War­um wir un­se­re Au­tos län­ger fah­ren

Au­to­markt. Wer sein neu­es Au­to nicht nur fah­ren, son­dern in ein paar Jah­ren auch vor­teil­haft ver­kau­fen möch­te, soll­te sei­ne Kauf­ent­schei­dung sorg­fäl­tig ab­wä­gen. Die An­triebs­tech­nik spielt ei­ne grö­ße­re, aber auch schwer ab­schätz­ba­re Rol­le.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON TI­MO VÖL­KER

Um­brü­che in An­triebs­tech­nik er­schwe­ren Pro­gno­sen über Wie­der­ver­kaufs­wert.

„Wir kau­fen Ihr Au­to!“– das Kärt­chen, das in der Tür­dich­tung steckt und gna­den­vol­le Ab­nah­me ei­nes par­ken­den Schand­mals sug­ge­riert, kommt man­chem Au­to­be­sit­zer wie ei­ne dreis­te Be­lei­di­gung vor: Erst ei­ni­ge Mo­na­te ist der glän­zen­de Blech­schatz alt und da weist es ei­ner schon ins Aus­ge­din­ge?

Kei­ne Sor­ge: Die Kärt­chen ver­tei­len­den Ta­ge­löh­ner sind kei­ne Gut­ach­ter. Sie ma­chen kei­nen Un­ter­schied zwi­schen Rost­lau­be und Pre­zio­se, bei ih­nen – mehr noch beim Auf­trag­ge­ber – macht’s die Men­ge: Ir­gend­wer wird sich schon mel­den und zu ei­nem ver­mut­lich nicht all­zu vor­teil­haf­ten Deal hin­rei­ßen las­sen. Weil er gera­de kein Au­to, aber drin­gend die Krö­ten braucht.

Ver­lo­ckend be­wer­tet

Wo­hin die Au­tos in der Fol­ge ge­hen? Es heißt Afri­ka, weil dort auch Rost­lau­ben dank gnä­di­ger Zu­las­sungs­be­hör­den noch ein lan­ges Le­ben fris­ten kön­nen, auch Märk­te tief im Os­ten gel­ten als Ab­neh­mer. Dass das Ge­schäfts­mo­dell in­takt ist, da­von zeu­gen je­den­falls die läs­ti­gen Nach­rich­ten auf der Gas­se al­le paar Wo­chen.

Die mo­der­ne Va­ri­an­te heißt „wir­kau­fend­ein­au­to“und funk­tio­niert in­ter­net­ba­siert nach dem glei­chen Prin­zip. Auf der

Web­site des Un­ter­neh­mens, hin­ter dem ei­ne gro­ße, eu­ro­pa­weit tä­ti­ge deut­sche Grup­pe na­mens Au­to1 steht, kann man den Wert sei­nes Fahr­zeugs er­rech­nen las­sen. Geld ge­be es dann schnell und un­kom­pli­ziert. Nur halt sel­ten in der ver­lo­cken­den Hö­he, wie sie der On­li­ne­rech­ner als Be­wer­tung aus­spuckt: Be­schwer­den von „Kun­den“dre­hen sich pri­mär dar­um, dass der in Ver­hand­lun­gen vor Ort ge­bo­te­ne Kauf­preis stets ei­ni­ge Eta­gen dar­un­ter liegt.

The Art of the Deal

Auch bei die­sem Ge­schäfts­mo­dell macht’s wohl die Men­ge: Wenn man schon beim Ver­kau­fen ist und bis­lang nicht als gro­ßer Deal-Ma­ker ge­glänzt hat – bei Ge­braucht­wa­gen­händ­lern lernt man es eher nur auf die har­te Tour. Erst recht bei ei­nem, der mitt­ler­wei­le zu den größ­ten der Bran­che zählt.

„Dass der On­line­preis nicht rea­lis­tisch ist“, lässt das Un­ter­neh­men wis­sen, „kann so nicht ge­sagt wer­den, da der fi­na­le Ver­kaufs­preis ab­hän­gig von in­di­vi­du­el­len Fahr­zeug­fak­to­ren ist.“

In der Kris­tall­ku­gel

Der­lei Por­ta­le sind al­so mit Vor­sicht zu ge­nie­ßen. Doch auch, wenn man kei­ner­lei Ver­kaufs­ab­sich­ten hegt, kann man sich die Fra­ge stel­len: Wie viel wird mein Au­to in ein paar Jah­ren wert sein – zu­mal ich vi­el­leicht gera­de erst da­bei bin, ei­nes zu kau­fen?

Für die­se Be­rech­nung exis­tiert kein On­li­ne­rech­ner. Die Kris­tall­ku­gel ver­heißt auf je­den Fall schon ei­nes: Au­tos wer­den nicht bil­li­ger, auch wenn in Ös­ter­reich erst vor we­ni­gen Wo­chen ei­ne freund­li­che For­mel zur No­VA-Neu­be­rech­nung auf Schie­ne ge­bracht wor­den ist. Doch der Au­to­markt in fünf Jah­ren wird ein fun­da­men­tal an­de­rer sein als vor fünf Jah­ren. Wir blen­den zu­rück. Es war erst 2015, als der Die­selskan­dal ein­schlug und die­ser grund­sätz­lich ge­nüg­sa­men Gat­tung von Mo­to­ren – auf dem Höchst­stand ih­rer Be­liebt­heit – so­wohl Image als auch Wie­der­ver­kaufs­wert kos­te­te.

Elek­tro­au­tos wa­ren ein Fall für Sek­tie­rer. Das Hy­bridthe­ma be­setz­te To­yo­ta mit dem Pri­us na­he­zu al­lein. Und die den Au­to­her­stel­lern an­ge­droh­te Ober­gren­ze für den Flot­ten­ver­brauch von 95 Gramm CO2 (In­dus­trie­durch­schnitt heu­te: un­ge­fähr 130 Gramm) schien weit ent­fernt. Nun tritt sie im nächs­ten Jahr in Kraft und sie wird ei­ni­ge Her­stel­ler viel Geld kos­ten. Wie das so ist, wird das letzt­lich der Käu­fer be­rap­pen müs­sen. Auch ein zu­sätz­li­cher E-Mo­tor an Bord, der hilft, den Ver­brauch ab­zu­sen­ken, kommt nicht um­sonst. Doch das Pri­vi­leg der Plug-in-Hy­bri­den mit ih­rem Norm­ver­brauch von durch­wegs un­ter 50 g CO2, auch wenn es in der Rea­li­tät ein Viel­fa­ches be­tra­gen kann, wird ver­mut­lich nicht bis 2025 hal­ten. E-Au­tos las­sen einst­wei­len kei­nen ho­hen Wie­der­ver­kaufs­wert er­war­ten: Die An­schaf­fungs­kos­ten sind hoch, die Tech­no­lo­gie schrei­tet vor­an, und wie lan­ge Ak­kus denn wirk­lich hal­ten, das ist noch ein klei­nes Mys­te­ri­um.

Viel Ri­si­ko lässt sich frei­lich ab­lei­ten, wenn man auf Lea­sing setzt. Aber nur ei­ne Min­der­heit der Pri­vat­käu­fer im Land tut das heu­te. Das wahr­schein­lichs­te Sze­na­rio ist, dass Au­tos schlicht we­sent­lich län­ger ge­hal­ten wer­den als bis­her. Bei al­len ver­lo­cken­den De­als.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.