Mys­tik über die Grimm’schen Mär­chen bis hin zum ame­ri­ka­ni­schen Wes­tern“ab­ar­bei­tet. Aus der Be­fra­gung so un­ter­schied­li­cher Au­to­ren wie Goe­the, Stif­ter, Grill­par­zer, Do­de­rer oder dem aus der West­schweiz ge­bür­ti­gen Phil­ip­pe Jac­cot­tet schmie­det Hand­ke seit je das Werk­zeug, um sei­nen Stand­ort zu be­stim­men und sei­ne Ver­fah­rens­wei­sen zu schär­fen. Wenn er schreibt, Jac­cot­tets Tex­te zeich­nen sich „durch vie­le Kehrt­wen­dun­gen, In­Fra­ge-Stel­lun­gen der Spra­che und vor al­lem durch Um­we­ge“aus, dann klingt das wie ein Selbst­kom­men­tar zum ei­ge­nen Werk – nicht zu­letzt zu den Jour­nal-Bän­den, die voll von Le­se­früch­ten sei­ner Lek­tü­ren sind. „Die Fra­ge da­nach, wie es der größ­te le­ben­de Dich­ter deut­scher Spra­che mit dem Le­sen hal­te, ist vor al­lem des­halb von In­ter­es­se, weil im Spie­gel des Le­sens sich et­was vom künst­le­ri­schen Wol­len Hand­kes zeigt“, so Pe­ter Stras­ser, denn, an­ders als Hof­mannst­hals Lord Chan­dos, ver­mag er stets „den dro­hen­den Ab­grund des Wort­ver­lusts in neue dich­te­ri­sche Ener­gie um­zu­wan­deln“.

In­ter­es­sant vor dem Hin­ter­grund der ak­tu­el­len De­bat­ten ist Oli­ver Kohns Über­le­gung zu den lan­gen Schat­ten, die der frü­he Vor­wurf des Nar­ziss­mus auf die Per­son des Au­tors wirft, was jetzt die Mög­lich­keit er­öff­net ihn für sei­ne schein­ba­re Ab­ge­ho­ben

Fi­xiert­heit“auf das ei­ge­ne Ich, und so sa­hen das bei Er­schei­nen sei­ner Te­tra­lo­gie „Lang­sa­me Heim­kehr“vie­le. Die­se In­ter­pre­ta­ti­on hat­te da­mals mit dem falsch, weil als un­po­li­tisch miss­ver­stan­de­nen Be­griff der „Neu­en Sub­jek­ti­vi­tät“zu tun, und sie über­sieht bis heu­te, dass Hand­kes Spiel mit Al­ter Egos, die als „Par­odi­en durch sei­ne Tex­te geis­tern“, ein ge­rüt­telt Maß an Selbst­iro­nie und auch Selbst­kri­tik ent­hält.

Auch Alex­an­der Ho­nold liest Hand­kes Werk als ein „Pro­jekt der „Selbst-Ver­net­zung“, sieht aber zu­gleich, wie sehr ge­ra­de im Spät­werk ein ge­sell­schaft­lich wa­cher Au­tor und „po­li­ti­scher Schrift­stel­ler wi­der Wil­len“sicht­bar wird. So war zu­letzt eben­so „Die Obst­die­bin Oder Ein­fa­che Fahrt ins Lan­des­in­ne­re“(2017) mit dem „auf­fla­ckern­den Mo­tiv der Ge­walt“im öf­fent­li­chen Raum mit­ten im som­mer­li­chen Frank­reich ein „Werk un­mit­tel­ba­rer Zeit­ge­nos­sen­schaft“. Hand­kes Blick ist „nur ver­meint­lich dem Welt­ge­sche­hen ab­ge­wandt“, tat­säch­lich er­weist sich sein „Er­zähl­kon­zept in man­cher­lei Aspek­ten als be­son­ders scharf­sich­tig“, und sei­ne gro­ßen Land­schafts­er­zäh­lun­gen sind

QNicht ein­ge­gan­gen wird in die­sem Band auf Hand­kes Lek­tü­re von Her­mann Lenz, dem er 1973 mit ei­ner Hom­mage in der „Süd­deut­schen Zei­tung“zum spä­ten Durch­bruch ver­hol­fen hat. Das war die ers­te von Hand­kes er­folg­rei­chen Ka­non­kor­rek­tu­ren, ei­ne an­de­re be­trifft Flor­jan Li­pus.ˇ Oh­ne die von ihm 1981 ge­mein­sam mit Hel­ga Mrac­nikarˇ be­sorg­te Über­set­zung des Ro­mans „Der Zög­ling Tjaz“ˇ hät­te der slo­we­nisch­spra­chi­ge ös­ter­rei­chi­sche Au­tor wohl nicht den Gro­ßen Ös­ter­rei­chi­schen Staats­preis be­kom­men – wenn auch auf­grund ei­nes in­ter­nen Pro­tests im Kunst­se­nat erst 2018 mit ei­nem Jahr Ver­zö­ge­rung.

Wie sehr Hand­kes Über­set­zungs­ar­bei­ten sein Werk be­ein­flus­sen und be­glei­ten, kann man auch im ge­ra­de er­schie­ne­nen Band „. . . über­setzt von Pe­ter Hand­ke“nach­le­sen, der sei­ne be­ein­dru­cken­de Band­brei­te zeigt: So­pho­kles, Eu­ri­pi­des, Sha­ke­speare, aber auch Em­ma­nu­el Bo­ve, Re­ne´ Char, Ge­or­ge­sAr­thur Gold­schmidt, Patrick Mo­dia­no oder Fran­cis Pon­ge. Hand­kes ers­te Über­set­zungs­ar­beit war „Der Ki­no­ge­her“von Wal­ker Per­cy, die zwei­te schon die „Tan­dem­über­set­zung“des „Zög­ling Tjaz“.ˇ

Am in­ter­es­san­tes­ten aber ist vi­el­leicht Ma­scha Da­bics´ Ver­such, Hand­kes Ju­go­sla­wi­en-Tex­te mit der Ver­mitt­lungs­ar­beit des Über­set­zens par­al­lel zu le­sen, er­schwert durch die „pre­kä­re Po­si­ti­on des Ver­mitt­lers in ei­nem auf ein ideo­lo­gi­sches Freun­dFeind-Sche­ma ein­ge­schwo­re­nen Um­feld“. In ei­nem Ge­spräch mit sei­nem Über­set­zer und Be­glei­ter bei sei­nen Ser­bi­en-Rei­sen, Zˇar­ko Ra­da­ko­vic´, mein­te Hand­ke noch im Jahr 2008, das wirk­lich Tra­gi­sche sei, „dass Leu­te zu­sam­men­ge­hö­ren und nicht zu­sam­men­kom­men, wie auf dem Bal­kan. Die Ju­go­sla­wen ge­hö­ren zu­sam­men, noch im­mer!“

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