Die Lich­tung stimmt

Die Presse - - SPECTRUM -

Das ös­ter­rei­chi­sche Pu­bli­zis­tik­för­de­rungs­ge­setz von 1972 sah ei­ne Aus­wei­tung der För­de­rung auf „Pu­bli­zis­tik, die der staats­bür­ger­li­chen Bil­dung dient“vor. Das in­klu­dier­te erst­mals auch Li­te­ra­tur­zeit­schrif­ten, und so kam es zu zahl­rei­chen Neu­grün­dun­gen. Ei­ne vor­sich­ti­ge Sich­tung er­gibt zwi­schen 1974 und 1979 an die 50 neue Ti­tel. Vie­le da­von wa­ren kurz­le­big, knapp ein Dut­zend hat sich bis heu­te ge­hal­ten.

Da­zu ge­hört die 1979 ge­grün­de­te Gra­zer Li­te­ra­tur­zeit­schrift „Lich­tun­gen“, die heu­er ihr 40-Jahr-Ju­bi­lä­um be­geht. Ih­re Grün­dungs­ge­schich­te ist frei­lich ei­ne ganz spe­zi­el­le. Vor­aus­ge­gan­gen war das 1967 in­iti­ier­te Mit­tei­lungs­blatt des Stei­ri­schen Schrift­stel­ler­bun­des „Blick­punk­te“, spä­ter „SSB Blick­punk­te“. Ot­to Eg­gen­reich, Ge­schäfts­füh­rer seit 1977, mach­te aus dem Ver­eins­or­gan ei­ne nach au­ßen of­fe­ne Li­te­ra­tur­zeit­schrift. Von der Trä­ger­or­ga­ni­sa­ti­on her war die Aus­rich­tung eher kon­ser­va­tiv, ei­ne Art Ge­gen­pol zum Zeit­geist des Auf­bruchs im Fo­rum Stadt­park, zu dem von 1976 bis 1980 mit dem links­al­ter­na­ti­ven Gra­zer „Ne­bel­horn“üb­ri­gens ei­ne zwei­te „Ge­gen­grün­dung“exis­tier­te.

Das ers­te Heft mit dem – ty­po­gra­fisch die Sym­bo­lik der Auf­klä­rung be­to­nen­den – Ti­tel „L I C H T un­gen“er­schien im No­vem­ber 1979, 32 Sei­ten dick, oder dünn, fi­nan­ziert von der Fir­ma Hu­ma­nic mit dem le­gen­dä­ren Wer­be­ma­na­ger und ge­bür­ti­gen Gra­zer Kunst­his­to­ri­ker Horst Ger­hard Ha­berl, der von 1988 bis 1995 den „Stei­ri­schen Herbst“lei­te­te. In den 1970er-Jah­ren ent­wi­ckel­te Ha­berl für Hu­ma­nic in­no­va­ti­ve Wer­be­kon­zep­te, Au­to­ren wie H. C. Art­mann, Ernst Jandl – der sei­nen Spot al­ler­dings wie­der zu­rück­zog –, Andre­as Oko­pen­ko oder Wolf­gang Bau­er be­tei­lig­ten sich eben­so wie der Mu­si­ker Ot­to M. Zy­kan oder der Künst­ler Ro­land Goe­schl. Ein Mar­ken­zei­chen war der si­re­nen­ar­ti­ge Aus­ruf „Franz!“am En­de der Spots, der erst­mals 1971 er­klang.

Ha­berl fun­gier­te ge­mein­sam mit Ot­to Eg­gen­reich als Her­aus­ge­ber und war für die gra­fi­sche Gestal­tung zu­stän­dig, wohl kei­ne ganz ein­fa­che Ko­ope­ra­ti­on. Je­den­falls war nach Num­mer fünf Schluss mit die­ser spe­zi­el­len Form der Pri­va­te-Pu­blic-Part­nership an­te lit­ter­am. Ein­ge­sprun­gen ist 1981 das Bil­dungs­haus des Lan­des Stei­er­mark, der Retz­hof in Leib­nitz, und da­mit kam Mar­kus Ja­rosch­ka in die Re­dak­ti­on – und blieb Chef­re­dak­teur bis 2018.

Ja­rosch­ka er­zählt gern die An­ek­do­te, Man­fred Mix­ner, da­mals Ab­tei­lungs­lei­ter für Li­te­ra­tur und Hör­spiel beim ORF Stei­er­mark, ha­be sich an ihn ge­wandt, um das vor­zei­ti­ge En­de der Zeit­schrift zu ver­hin­dern. Als Phi­lo­soph ha­be er sich für Li­te­ra­tur nicht zu­stän­dig ge­fühlt, doch Mix­ner mein­te: „Das lernt man.“Al­ler­dings, ganz kann die­ser Grün­dungs­my­thos nicht stim­men. Ja­rosch­ka pu­bli­zier­te be­reits 1978 ei­ge­ne Ge­dich­te un­ter dem Ti­tel „wort­zel­te“, 1980 er­schien bei Ley­kam sein Ly­rik­band „sprach­wech­sel“, und im sel­ben Jahr ist er auch in den „Ma­nu­skrip­ten“prä­sent.

