Der neue Re­gent des bri­ti­schen Pop

Gri­me. „Ti­me“hob ihn aufs Ti­tel­blatt, Banksy ent­warf ihm ein Ko­s­tüm, die Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry nahm sein Bild auf: Storm­zy ist aus dem Elend der Lon­do­ner Su­burbs zum Star auf­ge­stie­gen.

Die Presse - - FEUILLETON -

Gri­me war wü­ten­de Drecks­mu­sik für Kin­der in ei­nem Drecks­le­ben.“So de­fi­nier­te die deut­sche Schrift­stel­le­rin Sibylle Berg den Mu­sik­stil, der in ih­rem Er­folgs­ro­man „GRM Brain­fuck“ei­ne Haupt­rol­le spielt. Gri­me gilt als der wich­tigs­te bri­ti­sche Stil seit Punk. Gri­me heißt über­setzt Schmutz. Tat­säch­lich schei­nen die­se kar­gen, öden, wü­ten­den Sounds, die die Ju­gend­li­chen mit­tels Se­quen­zer und Scratching bas­teln, den Hö­rer be­schmut­zen zu wol­len.

Trotz al­ler po­si­ti­ven In­hal­te, wie sie Micha­el Oma­ri vul­go Storm­zy reimt. Ihm ist es ge­lun­gen, die­se Mu­sik aus dem Ghet­to ins Zen­trum des Pop zu wuch­ten. Storm­zy wird auch von der Mit­tel­klas­se ge­liebt. Und das, ob­wohl er mu­si­ka­lisch nichts ver­wäs­sert und der cha­rak­te­ris­tisch ner­vö­se Misch­masch aus elek­tro­ni­schen Rhyth­men auch sei­ne Mu­sik do­mi­niert.

Ent­stan­den ist Gri­me zur Jahr­tau­send­wen­de. Ver­brei­tung fand er durch Pi­ra­ten­ra­di­os und Mund­pro­pa­gan­da. Jung, schwarz und arm wa­ren die ers­ten Hel­den die­ses Sounds. Das lös­te Un­be­ha­gen aus. Die städ­ti­sche Po­li­zei dach­te sich bald bü­ro­kra­ti­sche Hür­den aus: Auf dem be­rüch­tig­ten „For­mu­lar 696“hat­ten Kon­zert­ver­an­stal­ter der Po­li­zei die vor­aus­sicht­li­che eth­ni­sche Zu­sam­men­set­zung des Pu­bli­kums be­kannt­zu­ma­chen. Wi­der­stän­dig kün­dig­ten Gri­me-Acts ih­re Kon­zer­te sehr kurz­fris­tig an. Das mach­te das Über­le­ben für die Künst­ler schwer. Den jun­gen Storm­zy foch­ten der­lei Er­schwer­nis­se nicht an. „Wir sind aus ei­nem Ort, wo Er­folg ein­fach nicht pas­siert“, sagt er in sei­ner Bio­gra­fie „Ri­se Up – The Mer­ky Sto­ry So Far“, und: „Nie­mand hat mir auf mei­nem Weg ir­gend­wie ge­hol­fen.“

Bis 2014 ar­bei­te­te er noch in ei­ner Öl­raf­fi­ne­rie in Sout­hamp­ton. Dann setz­te er al­les auf die Mu­sik. Zwei Jah­re spä­ter prä­sen­tier­te er sein ers­tes Al­bum „Gang Signs & Pray­er“. Es schoss auf Platz eins der bri­ti­schen Charts. Storm­zy grün­de­te sein La­bel Mer­ky, das zur Platt­form vie­ler Kol­le­gen wur­de. Das war noch im Rah­men des­sen, was man von ei­nem Ghet­to­kid er­war­ten konn­te. Dann aber wur­de es un­ge­wöhn­lich. So grün­de­te er ei­nen Ver­lag, um die no­to­risch un­ter­re­prä­sen­tier­ten schwar­zen bri­ti­schen Au­to­ren sicht­bar zu ma­chen. Er spen­de­te Sti­pen­di­en, um Schwar­ze zu er­mu­ti­gen, sich an Bil­dungs­stät­ten wei­ßer Eli­ten, et­wa Cam­bridge, zu be­wer­ben. Was glück­te. Bald wur­de er in TV-Talk-Shows wie je­ner von Gra­ham Nor­ton ge­la­den. Dort über­zeug­te er mit Witz, Charme und In­tel­li­genz.

