Nied­rig­zins­zei­ten ver­lan­gen ein Um­den­ken beim Spa­ren

Das ge­rin­ge Zins­ni­veau er­zürnt Spa­rer und ist lang­fris­tig be­droh­lich. Man soll­te über Al­ter­na­ti­ven nach- und Ge­wohn­hei­ten über­den­ken.

Die Presse - - DEBATTE - VON GER­HARD WEIBOLD

In Zei­ten, in de­nen ge­rin­ge Zins­sät­ze für Spar­ein­la­gen vor­herr­schen und in de­nen der Be­griff der Ne­ga­tiv­zin­sen in den Sprach­ge­brauch der Fi­nanz­wirt­schaft Ein­gang ge­fun­den hat, ist bei der Su­che nach an­de­ren An­la­ge­for­men zu­nächst ein Blick in die In­stru­men­ten­kis­te der Fi­nanz­ma­the­ma­tik lehr­reich.

Dass ein Zins­satz (in Pro­zent) und ein Zin­s­er­trag (in Eu­ro) ver­schie­de­ne Din­ge sind und dass es Zin­sen und Zin­ses­zin­sen gibt, ist all­ge­mein be­kannt. Es ist je­doch zu be­zwei­feln, dass die Vor­stel­lungs­kraft der Be­völ­ke­rung über die kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen der fi­nanz­ma­the­ma­ti­schen Mecha­nik über lan­ge Zei­t­räu­me ge­ge­ben ist.

Wie vie­le Be­frag­te wür­den die Aus­sa­ge, dass bei mehr­jäh­ri­ger An­la­ge ein dop­pelt so ho­her Zins­satz zu ei­nem dop­pelt so ho­hen Zin­s­er­trag führt, spon­tan als rich­tig be­wer­ten? Ver­mut­lich viel zu vie­le. Beim be­kannt be­schei­de­nen

Stand des Fi­nanz­wis­sens der Be­völ­ke­rung ist es vi­el­leicht bes­ser, das Be­fra­gungs­er­geb­nis gar nicht zu ken­nen.

Die­ses Wis­sen ist je­doch höchst re­le­vant, wenn es um lang­fris­ti­ge An­la­gen geht. Wenn man bei­spiels­wei­se im Al­ter von 30 Jah­ren für die Zeit nach der Er­werbs­tä­tig­keit fi­nan­zi­ell vor­sor­gen möch­te, ist ei­ne An­la­ge­dau­er von 35 oder 40 Jah­ren durch­aus rea­lis­tisch. Was in der­art lan­gen Zei­t­räu­men fi­nanz­ma­the­ma­tisch pas­siert, ist leicht zu er­klä­ren:

Zin­sen und Zin­ses­zin­sen

Ein Ein­mal­be­trag von 10.000 Eu­ro wächst bei ei­nem jähr­li­chen Zins­satz von 0,5 Pro­zent nach 40 Jah­ren auf rund 12.208 Eu­ro (10.000 x 1,00540 = 12.207,94) an. Der er­wirt­schaf­te­te Zin­s­er­trag be­trägt da­her rund 2208 Eu­ro. Hin­ge­gen be­trägt bei ei­nem jähr­li­chen Zins­satz von 5,0 Pro­zent der Ka­pi­tal­stand dann rund 70.400 Eu­ro (10.000 x 1,0540 = 70.399,89), weil ein Zin­s­er­trag von 60.400 Eu­ro ent­steht. Ei­ne zehn­fa­che Ver­zin­sung (5,0 statt 0,5 Pro­zent) führt dem­nach zu ei­nem mehr als 27-fa­chen Zin­s­er­trag (60.400 statt 2208 Eu­ro).

Legt man die­se Zin­s­er­trä­ge auf fünf Jah­re um, ste­hen mo­nat­lich ent­we­der mehr als 1000 Eu­ro oder we­ni­ger als 37 Eu­ro zur Ver­fü­gung. Dass die In­fla­ti­on über 40 Jah­re die Kauf­kraft zu­sätz­lich er­heb­lich schmä­lert, sei nur am Ran­de er­wähnt.