Was die „Lich­tun­gen“be­trifft, ist es Ja­rosch­ka nach und nach ge­lun­gen, die Zeit­schrift in je­de Rich­tung zu öff­nen, das er­ar­bei­te­te Ni­veau zu hal­ten und im­mer wei­ter aus­zu­bau­en. Hilf­reich war da­bei zwei­fel­los sein prin­zi­pi­el­les Be­kennt­nis zu ei­ner ko­ope­ra­ti­ven Ar­beits­wei­se, die stets die Ver­diens­te al­ler Be­tei­lig­ten wür­digt. Das be­trifft Un­ter­stüt­zer von au­ßen ge­nau­so wie das Re­dak­ti­ons­team, al­len vor­an lang­jäh­ri­ge Mit­strei­ter wie Heinz Hart­wig vom ORF Stei­er­mark oder der Au­tor Hel­wig Brun­ner.

1987 wech­sel­te Ja­rosch­ka vom Retz­hof an die Spit­ze der Stei­ri­schen Ura­nia in Graz und nahm gleich­sam die Zeit­schrift mit, die nun un­ter dem Dach von Ura­nia und Schrift­stel­ler­bund er­schien. Das ging mit ei­ner Lay­out-Re­form ein­her, mit ei­ner Än­de­rung des Un­ter­ti­tels in „Zeit­schrift für Li­te­ra­tur, Kunst und Zeit­kri­tik“, der sich bis heu­te er­hal­ten hat, so­wie mit ei­ner Öff­nung für zeit­kri­ti­sche Es­say­is­tik. Und als sich 1990 der Stei­ri­sche Schrift­stel­ler­bund auf­lös­te, trat ein in­for­mel­ler „Li­te­ra­tur­kreis Lich­tun­gen“an die Sei­te der Ura­nia.

Das be­deu­te­te das end­gül­ti­ge Aus für man­che, nicht nur ideo­lo­gi­sche, Ver­bie­gun­gen, die sich aus der Rück­bin­dung an den Grün­der­ver­ein er­ga­ben. Ot­to Eg­gen­reich hat­te be­reits nach den ers­ten fünf Jah­ren die Schwie­rig­kei­ten re­sü­miert, die der an­ste­hen­de Ge­ne­ra­tio­nen- und Per­spek­ti­ven­wech­sel mit sich brach­te. In den frü­hen Hef­ten fin­den sich zu run­den Ge­burts­ta­gen oft Hom

Max Mell (12/1982), Pau­la Grog­ger (17/1984) oder Hans Klo­e­p­fer (18/1984) – al­le drei ha­ben den An­schluss Ös­ter­reichs an Hit­lerDeutsch­land im Be­kennt­nis­buch ös­ter­rei­chi­scher Dich­ter vom Ju­ni 1938 be­ju­belt.

Ein Mus­ter­bei­spiel für das Auf­ein­an­der­pral­len von Rück­wärts­ge­wandt­heit und Of­fen­heit für jun­ge Li­te­ra­tur ist Heft Num­mer 3 aus dem Jahr 1980. Es ist dem Pau­laGrog­ger-Li­te­ra­tur­preis ge­wid­met, mit ei­nem ganz­sei­ti­gen Kon­ter­fei der Au­to­rin am Co­ver. Grog­ger hat­te am 10. April 1938, dem Tag der Volks­ab­stim­mung, die den Ein­marsch der Hit­ler-Trup­pen nach­träg­lich le­gi­ti­mie­ren soll­te, in der Wie­ner Ta­ges­zei­tung „Neue Freie Pres­se“das Ge­dicht „Deut­scher Gruß“ver­öf­fent­licht, das mit den Ver­sen schließt: „Frei in den vier Win­den / will nun auch die deut­sche Kunst / ih­ren Eich­kranz bin­den“. Der Ab­druck der Sie­ger­tex­te des nach ihr be­nann­ten Prei­ses be­schert der Zeit­schrift je­doch Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen von „Il­se Eve­lyn Schlag“und Wolf­gang Pol­l­anz.

