Wenn die Po­li­zei rechts­wid­rig han­delt

Analyse. Im Zu­ge ei­ner Kli­ma­de­mo blo­ckier­ten Ak­ti­vis­ten am 31. Mai in Wi­en den Ring. Die Po­li­zei schritt ein. Und das war in be­stimm­ten Fäl­len rechts­wid­rig – sagt das Ver­wal­tungs­ge­richt.

Die Presse - - ÖSTERREICH - VON MAN­FRED SEEH

Die Bil­der ha­ben sich ein­ge­prägt: Po­li­zis­ten drü­cken ei­nen Ak­ti­vis­ten zu Bo­den, fi­xie­ren ihn in Bauch­la­ge. Sein Kopf kommt un­ter ei­nem Po­li­zei­bus zu lie­gen. Der Bus fährt an. Die Be­am­ten zie­hen den Mann ge­ra­de noch recht­zei­tig weg. Die­se aus dem Ru­der ge­ra­te­ne Amts­hand­lung war rechts­wid­rig – so ent­schied am Don­ners­tag das Ver­wal­tungs­ge­richt Wi­en.

Der Be­trof­fe­ne, der deut­sche Ak­ti­vist und Au­tor An­selm Schind­ler, hat­te an der Sitz­blo­cka­de (31. Mai) gar nicht teil­ge­nom­men, er war Be­ob­ach­ter. „Er woll­te den Be­reich nicht ver­las­sen.“Weil er nicht ge­hen woll­te, „ha­ben wir die Fest­nah­me aus­spre­chen müs­sen. Er hat sich ge­wehrt. Da­bei ist er un­ter den Po­li­zei­bus ge­rutscht.“Das sag­ten die Po­li­zis­ten am An­fang des Ver­fah­rens.

Die Amts­hand­lung

So ein­fach kön­ne es sich die Po­li­zei nicht ma­chen, er­klär­te das Ge­richt nun sinn­ge­mäß. Wie auch privat auf­ge­nom­me­ne Vi­deo­se­quen­zen zeig­ten, ha­be es über­haupt kei­nen Grund für ei­ne Fest­nah­me ge­ge­ben. Die Amts­hand­lung sei in ih­rer Ge­samt­heit rechts­wid­rig ge­we­sen.

„Mir wur­de schwarz vor Au­gen. Ich ging zu Bo­den, hat­te das Knie ei­nes Po­li­zis­ten im Rü­cken. Ich be­kam kei­ne Luft und hat­te Schmer­zen.“Das hat­te Schind­ler zu­letzt aus­ge­sagt.

Laut Ge­richt ha­be sich der Mann nicht ag­gres­siv ver­hal­ten, auch ha­be er kei­nen nen­nens­wer­ten Wi­der­stand ge­setzt. Sein An­walt Cle­mens Lah­ner for­dert nun gut 10.000 Eu­ro von der Re­pu­blik Ös­ter­reich. In der Sum­me ent­hal­ten sind Schmer­zens­geld, An­walts­ho­no­rar und ei­ne Ent­schä­di­gung da­für, dass Schind­ler 14 St­un­den in Po­li­zei­ge­wahr­sam blei­ben muss­te. Lah­ner zum Aus­gang des Ver­fah­rens: „Die ge­richt­li­che Ent­schei­dung ist sehr er­freu­lich. Ins­ge­samt ist es aber hoch­pro­ble­ma­tisch, dass ein Op­fer von Po­li­zei­ge­walt ein ho­hes Kos­ten­ri­si­ko auf sich neh­men muss, um die Rechts­wid­rig­keit ge­richt­lich fest­stel­len zu las­sen. Wir brau­chen ei­ne un­ab­hän­gi­ge Be­hör­de au­ßer­halb der Po­li­zei, die sol­che Vor­wür­fe prüft.“Die Wie­ner Po­li­zei könn­te ge­gen das Er­kennt­nis noch au­ßer­or­dent­li­che Re­vi­si­on beim Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ein­brin­gen.

Der Frei­spruch

Ab­ge­se­hen von die­sem Be­schwer­de­ver­fah­ren – auch Max Zirn­gast, der Jour­na­list, der zu­letzt ein Jahr in der Türkei fest­ge­hal­ten wor­den ist, war als Be­ob­ach­ter da­bei – hat sich auch an an­de­rer Front ei­ni­ges ge­tan. So lief, wie be­rich­tet, ein viel be­ach­te­ter Strafproze­ss ge­gen den deut­schen Po­li­tik­wis­sen­schafts­Stu­den­ten Si­mon F. Er war am 31. Mai ei­ner der Teil­neh­mer der Sitz­blo­cka­de der Ak­ti­vis­ten, die sich in Sprech­chö­ren für „Kli­ma­Ge­rech­tig­keit“stark ge­macht hat­ten. F. war von Po­li­zis­ten weg­ge­tra­gen wor­den. Da­bei soll er mit „Schlä­gen und Trit­ten“ge­gen die Uni­for­mier­ten vor­ge­gan­gen sein.

Die An­kla­ge leg­te dem Mann ver­such­ten Wi­der­stand ge­gen die Staats­ge­walt zur Last. Der Rich­ter fäll­te aber ei­nen glat­ten Frei­spruch. In der Ur­teils­be­grün­dung mein­te er, man se­he auf Vi­de­os kei­ne vor­sätz­li­chen Wi­der­stands­hand­lun­gen. Si­mon F. hat­te bei der Amts­hand­lung ei­ne Kopf­wun­de er­lit­ten.

Auch F., eben­falls von An­walt Lah­ner ver­tre­ten, hat­te Be­schwer­de ge­gen die Po­li­zei beim Ver­wal­tungs­ge­richt ein­ge­bracht. Auch er hat Recht be­kom­men.

Die Er­mitt­lun­gen

Der­zeit wird noch ge­gen ei­ni­ge Po­li­zis­ten straf­recht­lich er­mit­telt. Wie­der­um wer­den Han­dy-Vi­de­os als Be­wei­se her­an­ge­zo­gen. Es geht haupt­säch­lich um zwei Vor­fäl­le: Ein­mal um die ein­gangs ge­schil­der­te Sze­ne mit dem Po­li­zei­bus. Und zum an­de­ren um ei­nen Vor­fall, der ge­nau­so für De­bat­ten ge­sorgt hat: Bei der Fest­nah­me ei­nes Ak­ti­vis­ten hat­te ein Be­am­ter mit der Faust in die Nie­ren­ge­gend des Man­nes ge­schla­gen. Man ha­be „mit Kör­per­kraft“den Wi­der­stand des Ak­ti­vis­ten über­win­den wol­len, hat­te die Po­li­zei er­klärt.

[ APA/Her­bert Oc­ze­ret]

Po­li­zei-Ein­satz we­gen ei­ner Stra­ßen­blo­cka­de von Um­welt­ak­ti­vis­ten bei der Wie­ner Ura­nia am 31. Mai 2019.

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