Per­zen­ti­le und Milch­ban­ken

Wir ju­bel­ten, du hat­test die Fünf­ki­lo­gramm­schall­mau­er durch­bro­chen.

Die Presse - - SPECTRUM -

Als wir mit un­se­ren mor­gend­li­chen Spa­zier­gän­gen be­gan­nen, frag­te man mich bis­wei­len, ob da et­was oder je­mand im Kin­der­wa­gen sei. Du warst so klein, dass Dein Kopf nicht zu se­hen war. Im letz­ten Drit­tel der Schwan­ger­schaft sag­te man uns in Berlin, Du seist so zart, dass wir Dein Wachs­tum eng­ma­schi­ger über­wa­chen las­sen müss­ten. Sieb­te Per­zen­ti­le. Wir hat­ten das Wort nie ge­hört, aber da die Ska­la von 5 bis 95 reicht, ver­lie­ßen wir be­un­ru­higt die Ärz­tin. Bis da­hin wa­ren Dei­ne Wer­te im Durch­schnitt ge­le­gen. Wir ka­men zum Schluss, es sei gut, wenn Du schon jetzt nicht mehr im­mer schön in der Mit­te seist. An die­sem Tag sag­te Dei­ne Mut­ter beim Ko­chen: Werd ich halt ein Mops. Wir wuss­ten aber, dass Dein Wachs­tum nichts mit den von ihr ver­speis­ten Men­gen zu tun hat­te. Vor we­ni­gen Ta­gen ju­bel­ten wir: Du hast die Fünf­ki­lo­gramm­schall­mau­er durch­bro­chen. Nie­mand sieht Dich nicht, wenn ich Dich mor­gens aus­fah­re. Dei­ne Fin­ger hal­ten sich am Saum des ge­füt­ter­ten Sa­ckes fest, in dem Du steckst.

Früh in Dei­nem Le­ben muss­ten wir Dir Fut­ter­neid be­schei­ni­gen. Du warst ru­hig, wenn ich koch­te; kaum stand un­ser Es­sen auf dem Tisch, pro­tes­tier­test Du laut­stark. Mitt­ler­wei­le hat sich das ein­ge­pen­delt, wir las­sen Dich bis­wei­len an un­se­rem Es­sen rie­chen, hal­ten es Dir un­ter die Na­se. Na­tür­lich ist Dei­ne Er­näh­rung re­la­tiv ein­sei­tig. Wir sa­gen Dir aber, wenn Du uns in der Wip­pe auf dem Tisch beim Es­sen zu­siehst, all das kom­me in­di­rekt in Dich. Ich will mir nicht Still­neid be­schei­ni­gen, aber es er­füllt mich mit größ­ter Won­ne, wenn ich ne­ben Dir lie­ge und Dir ein Fläsch­chen Mut­ter­milch ge­be. Die Freu­de in Dei­nen Au­gen! Das Gluck­sen und Qu­iet­schen! Die Wild­heit und Gier, die Dich über­kom­men, wenn Du das Fläsch­chen an Dich ziehst und nu­ckelst, als woll­test Du mir zei­gen, dass jetzt ich der sei, der nicht be­kom­me, was Du be­kommst.

Wir le­ben in ei­ner Welt, in der die meis­ten ei­ge­ne Le­bens­zeit und ei­ge­ne Fä­hig­kei­ten ver­kau­fen, um Ge­win­ne für an­de­re zu er­wirt­schaf­ten und sich selbst über Was­ser zu hal­ten. Heu­te wer­den Men­schen da­mit ge­lockt, klei­ne Un­ter­neh­mer des ei­ge­nen Ich zu sein. Sie dür­fen sich selbst aus­beu­ten und sol­len sich da­bei als au­to­nom emp­fin­den. Vie­le Frau­en ha­ben zu we­nig Milch für ih­re Kin­der. Der Groß­teil da­von ist arm. Hat die Mut­ter nicht ge­nug zu es­sen, pro­du­ziert sie nicht ge­nug Milch, um ihr Kind zu stil­len. An­de­re pro­du­zie­ren zu we­nig oder kei­ne Milch oder wol­len nicht stil­len.

Wei­ßes Gold!

Es gibt et­was, das wir So­li­da­ri­tät oder ge­gen­sei­ti­ge Hil­fe nen­nen: So lan­det Milch von Frau­en, die mehr ha­ben, als sie brau­chen, auf Milch­ban­ken, und Frau­en, die Milch für ih­re Kin­der be­nö­ti­gen, kön­nen sie von dort be­zie­hen.

Mut­ter­milch als Wa­re hin­ge­gen ist et­was ganz an­de­res! Wei­ßes Gold! Tau­sen­de von Frau­en pum­pen Tag für Tag ih­re Milch ab, um sie auf dem vir­tu­el­len Markt feil­zu­bie­ten. Mehr als mit dem Ver­kauf an milch­arme Müt­ter er­zie­len sie al­ler­dings aus dem Ver­kauf an Män­ner. Man­che mei­nen, so schnel­ler Mus­keln auf­bau­en zu kön­nen. Die meis­ten kau­fen sie aus an­de­ren Grün­den. Man kann aus­wäh­len: Milch von Müt­tern, die sich ve­ge­ta­risch, ve­gan oder glu­ten­frei er­näh­ren, von Frau­en, die be­zeu­gen, ge­sund zu le­ben, nicht zu rau­chen, kei­ne Dro­gen und kei­nen Al­ko­hol zu kon­su­mie­ren, al­les nach Her­kunft, Al­ter oder Haut­far­be wähl­bar. Un­längst sah ich das Wer­be­vi­deo ei­ner Frau, die ih­re Milch ver­kauft. Sie selbst ha­be der­lei An­ge­bo­te im­mer aus­ge­schla­gen, sag­te sie, aber wenn ei­ne Mut­ter drin­gend Geld be­nö­ti­ge sol­le sie Von Cle­mens Ber­ger

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