Die eins­ti­ge „Ar­bei­ter­sa­ga“wie­der­holt sich als Far­ce

Werk X. Zwei Urauf­füh­run­gen nach den al­ten Fil­men: Palm in­sze­niert scham­los über­trie­ben, Köp­ping kon­zen­triert flott.

Die Presse - - FEUILLETON -

Wie frischt man ei­nen Film-Klas­si­ker auf? In den Acht­zi­ger­jah­ren zeig­te die vier­tei­li­ge „Ar­bei­ter­sa­ga“Pe­ter Tur­ri­nis und Ru­di Pal­las die Ge­schich­te der II. Re­pu­blik he­ro­isch bis kri­tisch aus so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Sicht. Im Werk X ha­ben nun die Re­gis­seu­re Hel­mut Köp­ping und Kurt Palm recht un­ter­schied­li­che Zu­gän­ge zu der Ma­te­rie, wie sich bei den Urauf­füh­run­gen am Don­ners­tag in Meid­ling her­aus­stell­te.

Köp­ping setz­te in sei­ner Bearbeitun­g auf ei­ne flot­te, im Kern aber ernst­haf­te Ins­ze­nie­rung von „Das Pla­kat“. In ei­ner St­un­de zeigt er, wie sich die SPÖ 1945 for­miert. Nach der Pau­se mach­te Palm hin­ge­gen in ei­ner wei­te­ren St­un­de „Die Ver­lo­ckung“zur rei­nen Far­ce. Das Ori­gi­nal han­delt An­fang der Sech­zi­ger­jah­re. Die Teen­ager von da­mals sind 2019 al­te Ge­nos­sen, die sich in ih­rem eins­ti­gen Ju­gend­klub tref­fen. Im Roll­stuhl, mit Rol­la­tor, auf je­den Fall an­ge­schla­gen wa­ckeln sie da­her. Ei­ne Bot­schaft mit dem Ham­mer: Seht, welch ei­ne Par­tei! Die SPÖ liegt im Ster­ben.

Zy­nisch wird über ro­te Bun­des­kanz­ler her­ge­zo­gen, ab Vra­nitz­ky im Jah­re 1986. In ei­nem Quiz müs­sen Zi­ta­te zu­ge­ord­net wer­den. Stets ver­mu­tet der Ra­ten­de po­li­ti­sche Geg­ner hin­ter de­plat­zier­ten Sät­zen. Im­mer ist es der Kanz­ler. Am En­de kommt ganz bö­se die der­zei­ti­ge Par­tei­che­fin dran: Wer sag­te, sie ma­che sich ih­re Welt, wie sie ihr ge­fal­le? Ren­di-Wa­gner? Falsch! Pip­pi Langs­trumpf. De­ren groß­for­ma­ti­ges Foto wird dann zwi­schen je­ne der Ex-SPÖ-Chefs ge­stellt: Vra­nitz­ky, Kli­ma, Gu­sen­bau­er, Fay­mann, Kern. Die Ge­schich­te ei­nes Ver­falls wird in­si­nu­iert, in an­ar­chisch lus­ti­ger Form. Es herrscht scham­lo­se Über­trei­bung.

Ein Chor singt Ar­bei­ter­lie­der, wäh­rend sich Flo­ren­tin Groll und Karl Fer­di­nand Kratzl als Man­ni Mar­ko­vic und Ru­di Bla­ha lau­nig an ih­re Zeit als Jung­so­zia­lis­ten er­in­nern. Sie wa­ren in Bri­git­te Bar­dot ver­liebt, woll­ten sie in Saint-Tro­pez be­su­chen. Ro­te Fal­ken als Ver­eh­rer ei­ner Fil­mi­ko­ne, die zur ex­tre­men Rech­ten ten­diert! Sie nei­gen oh­ne­hin zu Ras­sis­mus, wie ei­ne sie fil­men­de jun­ge Frau ent­setzt fest­stellt. Michae­la Bil­ge­ri, Eri­ka Deu­tin­ger und Mar­ti­na Spit­zer kom­plet­tie­ren mit in­di­vi­du­el­len Ak­zen­ten das kol­lek­ti­ve Sit­ten­bild. Ih­re Ko­s­tü­me: bi­zarr. Die Büh­ne strotzt von Kli­schees: Pro­le­ta­rierBan­ner, Rot­wein-Dopp­ler, Tisch­fuß­ball und Tisch­ten­nis, ein Afri­ka­ner-Kopf, Pop-Ta­pe­te.

Kon­zen­trier­ter geht Köp­ping in der Vor­ge­schich­te zu Werk, ein­falls­reich mit viel Rot cho­reo­gra­fiert, eben­falls mit Film­clips an­ge­rei­chert. Der Plot: Karl Bla­ha flieht von der Front, als sei­ne Frau im Bom­ben­ha­gel in Wi­en ih­ren Sohn zur Welt bringt: Ru­di. Das Paar (ex­zel­lent be­setzt mit Ju­lia Schranz und Pe­ter Per­tu­si­ni) ist ak­tiv dar­an be­tei­ligt, dass sich die Lin­ke neu for­miert. Ein Pla­kat für den 1. Mai 1945 soll pro­du­ziert wer­den. Das ist gar nicht so leicht zu or­ga­ni­sie­ren. Auf der Büh­ne wer­den rie­si­ge Let­tern aus Sperr­holz ge­baut. Bald zei­gen sich Ris­se zwi­schen lin­ken Träu­mern und Rea­los. Su­si Stach, Tho­mas Kol­le und John­ny Mhan­na füh­ren di­ver­se Ab­stu­fun­gen der Ge­sin­nung vor. Man hät­te be­reits ge­warnt sein kön­nen.

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