Ein zä­her Kli­ma­gip­fel oh­ne Fort­schrit­te

Um­welt­schutz. Zwei Wo­chen lang ver­han­del­ten knapp 200 Staa­ten auf dem UN-Kli­ma­gip­fel. Die Er­war­tun­gen wa­ren groß, am En­de ging man aber oh­ne kon­kre­te Er­geb­nis­se aus­ein­an­der.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - [ AFP]

„Zeit zu han­deln“, lau­te­te das Mot­to der Ma­dri­der Kli­ma­kon­fe­renz. Die Er­war­tun­gen wa­ren groß, nicht zu­letzt, weil die schwe­di­sche Ak­ti­vis­tin Gre­ta Thun­berg dem The­ma an Bri­sanz ver­lieh. Doch konn­ten sich die rund 200 Staa­ten auch nach zwei Wo­chen nicht auf ein Er­geb­nis ei­ni­gen.

Gre­ta Thun­berg, Har­ri­son Ford und Micha­el Bloom­berg. Sie al­le reis­ten in den ver­gan­ge­nen bei­den Wo­chen nach Ma­drid, um die Welt­ge­mein­schaft dar­an zu er­in­nern, dass es in Sa­chen Kli­ma­schutz we­der Kom­pro­mis­se noch Ab­stri­che ge­ben dür­fe. Nicht nur ih­re Ap­pel­le, son­dern auch die der Wis­sen­schaft­ler ver­hall­ten letzt­lich un­ge­hört. Denn der Ma­dri­der UN-Kli­ma­gip­fel ging am Sonn­tag oh­ne kon­kre­te Er­geb­nis­se zu En­de. Und das, ob­wohl die Kon­fe­renz in ei­ne über 40-stün­di­ge Ver­län­ge­rung ging.

Un­ter an­de­rem wur­de nun nur die Not­wen­dig­keit an­er­kannt, dass al­le Län­der ih­re na­tio­na­len Kli­ma­schutz­zie­le ver­schär­fen sol­len. Die Hoff­nung von Ent­wick­lungs­län­dern und In­sel­staa­ten auf ei­nen ei­ge­nen in­ter­na­tio­na­len Fonds zur Be­wäl­ti­gung von be­reits ein­tre­ten­den kli­ma­be­ding­ten Schä­den und Ver­lus­ten er­füll­te sich nicht. Die Idee ei­ner Öff­nung des be­reits be­ste­hen­den Grü­nen Kli­ma­fonds, der Gel­der für Kli­ma­schutz­maß­nah­men und für die An­pas­sung an die Er­der­wär­mung be­reit­stellt, blieb im Be­schluss­text va­ge.

Zu kei­ner Ei­ni­gung kam es bei der Aus­ge­stal­tung von Ar­ti­kel 6 des so­ge­nann­ten Re­gel­buchs von Pa­ris, das die kon­kre­te Um­set­zung des Kli­ma­ab­kom­mens be­schreibt. Schon im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te man die Ver­hand­lun­gen auf die dies­jäh­ri­ge Welt­kli­ma­kon­fe­renz ver­tagt, nun wird das The­ma den Gip­fel im kom­men­den Jahr in Glas­gow be­schäf­ti­gen.

Wich­ti­ger Punkt ver­scho­ben

Kon­kret geht es bei die­sem Punkt um die Fra­ge, über wel­che Mecha­nis­men Län­der ih­re CO2-Re­duk­ti­ons­zie­le au­ßer­halb der ei­ge­nen Lan­des­gren­zen er­fül­len dür­fen. Vie­len Län­dern ge­fällt die Idee, CO2-Ein­spa­run­gen an­de­rer Staa­ten auf­zu­kau­fen und sich so teu­re­re Kli­ma­schutz­maß­nah­men zu­hau­se zu er­spa­ren. So könn­te et­wa ein In­dus­trie­land ein So­lar­kraft­werk in ei­nem afri­ka­ni­schen Land fi­nan­zie­ren, um dort die Nut­zung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger zu ver­rin­gern, und sich die­se Emis­si­ons­ein­spa­rung dann an­rech­nen las­sen.