Spar­buch oder Wert­pa­pier

Wie lässt sich in An­be­tracht sol­cher Tat­sa­chen er­klä­ren, dass sich her­kömm­li­che Spar­for­men (Spar­bü­cher, Spar­kon­ten etc.) nach wie vor ho­her Be­liebt­heit er­freu­en und sich im Ge­gen­satz da­zu fort­ge­schrit­te­ne Spar­for­men (Wert­pa­pie­re, Fonds etc.) nur zö­ger­lich ver­brei­ten?

Ers­tens ist es gut mög­lich, dass vie­le Spa­rer über die fi­nanz­wirt­schaft­li­chen Mecha­nis­men nicht im Bil­de sind und die Kon­se­quen­zen da­her nicht wahr­neh­men. Zwei­tens kann es sein, dass

Spa­rer ei­nen der­art ver­kürz­ten Pla­nungs­ho­ri­zont ha­ben, so­dass die lang­fris­ti­gen Ef­fek­te der Zin­ses­zins­rech­nung ent­we­der gar nicht oder nur ab­ge­schwächt auf­tre­ten.

Drit­tens ist der tra­di­tio­nel­le Spa­rer im Re­gel­fall skep­tisch, ein für ihn neu­es Ter­rain zu be­tre­ten. Bei an­de­ren An­la­ge­for­men – bei­spiels­wei­se bei Wert­pa­pie­ren – denkt er re­flex­ar­tig mehr an die Ris­ken und we­ni­ger an die Chan­cen.

Vier­tens fehlt es den jün­ge­ren Ge­ne­ra­tio­nen an der Ein­schät­zung der Zeit­punk­te, der Hö­he und der Be­din­gun­gen, die von der ge­setz­li­chen Altersvors­orge ab­hän­gen. Die­se ist meist noch Jahr­zehn­te ent­fernt.

Fünf­tens wur­de die At­trak­ti­vi­tät von Wert­pa­pie­ren bis­lang durch nicht un­er­heb­li­che Aus­ga­be­auf­schlä­ge und Ma­nage­ment­ge­büh­ren ge­min­dert. Ei­ne Si­tua­ti­on, die sich je­doch durch Di­rekt­ban­ken im Um­bruch be­fin­det.

Der Spa­rer ist skep­tisch

Es ist not­wen­dig, dass An­le­ger ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Wahr­neh­mung für Chan­cen und für Ris­ken ent­wi­ckeln und ih­re Vor­be­hal­te ge­gen­über fort­ge­schrit­te­nen An­la­ge­for­men über­den­ken. Das be­trifft üb­ri­gens auch den Ver­brau­cher­schutz, der als Fol­ge schlim­mer Er­fah­run­gen mit un­se­riö­sen An­la­gen dies­be­züg­lich be­son­ders vor­sich­tig agiert. Denn die Emp­feh­lung darf nicht sein, dass man ta­ten­los zu­se­hen soll, wie zin­sen­lo­se oder -mi­ni­ma­le An­la­gen das ver­dien­te Geld lang­sam, aber si­cher auf­zeh­ren.

Es ist auch voll­kom­men un­an­ge­bracht, je­de Vo­la­ti­li­tät bei Wert­pa­pie­ren von vorn­her­ein als Schreck­ge­spenst zu in­ter­pre­tie­ren, denn die Vo­la­ti­li­tät gibt als sta­tis­ti­sches Schwan­kungs­maß (Stan­dard­ab­wei­chung) le­dig­lich Ve­rän­de­run­gen nach oben und nach un­ten an. Ei­ne ne­ga­ti­ve Kon­no­ta­ti­on der Vo­la­ti­li­tät als Gleich­set­zung mit blo­ßem Ri­si­ko ent­spricht nicht ih­rem Sinn. Es gilt viel­mehr, die Sicht­wei­se auf vo­la­ti­le An­la­ge­for­men grund­sätz­lich zu än­dern und bei­de Au­gen (ei­nes für die Chan­cen und ei­nes für die Ris­ken) zu öff­nen.

