Mil­lˆı Gö­rü¸s will ihr Image ent­stau­ben

Deutsch­land. Die Be­we­gung ha­be sich ent­po­li­ti­siert, sagt Ge­ne­ral­se­kre­tär Be­kir Al­ta¸s.

Die Presse - - AUSLAND -

Die Ge­mein­de wächst: In den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren stieg die An­zahl der Mo­schee­ge­mein­den von der Is­la­mi­schen Ge­mein­schaft Mil­lˆı Gö­rüs¸ (IGMG) von 510 auf 650 in ganz Eu­ro­pa. Hin­zu kom­men et­wa 2000 zu­sätz­li­che Ein­rich­tun­gen wie Ju­gend­zen­tren oder Frau­en­häu­ser. Par­al­lel zum An­stieg der Mit­glie­der­zah­len scheint die Hemm­schwel­le der deut­schen Be­hör­den mit der IGMG zu sin­ken. Ja, die Ge­mein­schaft wer­de noch im­mer in drei Bun­des­län­dern – et­wa Bay­ern – vom Ver­fas­sungs­schutz be­ob­ach­tet, sagt der deut­sche IGMG-Ge­ne­ral­se­kre­tär, Be­kir Al­tas,¸ in Wi­en vor Jour­na­lis­ten.

Doch in 13 an­de­ren Bun­des­län­dern fin­de be­reits ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung statt: Die völ­lig ei­gen­stän­di­ge, auf Eu­ro­pa fo­kus­sier­te IGMG wer­de nicht mehr mit der tür­ki­schen Par­tei Saa­det gleich­ge­setzt. Wie­wohl bei­de Strö­mun­gen auf den is­la­mis­ti­schen Po­li­ti­ker Necmet­tin Erbakan zu­rück­zu­füh­ren sind, ha­be sich die IGMG im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt ent­po­li­ti­siert und sich struk­tu­rell von der Tür­kei gänz­lich ab­ge­kap­selt. Spä­tes­tens ab 2011, als die Mil­lˆı Gö­rüs¸ in der Tür­kei den deut­schen Vor­stand mit­be­stim­men woll­te. „Die Tür­kei woll­te es nicht ak­zep­tie­ren, dass wir uns von den Ein­flüs­sen kom­plett be­frei­en.“Für die is­la­mis­ti­sche Saa­det Par­tei hin­ge­gen, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch in Ös­ter­reich Struk­tu­ren auf­ge­baut hat, bleibt An­ka­ra ein wich­ti­ger Re­fe­renz­punkt.

Der Duis­bur­ger Ju­rist Al­tas,¸ Jahr­gang 1981, will das is­la­mis­ti­sche, an­ti­se­mi­ti­sche so­wie re­ak­tio­nä­re Image der Mil­lˆı Gö­rüs¸ in Eu­ro­pa ent­stau­ben. Das The­ma An­ti­se­mi­tis­mus lie­ge ihm am Her­zen, sagt er, doch ha­be man bis­lang nur punk­tu­ell Pro­jek­te um­ge­setzt. Be­rüh­rungs­ängs­te or­tet er in der jü­di­schen Ge­mein­de nicht zu­letzt des­we­gen, weil IGMG von den Be­hör­den be­ob­ach­tet wird. Dar­über hin­aus „wer­den die Ge­sprä­che durch den Nah­ost-Kon­flikt be­las­tet“.

Ei­ne wei­te­re Her­aus­for­de­rung sei­en die Be­mü­hun­gen der tür­ki­schen Re­gie­rung, über Stel­len wie das Amt für Aus­land­stür­ken auf die Dia­spo­ra ein­zu­wir­ken. Zwar ha­be das Amt ein­zel­ne IGMG-Pro­jek­te fi­nan­zi­ell ge­för­dert, doch die Zu­sam­men­ar­beit en­de dort, wo ver­sucht wer­de, in­halt­lich Ein­fluss zu neh­men. „Wir wol­len kei­nen staat­li­chen Ein­fluss, was die Theo­lo­gie be­trifft. Kei­nen aus Deutsch­land und kei­nen aus der Tür­kei.“

Auf Necmet­tin Erbakan sind nicht nur die Mil­lˆı-Gö­rüs-¸Be­we­gung und die Saa­det Par­tei zu­rück­zu­füh­ren, son­dern auch die AKP hat sich sei­ner­zeit aus ErbakanAn­hän­gern re­kru­tiert. Der um­strit­te­ne und 2011 ver­stor­be­ne Po­li­ti­ker sei durch­aus noch ei­ne Grö­ße in der Com­mu­ni­ty, sagt Al­tas.¸ Er persönlich set­ze sich kri­tisch mit ihm aus­ein­an­der, wol­le aber des­sen Ver­diens­te um die is­la­mi­sche Ge­mein­schaft an­er­ken­nen. „Es war sein Ver­dienst, De­mo­kra­tie­pro­zes­se in die is­la­mi­sche Com­mu­ni­ty zu brin­gen. In Frank­reich hört man von al­ge­ri­schen Ju­gend­li­chen, dass wäh­len ge­hen ha­ram, al­so ver­bo­ten sei. Die­se Dis­kus­sio­nen gibt es bei uns nicht.“Ver­än­dert ha­be sich auch die Wahr­neh­mung der ei­ge­nen Ge­mein­schaft, soll hei­ßen: Die Com­mu­ni­ty ist nicht tür­kisch, son­dern eth­nisch di­vers. Mit dem Ter­mi­nus Mil­lˆı Gö­rüs¸ sei das sehr wohl ver­ein­bar. Erbakan ha­be Mil­lˆı Gö­rüs¸ nicht im na­tio­na­len Sinn, son­dern im is­la­mi­schen – „abra­ha­mi­ti­schen“– Sinn in­ter­pre­tiert. (duö)

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