Auch sonst fin­den sich ver­ein­zelt schon früh Tex­te jun­ger Au­to­rin­nen und Au­to­ren wie je­ner von Li­li­an Fa­schin­ger in Heft 15/1983. Ab 1988 wird der Blick auf Neu­ent­de­ckun­gen mit der Ru­brik „Neu vor­ge­stellt“Pro­gramm und fi­xer Be­stand­teil je­der Aus­ga­be – seit 2005 un­ter dem Ti­tel „Neue Na­men“. Über die Jah­re pro­fi­tier­ten von die­ser In­sti­tu­ti­on, die oft ei­ne ak­ti­ve Be­treu­ung jun­ger Ta­len­te in­klu­diert, so un­ter­schied­li­che Au­to­rin­nen und Au­to­ren wie Ol­ga Flor, Va­le­rie Fritsch, Tho­mas Gla­vi­nic, Son­ja Har­ter, So­phie Rey­er, Cle­mens J. Setz oder Ger­hild St­ein­buch. Es wä­re ei­ne in­ter­es­san­te Auf­ga­be, ein­mal ge­nau­er zu un­ter­su­chen, wie die zwei­te Gra­zer Tra­di­ti­ons­zeit­schrift „Ma­nu­skrip­te“, die hei­mi­sche Ta­len­te­schmie­de ei­ner gan­zen Au­to­ren­ge­ne­ra­ti­on von Wolf­gang Bau­er bis Ger­hard Roth, in ih­rer Pu­bli­ka­ti­ons­stra­te­gie dar­auf re­agiert hat.

Ge­blie­ben ist von An­be­ginn die vier­tel­jähr­li­che Er­schei­nungs­wei­se der „Lich­tun­gen“und das In­ter­es­se an bil­den­der Kunst. Der Kunst­teil stellt jun­ge Künst­le­rin­nen, Künst­ler und Künst­ler­kol­lek­ti­ve vor, die dann das Co­ver ge­stal­ten. Von 1996 bis 2014 zeich­ne­te da­für der Gra­zer Kunst­his­to­ri­ker und Ku­ra­tor Wer­ner Fenz ver­ant­wort­lich.

Aktuell ist da­für As­trid Ku­ry, Lei­te­rin der Aka­de­mie Graz, zu­stän­dig, die sich um ei­ne di­rek­te­re Ver­schrän­kung der bei­den Ebe­nen Li­te­ra­tur/Bil­den­de Kunst be­müht.

Das Pro­jekt, mit Län­der­schwer­punk­ten den Ho­ri­zont zu er­wei­tern, star­te­te mit Heft 52/1992, und zwar mit „Li­te­ra­tur aus Slo­we­ni­en“. Bis heu­te steht da­für der ge­sam­te Erd­ball zur Ver­fü­gung, von Weiß­russ­land bis nach Chi­le, von Si­bi­ri­en nach Aus­tra­li­en, von Chi­na bis in den Kon­go. 2015 ku­ra­tier­te Bar­bi Mar­ko­vic´ den Schwer­punkt „Das ge­teil­te Bel­gi­en“, wo­bei sich das The­ma mit ei­nem quer ge­setz­ten Ein­schnitt in die Sei­ten des Schwer­punkt-Teils hin­ein­schnei­det. Auf ak­tu­el­le Kri­sen­phä­no­me­ne re­agier­ten die „Lich­tun­gen“im­mer wie­der, et­wa 2017 mit dem Schwer­punkt „Li­te­ra­tur in der Kri­se“– aus Por­tu­gal, Spa­ni­en und Ita­li­en. Über die Jah­re hin­weg hat die­se Of­fen­heit für die Li­te­ra­tur der gan­zen Welt auch zur Fol­ge, dass sich im­mer wie­der deut­sche Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen nach­mals be­rühm­ter in­ter­na­tio­na­ler Au­to­rin­nen und Au­to­ren fin­den, Ju­rij An­druchow­ytsch ist da­für ein Bei­spiel.

