Kei­ne Angst vor dem Wild

Scha­den­er­satz. Ei­ne Frau stürz­te in ei­nem Wild­park, weil sie sich in Si­cher­heit brin­gen woll­te. Schmer­zen­geld er­hält sie kei­nes.

Die Presse - - VORDERSEIT­E -

Ei­ne Frau stürz­te in ei­nem Wild­park auf der prä­ven­ti­ven Flucht vor Tie­ren. Schmer­zen­geld er­hält sie nicht.

„Der di­rek­te Kon­takt mit den Tie­ren wird ein be­son­de­res Er­leb­nis für Sie sein.“Mit Sät­zen wie die­sen macht ein Wild­park sei­nen Gäs­ten den Be­such schmack­haft. Doch nun kam es auch zu ei­nem di­rek­ten Kon­takt mit An­wäl­ten und Rich­tern. Denn ei­ne Be­su­che­rin des Tier­parks hat­te sich im Zu­ge ei­ner von ihr vor­ge­nom­me­nen Füt­te­rung ver­letzt. Aber nicht, weil ihr das Wild et­was an­ge­tan hat­te, son­dern weil die Frau auf ei­ner prä­ven­tiv ein­ge­schla­ge­nen Flucht ge­stürzt war. Denn ein im Ge­he­ge be­find­li­cher Hund hat­te das Wild ner­vös ge­macht. Aber war das ein Grund ab­zu­hau­en?

Al­les hat­te mit ei­nem Fa­mi­li­en­aus­flug be­gon­nen. Mit Ehe­mann, Sohn und zwei En­kel­kin­dern be­such­te die Frau den Wild­park. Das Füt­tern der Tie­re durch Gäs­te ist dort üb­lich, die Frau kauf­te vom Be­trei­ber des Tier­parks da­für Mais­kör­ner. Die Fa­mi­lie be­trat das Ge­he­ge, um Si­ka­wild zu füt­tern. Die­se Tie­re sind klei­ner als Rot­wild. Das Si­ka­wild kann ei­ne Schul­ter­hö­he bis zu ei­nem Me­ter und 80 Ki­lo­gramm an Ge­wicht er­rei­chen. Die Tie­re im Park sind an Men­schen ge­wöhnt und zu­trau­lich, doch ha­ben sie ein Ge­weih, von dem Ge­fahr aus­ge­hen kann.

Und so ei­ne Ge­fahr or­te­te die Frau. Meh­re­re Tie­re be­dräng­ten sie, weil sie an das Fut­ter woll­ten. Dann kam noch ein bel­len­der Hund ins Ge­he­ge. Ein Hirsch senk­te sein Ge­weih in Rich­tung des Hun­des und ging in An­griff­stel­lung. Ein an­de­rer Hirsch woll­te ei­gen­mäch­tig Fut­ter vom Ehe­mann der Frau be­kom­men. Im Zu­ge die­ser Ak­ti­on be­rühr­te das Tier die Frau mit sei­nem Ge­weih, oh­ne sie zu ver­let­zen. Doch nun reich­te es der Be­su­che­rin. Sie warf das ge­sam­te Fut­ter weg, um sich und vor al­lem die En­keln zu schüt­zen. Im Rück­wärts­gang woll­te die Frau Ab­stand von den Tie­ren ge­win­nen. Doch da­bei rutsch­te sie aus und ver­letz­te sich.

Die Fol­ge war ein kom­pli­zier­ter Wa­den­bein- und Knö­chel­bruch. Die Ver­letz­te for­der­te nun knapp 26.700 Eu­ro Scha­den­er­satz vom Be­trei­ber des Wild­parks. Die

Be­su­che­rin warf dem Be­trei­ber vor, dass Hun­de (wenn auch nur an kur­zer Lei­ne) mit­ge­nom­men wer­den dür­fen. Über­dies wür­den Wild­hü­ter feh­len, die in Ge­fah­ren­si­tua­tio­nen ein­grei­fen.

Der Wild­park­be­trei­ber ent­geg­ne­te, dass die Frau schreck­haft und un­ge­schickt agiert ha­be. Sie sei so­mit an ih­rem Un­fall selbst schuld. Die Frau ha­be auch den in der „Haus­ord­nung“vor­ge­se­he­nen Re­spekt­ab­stand zu den Tie­ren nicht ein­ge­hal­ten. Über­haupt ha­be man in die­sen Re­geln jeg­li­che Haf­tung für Per­so­nen­schä­den aus­ge­schlos­sen, er­klär­te der Park.

Die­ser Haf­tungs­aus­schluss ver­sto­ße aber ge­gen das Kon­su­men­ten­schutz­ge­setz, mein­te die ers­te Ge­richts­in­stanz. Ein Wild­hü­ter je­doch hät­te das Un­glück nicht ver­hin­dert. Aber man müs­se dem Park­be­trei­ber vor­wer­fen, dass Hun­de mit­ge­nom­men wer­den dürf­ten, mein­te das Ge­richt. Denn die­se könn­ten Wild­tie­re in Un­ru­he ver­set­zen. Des­we­gen haf­te der Park für den Scha­den der Frau.

Das zweit­in­stanz­li­che Ober­lan­des­ge­richt Linz (OLG) ge­stand der Frau zu, dass ih­re „sub­jek­ti­ve Be­sorg­nis an­ge­sichts der drän­gen­den Tie­re doch ver­ständ­lich ist“. Nur ha­be sie sich be­wusst in den Na­he­be­reich der Tie­re ge­wagt. Und „dass sich Tie­re bei der Füt­te­rung nicht im­mer ru­hig ver­hal­ten, ist all­ge­mein be­kannt, wes­halb für die Klä­ge­rin leicht er­kenn­bar war, dass die Tie­re zum Fut­ter drän­gen wer­den“, mahn­ten die Rich­ter.

Wenn die Frau es als be­droh­lich emp­fin­de, wenn sich Tie­re um sie drän­gen, hät­te sie auf die Füt­te­rung ver­zich­ten kön­nen, mein­te das OLG. Oder aber, sie hät­te die Füt­te­rung aus der Fer­ne vor­neh­men kön­nen. So wie auch die Haus­ord­nung des Parks vor­schrei­be, ei­nen Re­spekt­ab­stand zum Wild zu hal­ten.

Und das Bel­len des Hun­des mag zwar die Hir­sche be­un­ru­higt ha­ben. Aber die­se hät­ten sich trotz­dem nicht ag­gres­siv ge­gen­über der Frau ver­hal­ten. Das zei­ge aber, dass der Wild­park das Mit­füh­ren von Hun­den nicht gänz­lich hät­te ver­bie­ten müs­sen. Das OLG Wi­en (133 R81/19p) wies so­mit die Kla­ge der Frau ab, auch de­ren Re­vi­si­on an den Obers­ten Ge­richts­hof blieb er­folg­los.

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