Be­son­ders um­strit­ten ist, ob un­ter dem Kyo­to-Pro­to­koll (der Vor­gän­ger von Pa­ris) ver­ge­be­ne Zer­ti­fi­ka­te nun wei­ter gel­ten sol­len. Dar­um kämpf­ten ins­be­son­de­re Bra­si­li­en, aber auch die USA, Aus­tra­li­en oder In­di­en. Die EU stemm­te sich je­doch da­ge­gen. Das al­te Sys­tem gilt nicht nur als an­fäl­lig für Be­trug, son­dern kann auch Dop­pel­zäh­lun­gen nicht ver­hin­dern. UN-Ge­ne­ral­se­kre­tär An­to­nio Gu­ter­res zeig­te sich je­den­falls ent­täuscht über die Er­geb­nis­se von Ma­drid: Die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft ha­be ei­ne wich­ti­ge Ge­le­gen­heit ver­strei­chen las­sen, mehr Ehr­geiz im Kampf ge­gen die Kli­ma­kri­se zu zei­gen, schrieb er via Twit­ter. „Aber wir dür­fen nicht auf­ge­ben. Und ich wer­de nicht auf­ge­ben.“

Die Um­welt­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen re­agier­ten fas­sungs­los an­ge­sichts des Re­sul­tats. „Der un­über­hör­ba­re mo­ra­li­sche Ap­pell ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on wur­de heu­te von den Mäch­ti­gen der Welt igno­riert“, ver­laut­bar­te Gre­en­peace in ei­ner Stel­lung­nah­me. Der WWF sprach von ei­ner „Ka­ta­stro­phe für das Kli­ma und ei­ner Bank­rott­er­klä­rung der Po­li­tik“. Die Welt­ge­mein­schaft schei­te­re der­zeit so­gar an Mi­ni­mal­kom­pro­mis­sen, „von am­bi­tio­nier­ten Maß­nah­men ganz zu schwei­gen.“An­ge­sichts des me­dia­len In­ter­es­ses war der Druck auf die Ver­hand­ler in die­sem Jahr be­son­ders groß. Vie­le hoff­ten, dass vom Tref­fen in Ma­drid ein kla­res Si­gnal aus­ge­hen wür­de.

Hof­fen auf Glas­gow

Nun muss sich die Welt bis zum kom­men­den Jahr ge­dul­den und auf den Gip­fel im No­vem­ber in Glas­gow war­ten. 2020 steht nicht nur ei­ne Über­ar­bei­tung der Re­duk­ti­ons­ver­pflich­tun­gen an, son­dern es tre­ten auch die Ver­ein­ba­run­gen des Pa­ri­ser Kli­ma­gip­fels aus dem Jahr 2015 in Kraft, die al­le Län­der zum Kli­ma­schutz ver­pflich­ten. „2020 müs­sen wir lie­fern, was die Wis­sen­schaft als Muss fest­ge­schrie­ben hat, oder wir und al­le fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen wer­den ei­nen un­er­träg­li­chen Preis zah­len“, mahnt Gu­ter­res. In Pa­ris hat man sich dar­auf ver­stän­digt, die Er­der­wär­mung auf deut­lich un­ter zwei Grad, mög­lichst aber 1,5 Grad, im Ver­gleich zum vor­in­dus­tri­el­len Zeit­al­ter zu be­gren­zen.

Macht die Staa­ten­ge­mein­schaft, trotz al­ler bis­her ge­tä­tig­ter Zu­sa­gen, so wei­ter wie bis­her, steu­ert die Welt je­doch auf ei­ne Er­der­wär­mung von mehr als drei Grad zu. (ag./nst)

[ AFP ]

Chi­les Um­welt­mi­nis­te­rin und Kon­fe­renz­vor­sit­zen­de Ca­ro­li­na Schmidt konn­te nichts Bahn­bre­chen­des ver­kün­den.

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