St­a­che­li­ge So­wjet-Sit­ten­ge­mäl­de

Re­tro­spek­ti­ve. Das Wie­ner Film­mu­se­um zeigt bis 20. De­zem­ber Fil­me von Ki­ra Mu­ra­to­va. Sie war ei­ne der scharf­sich­tigs­ten Men­schen­zeich­ne­rin­nen der UdSSR.

Die Presse - - FEUILLETON -

Sucht man nach Ve­rän­de­run­gen im Pro­gramm­pro­fil des Ös­ter­rei­chi­schen Film­mu­se­ums seit Be­ginn der In­ten­danz von Micha­el Lo­eben­stein im Herbst 2017 (und seit der Be­stel­lung von Ju­rij Me­den zum Ch­ef­ku­ra­tor im Som­mer 2018), tre­ten vor al­lem zwei Ten­den­zen zu­ta­ge: mehr Raum für Fil­me­ma­che­rin­nen (gleich­wohl meist nur in Form klei­ne­rer Schlag­lich­ter) – und für ost­eu­ro­päi­sche Film­ge­schich­te. Bei der De­zem­ber-Re­tro­spek­ti­ve kreu­zen sich die­se Li­ni­en nun erst­mals im Rah­men ei­ner grö­ße­ren Schau: Ge­wür­digt wird das Werk der ukrai­ni­schen Re­gis­seu­rin Ki­ra Mu­ra­to­va.

Es ist ei­ne er­freu­lich un­kon­ven­tio­nel­le Wahl: Denn ob­wohl die im eins­ti­gen Bes­sa­ra­bi­en ge­bo­re­ne und 2018 in Odes­sa ver­stor­be­ne Künst­le­rin seit den 1990ern ver­stärkt west­li­che Fes­ti­val­prä­senz ge­noss, blieb ihr Schaf­fen stets um­strit­ten – und nur be­dingt ex­port­taug­lich. Das liegt haupt­säch­lich an sei­ner äs­the­ti­schen Spe­zi­fi­tät: Mu­ra­to­vas In­ter­es­se galt den klei­nen Leu­ten, nicht den gro­ßen Ges­ten. Sie stell­te Zwi­schen­mensch­li­ches über Me­ta­phy­sik, Epi­so­di­sches über Epi­sches, das Ge­sell­schafts­por­trät über das Ge­samt­kunst­werk. Und war bei al­ler Freu­de am Ex­pe­ri­ment im­mer­zu scho­nungs­los kon­kret in ih­ren Be­schrei­bun­gen (post-)so­wje­ti­scher Le­bens­wirk­lich­keit.

Das brach­te sie von An­fang an in Be­dräng­nis. Schon in ih­rer ers­ten So­lo-Re­gie­ar­beit („Kur­ze Be­geg­nun­gen“, 1967) fehlt je­de Spur von zeit­ty­pi­scher Idea­li­sie­rung: Die Haupt­fi­gu­ren des me­lan­cho­li­schen Lie­bes­drei­ecks sind durch und durch un­schlüs­sig, ha­dern mit ih­ren Ge­füh­len und der Rol­le im so­wje­ti­schen Pro­jekt. Als beim Mut­ter-Sohn-Be­zie­hungs­dra­ma „Lan­ger Ab­schied“(1971) auch noch for­ma­le Ver­spielt­heit nach fran­zö­si­scher Fas­son hin­zu­kam, wur­de es den Be­hör­den zu viel: Der Film ver­schwand im Gift­schrank der Zen­sur.

Fort­an stand Mu­ra­to­va auf Kriegs­fuß mit der Ob­rig­keit. Und spitz­te ih­ren Stil mit je­dem neu­en, müh­sam durch­ge­box­ten Werk noch wei­ter zu – in Sa­chen Rea­lis­mus wie in punc­to Künst­lich­keit. Ein Wi­der­spruch? Nicht wirk­lich. Be­zeich­nend: der Film „Das as­the­ni­sche Syn­drom“, der bei der ers­ten Ber­li­na­le nach der Mau­er­öff­nung mit ei­nem Sil­ber­nen Bä­ren aus­ge­zeich­net wur­de (und viel­leicht das Zen­tral­ge­stirn von Mu­ra­to­vas OEu­vre dar­stellt). Das aus­ufern­de So­zi­al­pan­ora­ma be­ginnt mit sur­rea­len Sze­nen aus dem Le­ben ei­ner de­pres­si­ven Frau – Auf­takt zu ei­nem Par­cours durch gars­ti­ge All­tags­bil­der ei­ner von to­ten See­len be­völ­ker­ten UdSSR.

Der Zug zum Gro­tes­ken – Men­schen, die ma­rio­net­ten­ar­tig ih­re schril­len Da­seins­rol­len spie­len, stets auf den ei­ge­nen Vor­teil be­dacht, schein­bar un­fä­hig zur Kom­mu­ni­ka­ti­on – ließ auch im neu­en Sys­tem nicht nach. Und ver­schaff­te Mu­ra­to­va den un­dank­ba­ren Ruf ei­ner Mi­s­an­thro­pin, den sie mit sta­che­li­gen In­ter­views be­stärk­te. Doch ge­ra­de in der Be­ob­ach­tungs­schär­fe, mit der sie Män­ner wie Frau­en, Op­fer wie Pro­fi­teu­re der je­weils herr­schen­den Ord­nung ins Licht rück­te, steckt enor­mes Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Be­mer­kens­wert da­bei: Mu­ra­to­vas Ge­spür für Spra­che. Und, nicht zu­letzt, ihr im Spät­werk im­mer stär­ker durch­schei­nen­der Hu­mor.

Mu­ra­to­vas Ein­fluss auf nach­ge­bo­re­ne Re­gie-Ge­ne­ra­tio­nen ist nicht zu un­ter­schät­zen. Was sie woll­te? Ser­gei Loz­nitsa, ei­ner ih­rer geis­ti­gen Er­ben, brach­te es in ei­nem schö­nen Nach­ruf auf den Punkt, und zwar mit ei­nem von Mu­ra­to­vas ei­ge­nen Film­ti­teln: nichts we­ni­ger als „Die gro­ße wei­te Welt er­ken­nen“– durch die Be­zie­hun­gen ih­rer Be­woh­ner.

[ Wie­ner Film­mu­se­um ]

Wird am 19. De­zem­ber ge­zeigt: „Der Kla­vier­stim­mer“aus dem Jahr 2004.

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