Rüh­rend: Die Fil­me­ma­che­rin be­schenkt (sich)

Im Ki­no. An­ja Sa­lo­mo­no­witz ver­sucht mit ei­ner sym­bio­ti­schen Be­geg­nung zwi­schen ih­rem Sohn und Künst­ler Daniel Spo­er­ri den Tod des Va­ters zu ver­ar­bei­ten. „Die­ser Film ist ein Ge­schenk“, wohl auch an sie selbst.

Die Presse - - Feuilleton - VON ALMUTH SPIEGLER

Ein Künst­ler­por­trät sieht an­ders aus. Der Film, den An­ja Sa­lo­mo­no­witz über Daniel Spo­er­ri, bes­ser ge­sagt mit Daniel Spo­er­ri ge­dreht hat, han­delt mehr von ihr selbst. Vom Ver­lust ih­res Va­ters, von ih­rer Freu­de am ei­ge­nen, zehn­jäh­ri­gen Sohn, der, seit er auf der Welt ist, schließ­lich in al­len ih­rer Fil­me mit­ge­spielt ha­be. Wie die Fil­me­ma­che­rin am Be­ginn aus dem Off er­zählt. Es ist al­so gleich klar: ih­re Stim­me, ih­re Ge­schich­te. Und das ist zu­min­dest ehr­lich. Der seit 2007 in Wi­en le­ben­de Welt­künst­ler Daniel Spo­er­ri leiht ihr für all das groß­zü­gig sein Ohr und sei­ne Kunst, fin­det sich ein we­nig zö­ger­lich in der Gast­rol­le als freund­li­cher Va­ter- und Groß­va­ter-Er­satz wie­der.

Sei­ne Kunst dient ähn­lich ge­dul­dig als sym­pa­thisch-schrul­li­ge Me­men­to-Mo­ri-Ku­lis­se, wo­bei ihr die­ser Zug ins Sen­ti­men­ta­le schon im­mer ein­ge­schrie­ben war. Man kennt sie hier in Wi­en, man kennt Spo­er­ri: Mit sei­nem be­ein­dru­cken­den, gro­ßen „Fal­len­bild“(„Hahns Abend­mahl“) im Mu­mok, da­mals noch im Pa­lais Liech­ten­stein un­ter­ge­bracht, ist die Ge­ne­ra­ti­on der Re­gis­seu­rin auf­ge­wach­sen. Die Res­te ei­nes gan­zen, opu­len­ten Abend­es­sens wur­den hier auf der Tisch­plat­te fi­xiert, die dann wie ein Bild an die Wand ge­hängt wur­de. Für die­se per­for­ma­ti­ve „Ma­le­rei“ist Spo­er­ri be­rühmt, er gilt als Er­fin­der der „Eat Art“und eben be­sag­ter Fal­len­bil­der. Nächs­tes Früh­jahr wird der in Ru­mä­ni­en ge­bo­re­ne Schwei­zer 90 Jah­re alt.

„Die­ser Film ist ein Ge­schenk“be­zieht sich al­ler­dings nicht di­rekt auf die­sen run­den Ge­burts­tag, das ist eher ein Zu­fall und hat, er­ra­ten, mit Sa­lo­mo­no­witz zu tun: Sie fand in der Woh­nung ih­res ver­stor­be­nen Va­ters ein zer­bro­che­nes ro­tes Ke­ra­mik­herz, das sie Spo­er­ri über­gab, als Ma­te­ri­al für sei­ne As­sem­bla­gen, die er in letz­ter Zeit mit Fund­stü­cken vom Floh­markt zu­sam­men­stellt. Wo­mit er die­sen „ver­lo­re­nen“Din­gen des Le­bens neu­en Sinn schenkt. Ei­nen sol­chen schenk­te er auch dem ro­ten Ke­ra­mik­herz, das er zum Zen­trum ei­nes Ma­te­ri­al­bil­des mach­te und es Sa­lo­mo­no­witz zum Ge­den­ken an ih­ren Va­ter wid­me­te. Als Dank da­für schenk­te die Re­gis­seu­rin ihm die­sen Film. Er­zählt sie.

Ex­pe­ri­men­tal­film „Re­sur­rec­tion“

Am An­fang schenkt sie auch uns et­was, näm­lich die Aus­strah­lung ei­nes al­ten Ex­pe­ri­men­tal­films, den Spo­er­ri selbst 1969 ge­dreht hat: „Re­sur­rec­tion“(Au­fer­ste­hung) heißt er und zeigt den Kreis­lauf des Wer­den und Ver­ge­hens aus­ge­rech­net an­hand ei­nes Rind­viechs, und das auch noch rück­wärts – al­so von der mensch­li­chen Aus­schei­dung über das Essen des Steaks, das Zu­be­rei­ten, das Schlach­ten bis zur glück­lich ver­dau­en­den Kuh. Das trifft sich her­vor­ra­gend, denn der ewi­ge Kreis­lauf ist schließ­lich das An­lie­gen von Sa­lo­mo­no­witz.

Da­für setzt sie auch ih­ren Sohn ein, der in ei­ner in­ter­es­san­ten Dop­pel­rol­le als Kind und als Spo­er­ri-Stell­ver­tre­ter agiert. Das hat vor al­lem an­fangs ei­nen ent­zü­cken­den Ef­fekt, sieht man so doch den Al­ten als Kind und das Kind als Al­ten ent­larvt. Die Stra­te­gie wird dann ein we­nig er­mü­dend al­ler­dings, vor al­lem die „nor­ma­len“Dia­lo­ge zwi­schen den bei­den Haupt­ak­teu­ren sind nicht im­mer so phi­lo­so­phisch er­hel­lend, wie man sie ger­ne ge­se­hen bzw. ge­hört hät­te. Aber viel­leicht ist es ein­fach nicht so kom­pli­ziert – „Men­schen ster­ben, Din­ge blei­ben“, fasst Sa­lo­mo­no­witz es ein­mal la­pi­dar zu­sam­men. Und Spo­er­ri scheint durch sei­ne Kunst man­che die­ser Din­ge in die Ewig­keit zu ka­ta­pul­tie­ren. Als Fa­mi­li­en-Weih­nachts­film, als der er durch­gin­ge, funk­tio­niert das durch­aus, die Rüh­rung kommt rü­ber. Ob Spo­er­ri, der Künst­ler, sich die­ses Ge­schenk tat­säch­lich ge­wünscht hat, bleibt al­ler­dings frag­lich.

Künst­ler­ge­spräch: Heu­te, Mitt­woch, 11. De­zem­ber, 19.30 Uhr, gibt es im Stadtkino ein Ge­spräch mit Spo­er­ri.

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