Wan­der­zeit mit bun­ten Vö­geln

Cos­ta Ri­ca. Vom Ne­bel- zum Man­gro­ven­wald: Das klei­ne Land ist groß an Schutz­ge­bie­ten.

Die Presse - - REISEN -

Cos­ta Ri­ca ist ein ge­spal­te­nes Land. Je­doch nicht po­li­tisch in links und rechts, son­dern geo­gra­fisch in die pa­zi­fi­sche und ka­ri­bi­sche Sei­te. Nicht nur das Kli­ma und die Ve­ge­ta­ti­on sind un­ter­schied­lich. Auf der Pa­zi­fik­sei­te trifft man vor al­lem auf die ty­pi­schen Cos­ta­ri­ca­ner, die Ti­cos (die „Klei­nen“), wie sie sich selbst nen­nen. Man be­geg­net ih­nen fast aus­schließ­lich mit ei­nem brei­ten Lä­cheln im Ge­sicht, gu­te Lau­ne ist an der Ta­ges­ord­nung. Und wer nicht zu­rück­lä­chelt, macht sich je­den­falls su­spekt.

Auf der öst­li­chen Sei­te des mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Lan­des ist es bun­ter, lau­ter und auch ein we­nig hek­ti­scher. Hier ver­mi­schen sich, wie in an­de­ren Ka­ri­bik­staa­ten auch, noch stär­ker in­di­ge­ne mit afri­ka­ni­schen und chi­ne­si­schen Ein­flüs­sen. Vie­le Be­woh­ner sind Nach­fah­ren von Skla­ven und Ei­sen­bahn­ar­bei­tern. Drei Din­ge je­den­falls ver­ei­nen al­le Re­gio­nen des Lan­des: Zum ei­nen das Na­tio­nal­ge­richt Gal­lo Pin­to („ge­fleck­ter Hahn“) aus Reis und Boh­nen. Dann wä­re auch „la ho­ra ti­ca“(„die cos­ta­ri­ca­ni­sche Uhr­zeit“) zu er­wäh­nen, mit der die nicht vor­han­de­ne Pünkt­lich­keit ge­meint ist. Da­bei han­delt es sich nicht et­wa um aka­de­mi­sche Vier­tel-, son­dern um gan­ze Stun­den, wenn nicht so­gar Ta­ge.

Und dann, als drit­tes, na­tür­lich „pu­ra vi­da“, das pu­re Le­ben. Es ist wie ein Le­bens­mot­to der Ti­cos und meint vor al­lem, je­den Au­gen­blick zu ge­nie­ßen – wo­mit dann auch „la ho­ra ti­ca“er­klärt wä­re. Und mehr noch: Die­ses „pu­ra vi­da“ist all­ge­gen­wär­tig, kaum ein Ge­spräch kommt oh­ne die­se bei­den Wör­ter aus. Man hört es als Be­grü­ßung, als Aus­druck der Be­geis­te­rung oder des Stau­nens und vor al­lem zur Ver­ab­schie­dung. Auch als Tou­rist hat ei­nen das „pu­ra vi­da“schnell ge­packt, und man sagt es vi­el­leicht öf­ter als „por fa­vor“und „gra­ci­as“zu­sam­men.

Dass Cos­ta Ri­ca ein sehr be­lieb­tes Rei­se­ziel der Ös­ter­rei­cher ist, stel­len Rei­sen­de oft schon im Vor­feld fest, wenn ei­nem Freun­de,

Ver­wand­te, vi­el­leicht so­gar die Haus­ärz­tin, da­von er­zäh­len, dass sie ei­ne Fahr­rad­tour qu­er durch die­ses Land ab­sol­viert ha­ben.

Durch die ber­gi­ge Land­schaft – der höchs­te Punkt Cos­ta Ri­cas liegt auf 3800 Me­tern – ist das Vor­an­kom­men mit­un­ter sehr an­stren­gend. Den­noch ist un­ter den Ein­hei­mi­schen die Be­geis­te­rung für das Rad­fah­ren groß. Es ist mitt­ler­wei­le die zweit­be­lieb­tes­te Sport­art – na­tür­lich weit ab­ge­schla­gen hin­ter Kö­nig Fuß­ball.

Un­se­re Grup­pe hin­ge­gen fährt nicht mit dem Rad, son­dern geht zu Fuß und be­gibt sich auf ei­ner 14-tä­gi­gen Wan­der­rei­se durch Cos­ta Ri­cas we­ni­ger tou­ris­ti­sche Ge­gen­den. Vom kör­per­li­chen An­spruch ist das si­cher die ein­fa­che­re Va­ri­an­te (der Tou­ren­cha­rak­ter der Wan­de­run­gen ist eher am un­te­ren En­de der Ska­la an­ge­sie­delt). Da­durch kann man sei­ne Auf­merk­sam­keit ganz der Um­ge­bung wid­men. Das reicht zwar nicht, um die vie­len Be­son­der­hei­ten der Na­tur selbst zu ent­de­cken, aber da­für ist im­mer un­ser Gui­de zur Stel­le: Cur­din, ge­bür­ti­ger Schwei­zer, hat­te ge­nug vom Gast­ge­wer­be und nahm sich mit An­fang 20 ein Jahr Aus­zeit in Cos­ta Ri­ca. Das war vor 15 Jah­ren. An­statt Pflan­zen und Tie­re zu ver­ar­bei­ten, be­gann er hier, sie zu er­for­schen und ver­fügt mitt­ler­wei­le über breit ge­fä­cher­te Kennt­nis­se der Flo­ra und Fau­na. In­for­ma­tio­nen, die er nicht in Bü­chern fin­den kann, holt er sich im Aus­tausch mit be­freun­de­ten Ex­per­ten, et­wa Or­ni­tho­lo­gen. Denn am meis­ten be­ein­druck­ten ihn die zahl­rei­chen Vo­gel­ar­ten Cos­ta Ri­cas mit ih­rem bun­ten, teil­wei­se schil­lern­dem Ge­fie­der eben­so wie mit aus­ge­fal­le­nen Ge­sän­gen.

