Die Er­ben des Fritz Mu­li­ar

Künst­ler­fa­mi­lie. Vier Nach­fah­ren des Schau­spie­lers er­zäh­len von der ei­ge­nen Ent­schei­dung für die Kunst – trotz lan­gem Schat­ten, den der Na­me Mu­li­ar wirft.

Die Presse - - MENSCHEN/VERANSTALT­UNGEN -

Viel­leicht ist es ei­ne Art über­ir­di­sche Strö­mung“, sagt Mar­tin Mu­li­ar. Nach­dem der Sohn des ge­fei­er­ten Volks­schau­spie­lers Fritz Mu­li­ar lan­ge als Heil­mas­seur und Phar­ma-Re­fe­rent ge­ar­bei­tet hat­te, mel­de­te er sich mit En­de 30 an ei­ner Schau­spiel­schu­le an.

„Ei­ne spon­ta­nen Ein­ge­bung“, sagt der 59-Jäh­ri­ge, der heu­te selbst auf Büh­nen steht und für Ki­no wie TV dreht. „Der Va­ter konn­te es sich zu­erst nicht vor­stel­len, dass es noch ei­nen Mu­li­ar auf der Büh­ne ge­ben soll.“

Was die­ser wohl da­zu ge­sagt hät­te, dass sich noch ein wei­te­rer Mu­li­ar der Schau­spie­le­rei wid­met? „Das wä­re na­tür­lich in­ter­es­sant“, schmun­zelt Ti­mo Mu­li­ar. Seit ein­ein­halb Jah­ren be­sucht Fritz Mu­li­ars En­kel ei­ne Schau­spiel­schu­le in Wi­en. „Ich kom­me ur­sprüng­lich aus der Gas­tro­no­mie“, er­zählt der 25-Jäh­ri­ge. „Aber ir­gend­wie liegt es uns viel­leicht doch im Blut.“

Auch die bei­den Mu­li­ar-En­kel Ti­na und Mar­kus sind selbst Künst­ler ge­wor­den. Ti­na Mu­li­ar spiel­te schon zu Leb­zei­ten des Groß­va­ters im Of­fThea­ter. „Ich glau­be das hat ihm im­po­niert, dass ich ei­nen an­de­ren An­satz hat­te“, er­zählt sie. „Er fand das lä­cher­lich, aber er hat auch da­mit an­ge­ge­ben.“Mitt­ler­wei­le kre­iert sie di­gi­ta­le Kunst mit Hil­fe von Aug­men­ted Rea­li­ty und ei­ner App: Wer durch sein Smart­pho­ne blickt, dem er­schei­nen so vir­tu­el­le Männ­chen in der rea­len Welt vor sich.

„Mei­ne Schwes­ter ist si­cher frü­her als ich ehr­lich mit ih­rem Zu­gang zur Kunst um­ge­gan­gen“, sagt Mar­kus Mu­li­ar. Nach ei­ner Mo­del- und Kaf­fee­haus­be­sit­zer­kar­rie­re be­gann er mit 38 Jah­ren Mu­sik zu stu­die­ren, zu sin­gen und zu di­ri­gie­ren. „Es ist eben nicht auf­halt­bar.“2015 schrieb Mar­kus das Buch „Da­mit wir uns ver­ste­hen!“– über das Le­ben des Groß­va­ters. Auch durch die Re­cher­che wur­de ihm be­wusst: „In un­se­rer Fa­mi­lie gibt es ei­ne re­gel­rech­te Künst­ler­ten­denz.“

Mar­kus und Ti­na wuch­sen mit ei­nem Gold­schmied als Va­ter und ei­ner frei­schaf­fen­den Künst­le­rin als Mut­ter auf. „Un­se­re Fa­mi­lie war im­mer schon mit schö­nen Sa­chen kon­fron­tiert“, sagt Ti­na. „Und mit dem Frei­geist­li­chen“, er­gänzt Mar­kus. Die En­kel ver­brach­ten vie­le St­un­den in Gar­de­ro­ben und Zu­schau­er­räu­men, wenn der Groß­va­ter auf der Büh­ne stand.

„Der Na­me hat sehr viel mit uns ge­macht“, sagt Ti­na. „Und man muss­te im­mer gut auf ihn auf­pas­sen.“Re­gel­rech­te Spiel­re­geln ha­be es ge­ge­ben – als Mu­li­ar. „Am 24. De­zem­ber hat der Groß­va­ter im Ho­tel Im­pe­ri­al Hof ge­hal­ten – dort hat­te man auch zu er­schei­nen.“An­er­ken­nung be­ka­men die En­kel al­ler­dings vor al­lem dann, wenn sie sei­ne Re­geln bra­chen: „Man konn­te ihn nur er­wi­schen, wenn man Kon­tra gab“, sagt Mar­kus. „Und ich glau­be das ist mir zwei Mal in mei­nem Le­ben ge­lun­gen.“

Der Groß­va­ter, er ha­be ei­nen rie­si­gen Schat­ten ge­wor­fen. „Und al­les was im Schat­ten ist, liegt be­kannt­lich im Dun­keln“, so Ti­na. „Al­les um ihn her­um war im­mer so groß, so ehr­wür­dig“, sagt Mar­kus. Trotz­dem sind sich al­le vier der Mu­li­ar-Nach­fah­ren ei­nig: Der Na­me sei prä­gend, aber we­der Fluch noch Se­gen ge­we­sen.

Am An­fang sei Mar­tin Mu­li­ar viel­leicht zu man­chen Cas­tings we­gen sei­nes Na­mens ein­ge­la­den wor­den, räumt er ein. „Aber dann muss man sich eh selbst be­wei­sen – und ist im­mer dem Ver­gleich aus­ge­setzt.“Als Ansporn sieht auch Ti­mo den be­rühm­ten Groß­va­ter. „Es ist nicht mein Plan in sei­ne Fuß­stap­fen zu tre­ten, es über­haupt zu ver­su­chen“, sagt er. „Aber es ist ei­ne Mo­ti­va­ti­on, um mei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te dar­aus zu ma­chen.“

Lang­sam, so scheint es, ver­blasst das all­ge­gen­wär­ti­ge Er­be des Groß­va­ters. „Frü­her wur­de man über­all auf ihn an­ge­spro­chen, so­gar in der Put­ze­rei“, sagt Ti­na. Mitt­ler­wei­le sei­en es nur mehr Leu­te über 60. „Die Zeit geht mit der ei­ge­nen Ge­schich­te ra­di­kal um“, sagt Mar­tin Mu­li­ar da­zu. Man­che Kol­le­gen wür­den den Na­men des Va­ters nicht mehr ken­nen. „Für die ist das qua­si Schnee von ges­tern“, sagt er. „Aber das ist ir­gend­wie auch okay so.“

[ Kat­ha­ri­na Fröschl-Roß­both ]

Zwei Ge­ne­ra­tio­nen von Mu­li­ars: Die Schau­spie­ler Ti­mo (v. l.) und Mar­tin, Mu­si­ker Mar­kus und Di­gi­tal­künst­le­rin Ti­na.

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