DAÖ, die fern­öst­li­che Kunst des We­ges und das ver­flix­te Ö

Schon wie­der ei­ne Par­tei mit häss­li­chem Kür­zel. Man brauch­te die Ge­las­sen­heit ei­nes Al­ten Meis­ters, um den Um­laut zu er­tra­gen. Wer möch­te denn wirk­lich mit öde, ölig oder Ödem as­so­zi­iert wer­den?

Die Presse - - FEUILLETON -

Na­tur­ge­mäß ha­ben es Ös­ter­reichs Par­tei­en schwer. Kaum ei­ne will auf das „Ö“im Akro­nym ver­zich­ten – das ist ein aus den An­fangs­buch­sta­ben meh­re­rer Wör­ter zu­sam­men­ge­setz­tes Kurz­wort: ÖVP, SPÖ und FPÖ sind im­mer­wäh­rend mit Ös­ter­reich ver­bun­den. Sie neh­men es aus Pa­trio­tis­mus in Kauf, dass dem Um­laut meist et­was Lä­cher­li­ches an­haf­tet. Wer möch­te denn mit öde, ölig oder Ödem as­so­zi­iert wer­den? Das um­ge­lau­te­te „o“ge­hört zwar zum la­tei­ni­schen Schrift­sys­tem, es schrieb sich zu­erst als „oe“, bis es zu ei­nem „o“mit Stri­chen, dann mit Punk­ten mu­tier­te, doch mu­tet es ein we­nig fremd an. Den­ken Sie an ei­nen Mund, der „öö­höö“ar­ti­ku­liert. Wahr­schein­lich passt die­ses Pho­nem bes­ser zu exo­ti­schen Spra­chen wie dem Fin­ni­schen, Un­ga­ri­schen oder Tür­ki­schen.

Selbst Neu­grün­dun­gen ha­ben häu­fig den un­ge­zü­gel­ten Trieb zum in­klu­si­ven Um­laut. Die Grü­nen ver­zich­ten zwar auf das „Ö“, nicht aber auf das „ü“, die ÖVP färb­te sich oh­ne Not vom schlan­ken Schwarz ins bunt Tür­ki­se. Nur das LIF und die Ne­os wi­der­stan­den dem bei­nah un­ver­meid­li­chen pe­ne­tran­ten Kuss­mund, der sich bei Nen­nung vie­ler Par­tei­na­men bil­det.

Fast über­mü­tig mu­tet es al­so an, wenn frei­heit­li­che Aus­stei­ger im Wie­ner Land­tag Die Al­li­anz für Ös­ter­reich grün­den. Der neue Clöb (Par­don, Klub) hat das Akro­nym DAÖ. Was aber wol­len uns die­se Her­ren mit ih­rem her­zi­gen Kür­zel sa­gen?

Die Schrift­ge­lehr­ten in der Ab­tei­lung Ver­schlüs­se­lung des Ge­gen­gif­tes muss­ten weit zu­rück­ge­hen in der Ge­schich­te der Phi­lo­so­phie, um fern in öst­li­cher Ge­gend die Bot­schaft der neu­en Be­we­gung zu er­ah­nen. Wenn man in Chi­na DAÖ schlam­pig aus­spricht, wird es als Grund­satz des le­gen­dä­ren Wei­sen Lao­tse auf­ge­fasst. Die­ser „Al­te Meis­ter“aus dem Rei­che Chu soll vor gut 2500 Jah­ren ge­lebt ha­ben und am En­de in Rich­tung Son­nen­un­ter­gang ver­schwun­den sein. Lao­tse gilt als Be­grün­der des Dao­is­mus. Sei­ne Ge­dan­ken­welt er­schließt sich im „Dao-de-jing“(das erst Jahr­hun­der­te spä­ter zur Zeit der Han nie­der­ge­schrie­ben wur­de). Über­set­zen kann man den Ti­tel als „Buch von der Kunst des We­ges“. Was für ein Werk! Es lehrt uns die gan­ze Welt, bil­det die Per­sön­lich­keit und mahnt schließ­lich auch die Herr­scher zum Maß­hal­ten.

Las­sen wir aber das heik­le „de“, kon­zen­trie­ren wir uns aufs Dao. Was ist denn der rech­te Weg? Lie­be DAÖs! Der Meis­ter sagt: „Gut, wer oh­ne Spu­ren geht.“Hä? Will er uns gar vor Ab­we­gen war­nen? Im Wes­ten an­ge­kom­men, nach ei­ner Rei­se von Tau­sen­den Mei­len, wür­de Lao­tse viel­leicht be­reits fri­vol sa­gen: „Öha! Bin schon weg! Jös­sas! Bin schon wie­der da!“

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