Da­bei zwi­schen Männ­chen und Weib­chen zu un­ter­schei­den, ist für Cur­din ein Leich­tes. Für den sel­te­nen Fall, dass er sich un­si­cher in der Be­stim­mung ist oder ei­ne Fra­ge nicht be­ant­wor­ten kann, hat er im­mer das Stan­dard­werk „The Birds of Cos­ta Ri­ca“mit. 903 be­kann­te Spe­zi­es sind dar­in il­lus­triert und be­schrie­ben. Als Hob­by-Or­ni­tho­lo­ge hat er das­sel­be Ziel wie die 3000 of­fi­zi­el­len Vo­gel­be­ob­ach­ter des Lan­des: je­dem Ex­em­plar zu be­geg­nen.

So wird auch un­se­re Rei­se als­bald zur Jagd nach sel­te­nem und selt­sa­mem Fe­der­vieh. Mit stets in die Baum­kro­nen ge­rich­te­tem Blick kön­nen die wich­tigs­ten Gat­tun­gen be­reits in den ers­ten Ta­gen ab­ge­hakt wer­den: Der Tu­kan mit knall­gel­bem Schna­bel und Hals oder der Quetz­al im grün-tür­ki­sen Ge­wand mit ro­tem Bauch. Zu ei­nem stän­di­gen Be­glei­ter wird der Mon­te­zu­ma Oro­pen­do­la: Sei­ne Nes­ter hän­gen wie Zap­fen ei­ner rie­si­gen Pen­del­uhr von den Bäu­men und auch sein mar­kan­ter mehr­tö­ni­ger Ruf könn­te ei­ner Uhr ent­stam­men. Die gel­ben Schwanz­fe­dern im sonst dun­kel­brau­nen Ge­fie­der sind da­ge­gen we­ni­ger auf­fäl­lig.

Na­tur­ver­bun­den sind die ei­gent­li­chen Zie­le und ori­gi­nel­ler­wei­se auch die Un­ter­künf­te. Als Eu­ro­pä­er fühlt man sich oft mehr im Dschun­gel als in ei­ner Ho­tel­an­la­ge, oh­ne da­bei auf we­sent­li­che Stan­dards ver­zich­ten zu müs­sen. Die We­ge füh­ren durch ei­ne üp­pi­ge Pflan­zen­welt aus sat­tem Grün und bun­ten Blü­ten statt durch schal­graue Ho­tel­gän­ge. Aus­ge­reizt wird die­se Er­fah­rung et­wa im Re­ser­va Na­tu­ral Mon­te Al­to auf der Halb­in­sel Ni­coya im Wes­ten des Lan­des. In­mit­ten des Wal­des steht die­se Un­ter­kunft für et­wa 20 Per­so­nen: ein­fa­che Zim­mer im Erd­ge­schoß und dar­über ein über­dach­ter Schlaf­saal mit of­fe­ner Front, von der sich der Blick in al­le Rich­tun­gen im Grün ver­liert. Da­zu Vo­gel­ge­sän­ge, das mit­un­ter lau­te Rau­schen un­zäh­li­ger Zi­ka­den und sons­ti­ge exo­ti­sche Lau­te. Früh­mor­gens kommt es hier zu ei­ner ers­ten Be­kannt­schaft mit Brüll­af­fen. Ihr Ge­schrei be­ginnt als dump­fer Don­ner­groll, in den sich zu­se­hends ty­pi­sche Af­fen­lau­te mi­schen. In Wel­len dringt es durch den Dschun­gel, bis sich al­le Mit­glie­der ih­res Clans be­merk­bar ge­macht ha­ben. Da­von aus dem Schlaf ge­ris­sen zu wer­den, wirkt nur beim ers­ten Mal be­droh­lich.

Wenn man be­denkt, dass die­ses Ge­biet vor 30 Jah­ren karg und ver­trock­net war, ist Mon­te Al­to ein Pa­ra­de­bei­spiel der Auf­fors­tung. 900 Hekt­ar Wald sind hier seit 1992 ent­stan­den. Et­wa zehn Pro­zent von Men­schen­hand, den Rest hat die Na­tur selbst er­le­digt. Da­bei ist ei­ne Öko­zo­ne ent­stan­den, die hun­der­ten Tier- und Pflan­zen­ar­ten als Hei­mat dient. Ei­ne Pflan­zen­art ge­lang ei­nem der Ran­ger neu zu ent­de­cken – er be­nann­te sie nach sei­ner Toch­ter Hanna.

Beim Spa­zier­gang durch den wald­ei­ge­nen „Or­chi­de­en­gar­ten“soll­te man all­zu blu­mi­ge Vor­stel­lun­gen al­ler­dings aus­blen­den. Die Na­tur funk­tio­niert an­ders als zum Bei­spiel ei­ne Aus­stel­lung im Pal­men­haus. Noch da­zu, wenn sai­son­be­dingt nur we­ni­ge Or­chi­de­en am Blü­hen sind und es sich bei den meis­ten Ar­ten um so­ge­nann­te Mi­kro­or­chi­de­en han­delt. Als Laie be­darf es da schon dem Fin­ger­zeig ei­nes Ran­gers oder Gui­des. Auf­fal

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