2019 war Storm­zy der ers­te dun­kel­häu­ti­ge He­ad­liner des Glas­t­on­bu­ry Fes­ti­vals: Als „de­fi­ning mo­ment“ha­be er die­se Ein­la­dung ge­se­hen, er­zähl­te er dem „Ti­me Ma­ga­zi­ne“, das ihn im Ok­to­ber als „Next Ge­ne­ra­ti­on Le­a­der“aufs Ti­tel­blatt ge­bracht hat. Ähn­lich wie Beyon­ce´ beim Coa­chel­la Fes­ti­val 2018, kon­zi­pier­te er sei­ne Per­for­mance vor mehr als 100.000 Be­su­chern als His­to­ri­en­spiel schwar­zer Kul­tur, sie wur­de zur Fei­er­stun­de von Black Bri­tain. Storm­zy trug ei­ne schwarz-wei­ße, stich­fes­te Uni­onjack-Wes­te, die ihm der an­ony­me Stree­tart-Künst­ler Banksy de­signt hat­te. Mit­ten im Tri­umph ge­dach­te Storm­zy auch der Pio­nie­re des Gri­me, sei­ner we­ni­ger glück­li­chen Vor­gän­ger.

In „Vos­si Bop“, sei­ner ers­ten Num­mer­eins-Sing­le, fei­ert Storm­zy das schwie­ri­ge Le­ben an der Pe­ri­phe­rie und feu­ert ge­gen Bo­ris John­son: „I could ne­ver die, I’m Chuck Nor­ris, fuck the go­vern­ment and fuck Bo­ris.“Der sanf­te Rie­se Storm­zy, er ist 1,96 Me­ter groß, kann al­so auch go­s­chert sein. Auf sei­nem zwei­ten Al­bum „Hea­vy is the Head“ist „Vos­si Bop“ent­hal­ten. Ins­ge­samt aber stellt er dar­auf die mensch­li­chen Aspek­te vor die po­li­ti­schen, dankt dem ihm zu­ar­bei­ten­den Kol­lek­tiv so­wie Ma­hat­ma Gandhi und Banksy. „When Banksy put the vest on me, felt li­ke God was tes­ting me“, rappt er in „Au­da­ci­ty“.

Das Co­ver­bild des Al­bums hängt seit An­fang De­zem­ber in der Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry, die die wich­tigs­ten Köp­fe des Lan­des seit Sha­ke­speare zeigt. Storm­zys Schä­del trägt ei­ne Kro­ne aus den Buch­sta­ben „H.I.T.H“. Im Song „Crown“er­läu­tert er die mys­te­riö­se Ab­kür­zung. Nach zö­ger­li­cher Kla­vier­me­lo­die und auf­wal­len­dem Ch­or­ge­sang wirft er sich ent­schlos­sen in die Po­se des Gos­pel­sän­gers: „But hea­vy is the head that wears the crown.“Man kann da­von aus­ge­hen, dass der neue Re­gent des bri­ti­schen Pop auch die­se Last stem­men wird.

[ War­ner]

„Hea­vy is the head that wears the crown“: Das von Mark Mat­tock ge­stal­te­te Por­trät hängt seit An­fang De­zem­ber in der 1856 er­öff­ne­ten Na­tio­nal Por­trait Gal­le­ry. Es ist auch Co­ver von Storm­zys zwei­tem Al­bum „Hea­vy is the Head“, das am 13. 12. er­scheint.

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