Ei­ne groß­an­ge­leg­te Wei­ter­füh­rung die­ser In­ter­na­tio­na­li­sie­rung war das Li­te­ra­tur­pro­jekt „tran­sLOKAL“, das 1996 in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Kul­tur­haupt­stadt­jahr Graz 2003 star­te­te. In sie­ben Jah­ren wur­den 25 eu­ro­päi­sche Städ­te in ih­rer li­te­ra­ri­schen Be­son­der­heit vor­ge­stellt, da­bei wur­de zu­gleich ein dich­tes Li­te­ra­tur­netz­werk auf­ge­baut. Die Zeit­schrift reis­te in die je­wei­li­gen Städ­te, um das Er­geb­nis ih­rer li­te­ra­ri­schen Er­kun­dun­gen zu prä­sen­tie­ren, und sie hol­te Gast­au­to­rin­nen und -au­to­ren nach Graz. Sta­tio­nen mach­te „tran­sLOKAL“in der Rei­he ih­res Auf­tre­tens in Kra­kow,´ Ljublja­na, Zagreb, Bra­tis­la­va, Tries­te, Sa­ra­je­vo, Pecs,´ Ti­mi­soa­ra,¸ Du­blin, Lwiw, Sankt Pe­ters­burg, Ma­drid, Ti­ra­na, Prisht­i­na, Bor­deaux, Berlin, Glas­gow, Br­no, Pl­ov­div, Beo­grad, Tal­linn, Skop­je, Ams­ter­dam, Istan­bul und – zum Ab­schluss der Rund­rei­se wie des Kul­tur­haupt­stadt­jah­res – prä­sen­tier­te sich in Heft 97/2004 Graz selbst. Es war nicht nur ein Me­ga­pro­jekt, son­dern auch ei­nes von be­son­de­rer Nach­hal­tig­keit – die 25 Hef­te blei­ben für im­mer er­hal­ten, zu­min­dest so­lan­ge es Bi­b­lio­the­ken ge­ben wird. Der His­to­rio­graf der Zeit­schrift ist Chris­ti­an Teissl, seit 1997 auch als Ly­ri­ker in der Zeit­schrift prä­sent.

In je­der Ju­bi­lä­ums­num­mer lie­fert er ver­läss­lich ei­nen sorg­fäl­tig re­cher­chier­ten Über­blick über Ge­schich­te und Ent­wick­lung der „Lich­tun­gen“ab, zu­letzt im ak­tu­el­len Ju­bi­lä­ums­heft Num­mer 158. Gera­de die Län­der­schwer­punk­te sei­en ein pro­ba­tes Mit­tel ge­gen Pro­vin­zia­li­sie­rung, so Teissl, und ei­ne Mög­lich­keit für die Zeit­schrift, „sich von dem re­gio­na­len Kon­text, dem sie ihr Ent­ste­hen ver­dankt, end­gül­tig zu eman­zi­pie­ren – frei­lich oh­ne sich von ihm zu lö­sen“. Sie ma­chen die Zeit­schrift zu ei­nem Ort, „an dem die nächs­te Nä­he und die ent­le­gens­te Fer­ne ein­an­der be­geg­nen“. Oder wie Wen­de­lin Schmidt-Deng­ler 1992 im Ju­bi­lä­ums­heft Num­mer 50 mit Ernst Jandls Ge­dicht „lich­tung“(lechts und rinks / kann man nicht / vel­wech­sern. / werch ein ill­tum!)“for­mu­lier­te: „Die Lich­tung stimmt“.

Den Auf­bruch in das fünf­te Jahr­zehnt or­ga­ni­siert nun ein neu­es, jun­ges Team, das Mar­kus Ja­rosch­ka seit Jah­ren an die Re­dak­ti­on zu bin­den ver­stand. Die sicht­bars­te Än­de­rung wird das For­mat be­tref­fen, das klei­ner und hand­li­cher wird. Bei­be­hal­ten wer­den Mar­ken­zei­chen wie der Kunst­teil und die Schwer­punkt­the­men. In­halt­lich soll mit neu­en Ru­bri­ken auf Kon­kur­renz­for­ma­te re­agiert wer­den, die die Li­te­ra­tur ins­ge­samt be­drän­gen. Cle­mens J. Setz wird in ei­ner Se­rie „Poe­sie an un­ver­mu­te­ten Stel­len“auf­spü­ren; un­ter dem Ti­tel „Ab­spann“wer­den sich Au­to­rin­nen und Au­to­ren mit TV-Se­ri­en be­schäf­ti­gen, al­so mit Er­zähl­for­men, „die nicht auf Pa­pier statt­fin­den“. Auch das di­gi­ta­le An­ge­bot will die neue Mit­her­aus­ge­be­rin und Chef­re­dak­teu­rin Andrea Stift-Lau­be en­ga­giert aus­bau­en – die größ­te Her­aus­for­de­rung wird frei­lich sein, ge­nau je­ne Qua­li­tä­ten von Li­te­ra­tur her­aus­zu­stel­len, die sie ku­li­na­ri­sche­ren For­ma­ten vor­aus hat. Denn es wird bald kei­nen Grund mehr ge­ben, ei­ne Li­te­ra­tur­zeit­schrift oder ein Buch zu le­sen und zu kau­fen, wenn es bes­ten­falls ge­nau­so span­nend ist wie ein Sto­ry-Ga­me oder die neu­es­te Staf­fel auf der Strea­m­ing-Platt­form.

Es bleibt der stei­ri­schen Ar­chiv­land­schaft zu wün­schen, dass das Land die um­fang­rei­chen Ar­chiv­be­stän­de der ers­ten vier­zig Jah­re „Lich­tun­gen“an­kauft – auf dass sie nicht wie je­ne der Ma­nu­skrip­te“in Wi­en

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