Um das be­que­me Ver­har­ren in un­at­trak­ti­ven Spar­for­men zu be­en­den, müs­sen ver­än­de­rungs­wil­li­ge An­le­ger Ei­gen­in­itia­ti­ve an den Tag le­gen.

Ei­gen­in­itia­ti­ve ist not­wen­dig

Ne­ben dem Haus­ver­stand sind da­für fol­gen­de Vor­aus­set­zun­gen hilf­reich: ei­ner­seits ein grund­le­gen­des Fi­nanz­wis­sen, das auch die Be­rech­nung von Zin­sen und Zin­ses­zin­sen er­mög­licht. Denn wer sich bei Fi­nanz­the­men über­haupt nicht aus­kennt, muss das glau­ben, was an­de­re er­zäh­len. Und dass von Ban­ken und Ver­si­che­run­gen, die selbst Fi­nanz­pro­duk­te an­bie­ten und pro­fi­ta­ble Ge­schäfts­mo­del­le ver­fol­gen, nur ei­ne be­dingt neu­tra­le Be­ra­tung zu er­war­ten ist, leuch­tet ein.

An­de­rer­seits bleibt dem An­le­ger ei­ne aus­führ­li­che Sich­tung ge­eig­ne­ter An­la­gen nicht er­spart, was durch Re­cher­chen im In­ter­net in­zwi­schen re­la­tiv ein­fach ge­wor­den ist. Über die­se In­for­ma­ti­ons­quel­le kann üb­ri­gens auch fest­ge­stellt wer­den, dass Auf­schlä­ge und Ge­büh­ren bei Wert­pa­pie­ren und Fonds kei­ne Na­tur­ge­set­ze sind und zwi­schen den An­bie­tern er­heb­li­che Un­ter­schie­de be­ste­hen.

Selbst­be­die­nung beim An­le­gen

An die Ver­wen­dung von Schecks kann sich kaum noch je­mand er­in­nern und auch die an Bank­zei­ten und -fi­lia­len ge­bun­de­nen Au­sund Ein­zah­lun­gen von Bar­geld ge­hö­ren schön lang­sam der Ver­gan­gen­heit an. Dem­ge­gen­über sind Kar­ten­zah­lun­gen, Geld­au­to­ma­ten und On­li­ne­ban­king zur Selbst­ver­ständ­lich­keit ge­wor­den. Selbst die Er­öff­nung ei­nes Gi­ro­kon­tos oder die In­an­spruch­nah­me ei­nes Kre­dits funk­tio­niert längst ganz ein­fach on­li­ne. Ein per­sön­li­ches Er­schei­nen ist ver­zicht­bar, und die Ab­wick­lung er­folgt prompt.

Es gibt kaum Grün­de, dass die Ent­wick­lung die­ser „Selbst­be­die­nung“vor dem The­ma der Ka­pi­tal­an­la­ge halt­ma­chen wird, wenn im­mer mehr Kun­den die Vor­tei­le der pro­ak­ti­ven Gestal­tung ih­res ge­sam­ten Fi­nanz­le­bens er­ken­nen. Ent­schei­dungs­re­le­van­te In­for­ma­tio­nen über An­la­gen sind all­ge­mein zu­gäng­lich, und kom­for­ta­ble In­stru­men­te zur Steue­rung der An­la­gen ste­hen zur Ver­fü­gung. Al­ler­dings wer­den sie an Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten zu we­nig ge­lehrt und un­ter­rich­tet.

Die grö­ße­re Her­aus­for­de­rung liegt wohl dar­in, die Vor­be­hal­te ge­gen Ve­rän­de­run­gen des An­la­ge­ver­hal­tens ab­zu­bau­en.

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