Wie ein sinn­lo­ser An­trag den Weg zu Tür­kis-Grün eb­net

Trä­ger­ra­ke­te. Auch wenn die Ko­ali­ti­on noch nicht fix ist, lau­fen die Vorbereitu­ngen für die Ver­tei­lung der Mi­nis­te­ri­en.

Die Presse - - INLAND - VON PHIL­IPP AICHIN­GER

Die Auf­re­gung war groß, als am Mitt­woch zu spä­ter St­un­de ein ge­mein­sa­mer An­trag von ÖVP und Grü­nen im Na­tio­nal­rat ein­ge­bracht wur­de. Da­bei könn­te der In­halt nicht harm­lo­ser sein, geht es doch nur um ei­ne auf den ers­ten Blick recht sinn­be­frei­te Um­rei­hung von Zif­fern in ei­nem Ge­setz. Doch Par­la­ments­in­si­der wuss­ten so­fort: Da steckt mehr da­hin­ter.

„Trä­ger­ra­ke­te“nennt sich in der Par­la­ments­spra­che das, was da im Par­la­ment ge­zün­det wur­de. Das Spiel ist aus ver­gan­ge­nen Ko­ali­ti­ons­bil­dun­gen be­kannt und es geht so: Man bringt ei­nen An­trag ein, mit dem des Bun­des­mi­nis­te­ri­en­ge­setz ge­än­dert wer­den soll, schreibt aber nur Din­ge hin­ein, die prak­tisch nichts än­dern. Dies­falls war es ei­ne neue Num­me­rie­rung der Kom­pe­ten­zen, die in die Zu­stän­dig­keit des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums fal­len. Sie sind im Ge­setz von Zif­fer eins bis 15 auf­ge­zählt. Be­reits im Jahr 2012 hat­te man sich aber ent­schlos­sen, ei­nen Punkt (Zif­fer 10) zu strei­chen, was bis­her nie­man­den stör­te. Doch nun be­an­trag­te Tür­kis-Grün, dass die Num­me­rie­rung so ge­än­dert wird, dass die Lü­cke ent­fällt. War das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um et­wa bis­her laut Zif­fer 15 für „Welt­rauman­ge­le­gen­hei­ten“zu­stän­dig, so wird die­se Kom­pe­tenz künf­tig schon in Zif­fer 14 er­wähnt. Das wirft aber nie­man­den so recht aus der Um­lauf­bahn.

„Trä­ger­ra­ke­te“heißt das Vor­ha­ben auch nicht we­gen der Welt­rauman­ge­le­gen­hei­ten, son­dern weil ein mehr­stu­fi­ger Plan da­hin­ter steht. Denn ist ein­mal der An­trag zu ei­ner Neu­ge­stal­tung des Mi­nis­te­ri­en­ge­set­zes ein­ge­bracht, kann man die­sen rasch mo­di­fi­zie­ren, be­vor es zum end­gül­ti­gen Par­la­ments­be­schluss kommt. Und da­bei schreibt man dann die un­ter den Ko­ali­ti­ons­part­nern be­schlos­se­ne Neu­ver­tei­lung der Mi­nis­te­ri­en in das Ge­setz. Al­so zum Bei­spiel, dass es ein neu­es Kli­ma­schutz­mi­nis­te­ri­um (für die Grü­nen) gibt, wäh­rend die Land­wirt­schaft in ein an­de­res (tür­kis ge­führ­tes) Mi­nis­te­ri­um wan­dert.

Kommt es aber zu kei­ner tür­kis-grü­nen Ko­ali­ti­on, be­rich­tigt man doch nur die Zif­fern. Oder man lässt den An­trag ver­san­den.

ÖVP und Grü­ne ver­sa­hen ih­ren An­trag mit ei­ner Frist. Er muss bis heu­te, Frei­tag, vom da­für zu­stän­di­gen Bud­get­aus­schuss be­han­delt wer­den. Die­ser soll al­so nun zu­sam­men­kom­men und dar­über dis­ku­tie­ren, ob die Welt­rauman­ge­le­gen­hei­ten bes­ser in Zif­fer 14 oder 15 er­wähnt wer­den.

Doch durch die Frist­set­zung er­rei­chen ÖVP und Grü­ne, dass der An­trag in der nächs­ten Na­tio­nal­rats­sit­zung be­han­delt wer­den muss. Selbst dann, wenn der An­trag nicht zu­vor im Aus­schuss de­bat­tiert wer­den wür­de. Die nächs­te re­gu­lä­re Na­tio­nal­rats­sit­zung ist am 22. Jän­ner 2020.

Doch viel­leicht geht es schnel­ler. ÖVP und Grü­ne kön­nen ei­ne Son­der­sit­zung des Na­tio­nal­rats be­an­tra­gen. Die­se muss dann in­ner­halb von acht Werk­ta­gen ein­be­ru­fen wer­den. Meist spre­chen al­le Frak­tio­nen den Ter­min un­ter­ein­an­der ab, das letz­te Wort hat aber Na­tio­nal­rats­prä­si­dent Wolf­gang So­bot­ka (ÖVP). Als die SPÖ noch vor der EU-Wahl im Mai ei­ne Son­der­sit­zung woll­te, zö­ger­te So­bot­ka sie bis nach der Wahl hin­aus. Da­durch wur­de Se­bas­ti­an Kurz auch erst dann als Kanz­ler ab­ge­setzt. Bei ei­nem tür­kis-grü­nen An­trag hät­te So­bot­ka we­nig Grund zu war­ten. In der Par­la­ments­sit­zung selbst könn­ten ÖVP und Grü­ne dann den An­trag zum Mi­nis­te­ri­en­ge­setz ab­än­dern und be­schlie­ßen. Und fer­tig wä­re die Neu­ver­tei­lung der Mi­nis­te­ri­en.

Das neue Re­gie­rungs­team kann aber be­reits an­ge­lobt wer­den, be­vor das Mi­nis­te­ri­en­ge­setz ge­än­dert wur­de. In die­sem Fall wer­den die Re­gie­rungs­mit­glie­der vom Bun­des­prä­si­den­ten noch auf die al­ten Äm­ter an­ge­lobt. Gibt es vor­läu­fig mehr Re­gie­rungs­mit­glie­der als Mi­nis­te­ri­en, so wer­den die Über­zäh­li­gen als Mi­nis­ter oh­ne Porte­feuille an­ge­lobt. Bei Kanz­ler­amts­mi­nis­tern ist das im­mer so, weil sie erst spä­ter ihr Auf­ga­ben­ge­biet be­kom­men kön­nen. Ist das neue Mi­nis­te­ri­en­ge­setz dann spä­ter durch, müs­sen die be­trof­fe­nen Re­gie­rungs­mit­glie­der noch ein­mal in die Hof­burg kom­men.

Bei Tür­kis-Blau wur­de das Mi­nis­te­ri­en­ge­setz zwei Ta­ge nach der An­ge­lo­bung der Re­gie­rung im Na­tio­nal­rat no­vel­liert. Dass es dann schnell ging, war auch da­mals der zu­vor ge­star­te­ten Trä­ger­ra­ke­te zu ver­dan­ken.

In Ab­schnitt L des Teils 2 der An­la­ge zu § 2 er­hal­ten die bis­he­ri­gen Zif­fern 11 bis 15 die Be­zeich­nung 10 bis 14.

Der noch sinn­freie An­trag

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