„Das wä­re der An­fang vom En­de des Bin­nen­markts“

Po­len. Die na­tio­nal­au­to­ri­tä­re Re­gie­rung will den Ge­richts­hof der EU au­ßer Kraft set­zen.

Die Presse - - EUROPÄISCH­E UNION -

Die neue Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on steht nach zwei Wo­chen Amts­zeit vor ei­ner Na­gel­pro­be: Wie wird sie ver­hin­dern, dass Po­len die Gel­tung des Eu­ro­pa­rechts mit­hil­fe von po­li­tisch lan­cier­ten Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men ge­gen un­ab­hän­gi­ge Rich­ter au­ßer Kraft setzt? Denn ge­nau dar­auf zielt je­ne Ge­set­zes­vor­la­ge ab, wel­che die na­tio­nal­au­to­ri­tä­re Re­gie­rungs­par­tei PiS am vo­ri­gen Don­ners­tag im pol­ni­schen Par­la­ment, dem Se­jm, ein­ge­bracht hat. Soll­te die­ser Ent­wurf Ge­setz wer­den, wür­de je­der pol­ni­sche Rich­ter Amts­miss­brauch be­ge­hen, der ein Ur­teil des Ge­richts­hofs der EU (EuGH) in Lu­xem­burg um­setzt, das nach An­sicht des po­li­tisch gleich ge­schal­te­ten pol­ni­schen Ver­fas­sungs­tri­bu­nals der pol­ni­schen Ver­fas­sung wi­der­spricht. Ver­ein­facht ge­sagt soll al­so der ab­so­lu­te Vor­rang des Eu­ro­pa­rechts in Po­len nicht mehr gel­ten, wenn es der Re­gie­rung un­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­teusz Mora­wi­ecki po­li­tisch nicht ge­fällt. Die­ser Grund­satz der Uni­on, wel­cher seit dem Jahr 1964 und dem da­ma­li­gen Ur­teil des EuGH in der Sa­che Cos­ta/ Enel gilt und ei­ner der Grund­pfei­ler des Bin­nen­markts ist, wür­de so­mit im fünft­größ­ten Mit­glied­staat au­ßer Kraft tre­ten.

Das hät­te schwers­te Aus­wir­kun­gen für al­le an­de­ren Mit­glied­staa­ten der EU, warnt der Eu­ro­pa­rechts­pro­fes­sor Lau­rent Pech von der Midd­lesex Uni­ver­si­ty London im Ge­spräch mit der „Pres­se“. Denn Ge­rich­te in an­de­ren EU-Staa­ten wür­den pol­ni­sche Ur­tei­le nicht mehr an­er­ken­nen. „Das wä­re der An­fang vom En­de des Bin­nen­markts. Die Kom­mis­si­on muss jetzt einst­wei­li­ge An­ord­nun­gen be­an­tra­gen. Sie darf nicht war­ten, denn schon jetzt wer­den Rich­ter von der Re­gie­rung sank­tio­niert.“

Recht­lich wä­re das ein­fach – und die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on hat das im vo­ri­gen Jahr schon ein­mal ge­gen­über Po­len ge­tan. Im Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren we­gen der po­li­tisch mo­ti­vier­ten, rück­wir­ken­den Än­de­rung des Pen­si­ons­al­ters für Höchst­rich­ter (de­ren Ziel es war, po­li­tisch miss­lie­bi­ge Rich­ter los­zu­wer­den) be­an­trag­te die Kom­mis­si­on beim EuGH, Po­len die An­wen­dung die­ses Ge­set­zes zu ver­bie­ten, bis er sein Ur­teil ge­fällt hat. Die­se Maß­nah­me war gold­rich­tig: Am 24. Ju­ni ur­teil­te der EuGH, dass die­ses Ge­setz eu­ro­pa­rechts­wid­rig ist.

Po­li­tisch je­doch ist die Sa­che we­sent­lich heik­ler. Wäh­rend ihr Vor­gän­ger, Je­an-Clau­de Juncker, und vor al­lem des­sen Vi­ze­prä­si­dent, Frans Tim­mer­m­ans, den Kon­flikt mit War­schau nicht scheu­ten, hat Ur­su­la von der Ley­en, die neue Kom­mis­si­ons­vor­sit­zen­de, von An­fang an die De­vi­se aus­ge­ge­ben: kei­ne neu­en Kon­flik­te zwi­schen Brüs­sel und ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten, be­ste­hen­de Strei­tig­kei­ten nach Mög­lich­keit güt­lich bei­le­gen. Ge­ne­rell sei kein Mit­glied­staat per­fekt, was den Schutz des Rechts­staa­tes be­trifft.

Zwar er­klärt von der Ley­en stets, dass es bei der Rechts­staat­lich­keit kei­ne Kom­pro­mis­se ge­ben kön­ne und sie nicht ver­han­del­bar sei. Doch zu­gleich wä­re es ih­rem Pres­ti­ge­pro­jekt – dem „Grü­nen De­al für Eu­ro­pa“– nicht dien­lich, gleich zu Be­ginn ih­rer Amts­zeit aus­ge­rech­net mit je­nem Mit­glied­staat in Streit zu ge­ra­ten, der ers­tens ei­ner der größ­ten Treib­haus­gas­e­mit­ten­ten ist und sich zwei­tens vo­ri­gen Don­ners­tag beim Eu­ro­päi­schen Rat aus­be­dun­gen hat, erst im Ju­ni 2020 zu ent­schei­den, ob und wenn ja, in wel­chem Aus­maß es an die­ser Ökowen­de teil­nimmt.

Droht da gar ein Quid pro quo: Po­len macht beim Grü­nen De­al mit, da­für nimmt die Kom­mis­si­on den Druck in Sa­chen Rechts­staat­lich­keit zu­rück? Am Mon­tag ver­nein­te ei­ne Spre­che­rin von der Ley­ens das Ri­si­ko ei­ner sol­chen po­li­ti­schen Er­pres­sung: „Das sind zwei The­men, die nichts mit­ein­an­der zu tun ha­ben.“Die Kom­mis­si­on prü­fe die Ge­set­zes­vor­la­ge und zie­he „al­le Op­tio­nen in Be­tracht.“

Wie ernst die La­ge ist, zeigt ein am Mon­tag ver­öf­fent­lich­ter Be­richt des Eu­ro­pa­rats, kon­kret: des­sen Staa­ten­grup­pe ge­gen Kor­rup­ti­on. Sie sei „der fes­ten Mei­nung, dass schon al­lein der Ein­druck, wo­nach Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ge­gen Rich­ter als Form der po­li­ti­schen Kon­trol­le ein­ge­setzt wer­den, um je­den Preis ver­mie­den wer­den muss.“

Eu­ro­pa­recht­ler Pech ist alar­miert: „So ei­nen Fron­tal­an­griff auf die Au­to­ri­tät des EuGH ha­be ich noch nie er­lebt.“Das Ver­fah­ren nach Ar­ti­kel 7 des EU-Ver­trags we­gen des sys­te­ma­ti­schen An­griffs auf die Grund­wer­te der EU sei der pol­ni­schen Re­gie­rung „of­fen­kun­dig wirk­lich egal. Sie muss glau­ben, po­li­ti­sche De­ckung in der Kom­mis­si­on zu ge­nie­ßen.“

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