Gibt es ei­nen Aus­weg aus der de­mo­gra­fi­schen Fal­le?

Nur Ja­pan al­tert ra­scher. Nicht der Kli­ma­wan­del, son­dern der dras­ti­sche Rück­gang der Ge­bur­ten ist die größ­te Her­aus­for­de­rung der eu­ro­päi­schen Län­der.

Die Presse - - DEBATTE - VON KARL-PE­TER SCHWARZ E-Mails an: de­bat­[email protected]­pres­se.com

Ge­gen die Be­völ­ke­rungs­ex­plo­si­on in Afri­ka ist Eu­ro­pa macht­los. Latein­ame­ri­ka und Asi­en ver­zeich­nen seit ei­ni­gen Jah­ren ei­nen deut­li­chen Ge­bur­ten­rück­gang, aber im süd­li­chen Afri­ka wer­den 2050 nach UN-Schät­zun­gen dop­pelt so vie­le Men­schen woh­nen wie heu­te.

In Eu­ro­pa ster­ben die Völ­ker all­mäh­lich aus. Nur die Ja­pa­ner ha­ben noch we­ni­ger Kin­der. Ei­ne be­stands­er­hal­ten­de Fer­ti­li­täts­ra­te (2,1 Ge­bur­ten pro Frau) wird in kei­nem EU-Mit­glieds­land mehr er­reicht. In Un­garn (1,54) und in Ös­ter­reich (1,52) ist die Fer­ti­li­tät ge­rin­ger als im EU-Durch­schnitt (1,59). Die Ver­ein­ten Na­tio­nen schät­zen, dass Ös­ter­reich in 30 Jah­ren den­noch um 16 Pro­zent mehr Ein­woh­ner ha­ben wird, Un­garn hin­ge­gen trotz sei­ner et­was hö­he­ren Fer­ti­li­täts­ra­te um 20 Pro­zent we­ni­ger.

An­ders als Un­garn kom­pen­siert Ös­ter­reich den Ge­bur­ten­rück­gang durch ver­stärk­te Zu­wan­de­rung. Es folgt da­mit – wie die meis­ten EU-Län­der – den UN-Emp­feh­lun­gen („Re­pla­ce­ment Mi­gra­ti­on“). Da die Mas­sen­mi­gra­ti­on bei den Bür­gern nicht gut an­kommt, be­teu­ern die Re­gie­run­gen, die Ein­wan­de­rung be­schrän­ken zu wol­len. In Wirk­lich­keit hal­ten sie die Schleu­sen of­fen.

Ge­gen mehr Zu­wan­de­rer wä­re nichts ein­zu­wen­den, falls sie leis­tungs- und as­si­mi­la­ti­ons­be­reit wä­ren. Aber wäh­rend hoch­qua­li­fi­zier­te hei­mi­sche Ar­beits­kräf­te ab­wan­dern, neh­men wir vor­wie­gend Mi­gran­ten auf, die erst nach Jah­ren fit für den Ar­beits­markt sind. Die Kos­ten die­ser nicht se­lek­ti­ven Zu­wan­de­rung über­stei­gen ih­ren ge­sell­schaft­li­chen Nut­zen. Und sie ver­än­dert Eu­ro­pa. Der An­teil der Mus­li­me (in der EU et­wa fünf Pro­zent) könn­te – falls die ge­gen­wär­ti­ge Mi­gra­ti­ons­po­li­tik bei­be­hal­ten wird – bis 2050 auf 14 Pro­zent wach­sen. Spä­tes­tens dann wird der Kon­ti­nent ein an­de­rer sein.

Un­garn geht sei­nen ei­ge­nen Weg. Es will mit ei­ner groß­zü­gi­gen Fa­mi­li­en­för­de­rung der de­mo­gra­fi­schen Fal­le ent­kom­men. 50.000 Paa­re ha­ben heu­er be­reits ei­nen An­trag auf ei­nen sub­ven­tio­nier­ten Kre­dit ge­stellt, der zur Gän­ze rück­zah­lungs­frei ist, wenn die Frau bis zu ih­rem 41. Le­bens­jahr drei Kin­der zur Welt bringt. Sind es zwei Kin­der, müs­sen zwei Drit­tel zu­rück­ge­zahlt wer­den. An­spruchs­be­rech­tigt sind nur ver­hei­ra­te­te Paa­re. So viel wie heu­er wur­de in Un­garn seit Lan­gem nicht mehr ge­hei­ra­tet.

Ob der Ge­bur­ten­boom so kräf­tig aus­fal­len wird, wie es sich Or­ban´ er­hofft, bleibt ab­zu­war­ten. Es reicht näm­lich nicht, dass sich die Fa­mi­li­en Kin­der leis­ten kön­nen. Selbst wenn es ge­lin­gen soll­te, die Ar­beits­welt so kin­der­freund­lich zu ge­stal­ten, dass Frau­en drei und mehr Kin­der groß­zie­hen und den­noch ih­ren Be­ruf aus­üben kön­nen, wird das we­nig nüt­zen, wenn es nicht auch zu ei­ner tief grei­fen­den geis­ti­gen und kul­tu­rel­len Wen­de kommt. Der Ge­bur­ten­rück­gang ist nicht nur ma­te­ri­ell be­dingt. Un­ser Zeit­ge­fü­ge hat sich ver­än­dert. Die Be­reit­schaft, für ei­ne Zu­kunft jen­seits der ei­ge­nen Le­bens­er­war­tung Op­fer zu brin­gen, ist ge­schwun­den. Auf „Selbst­ver­wirk­li­chung“kommt es an, auf Spaß und Er­folg, jetzt und so­fort.

Die Chan­cen, dass sich die No-Fu­ture-Ge­ne­ra­ti­on von He­do­nis­mus und Ego­is­mus ab­wen­den könn­te, sind ge­ring. Man be­klagt zwar den ne­ga­ti­ven de­mo­gra­fi­schen Trend, hält ihn aber für un­auf­halt­sam. Man­che be­grü­ßen so­gar den Rück­gang der Ge­bur­ten, weil sie es so­wie­so für nö­tig hal­ten, an die Stel­le der Zi­vi­li­sa­ti­on der „al­ten wei­ßen Män­ner“ein gren­zen­lo­ses mul­ti­kul­tu­rel­les Pa­ra­dies im Hier und Jetzt zu eta­blie­ren, in dem al­len al­le „Rech­te“zu­ste­hen. Neu­er­dings wer­den gern auch öko­lo­gi­sche Ar­gu­men­te ins Spiel ge­bracht. Kli­ma­hys­te­ri­ker pran­gern den CO2-Aus­stoß in den hoch in­dus­tria­li­sier­ten Län­dern als sünd­haft an, ra­di­ka­le Fe­mi­nis­tin­nen pro­pa­gie­ren ei­nen Ge­bur­ten­streik in der Hoff­nung, ih­ren öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck auf St­ein­zeit­ni­veau re­du­zie­ren zu kön­nen. Wer vor der De­mon­ta­ge der tech­ni­schen und öko­no­mi­schen Grund­la­gen der west­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on warnt, gilt sol­chen Traum­tän­zern so­wie­so als „re­ak­tio­när“.

Die Chan­cen, dass sich die No-Fu­tureGe­ne­ra­ti­on von He­do­nis­mus und Ego­is­mus ab­wen­den könn­te, sind ge­ring.

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