Die teu­re Raum­fahrt des Kreml

Russ­land. Ro­skos­mos-Chef Ro­gos­in muss­te wie­der ein­mal Ver­spä­tun­gen bei Pro­jek­ten und Kos­ten­ex­plo­sio­nen be­kannt ge­ben. Den­noch will Mos­kau ei­nen ei­ge­nen Zu­gang zum All.

Die Presse - - WELTJOURNA­L -

Dmi­trij Ro­gos­in ist ein Mann, der sich nicht mit ir­di­schen Klei­nig­kei­ten ab­gibt. Wenn der Chef der staat­li­chen rus­si­schen Raum­fahrt­agen­tur Ro­skos­mos Plä­ne hat, dann ge­hen sie hoch hin­aus: bis zum Mond. Min­des­tens. Am Mon­tag hat­te er wie­der ein­mal Ge­le­gen­heit, von ih­nen zu er­zäh­len. Der An­lass: 8000 Ki­lo­me­ter öst­lich von Mos­kau, auf dem rus­si­schen Welt­raum­bahn­hof Wos­tot­sch­nij, wur­de mit dem Bau ei­ner Start­ram­pe für An­ga­ra-Ra­ke­ten be­gon­nen.

Die An­ga­ra, be­nannt nach ei­nem si­bi­ri­schen Fluss, ist ei­ne Trä­ger­ra­ke­te voll­stän­dig russischer Bau­art. Die Groß­ra­ke­te der Klas­se A5 ist für Schwer­las­ten ge­eig­net, auch für die be­mann­te Raum­fahrt. Sie soll erst­mals in der zwei­ten Jah­res­hälf­te 2023 vom Kos­modrom star­ten. „Die Dead­line für den Bau ist sehr knapp“, schick­te Ro­gos­in vor­aus.

Das hört sich be­kannt an. Denn das Pro­blem der rus­si­schen Raum­fahrt ist schnell er­klärt: An hoch­tra­ben­den Plä­nen man­gelt es nicht. Als schwie­ri­ger er­weist sich ih­re Um­set­zung. Auch ges­tern muss­te Ro­gos­in wie schon mehr­fach Ver­schie­bun­gen an­kün­di­gen. Die In­ter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­te Sar­mat, die ei­gent­lich die­ses Jahr ge­tes­tet wer­den soll­te, wer­de „bald“star­ten, sag­te er.

Knapp wird auch das Geld: Für das in Ent­wick­lung be­find­li­che Raum­schiff Or­jol (auch be­kannt als Fe­der­a­ci­ja) hat Ro­skos­mos wei­te­re 18 Mil­li­ar­den Ru­bel be­an­tragt, knapp 260 Mil­lio­nen Eu­ro. Or­jol soll bis zum Mond flie­gen kön­nen – zu­nächst un­be­mannt, spä­ter auch be­mannt.

Der Mond ist ei­ne fi­xe Idee von Ro­gos­in, ei­nem al­ten Ver­trau­ten von Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin: Bis spä­tes­tens 2030 möch­te Russ­land Kos­mo­nau­ten dort­hin schi­cken. Mos­kau hat mit dem Bau ei­nes ei­ge­nen Welt­raum­bahn­hofs klar­ge­macht, dass es ei­nen ei­ge­nen und lang­fris­ti­gen Zu­gang zum Kos­mos ha­ben will. Bis­her wa­ren die Rus­sen vom Good­will Ka­sachs­tans ab­hän­gig, denn dort be­fin­det sich der Welt­raum­bahn­hof Bai­ko­nur aus so­wje­ti­scher Zeit. Doch mit der Er­öff­nung von Wos­tot­sch­nij 2016 hat man sich neue Pro­ble­me ein­ge­han­delt. Das „wich­tigs­te Bau­pro­jekt mit na­tio­na­ler Be­deu­tung“(Pu­tin) wird noch jah­re­lang ei­ne Bau­stel­le blei­ben; die nächs­te Aus­bau­stu­fe dau­ert bis 2028. Ro­gos­in warn­te ges­tern da­vor, dass In­fra­struk­tur be­reits wie­der ver­fal­len kön­ne, wenn man nicht Tem­po ma­che. Gleich­zei­tig stellt sich die Fra­ge der Ren­ta­bi­li­tät des Rie­sen­pro­jekts. Sei­ne Kos­ten wur­den zu­nächst mit um­ge­rech­net zwei Mil­li­ar­den Eu­ro an­ge­ge­ben. Mitt­ler­wei­le wer­den mehr als vier Mil­li­ar­den Eu­ro ver­an­schlagt.

Der Welt­raum­bahn­hof ist kei­ne Ein­rich­tung des rus­si­schen Mi­li­tärs, son­dern soll auch die kom­mer­zi­el­le Raum­fahrt be­die­nen – et­wa für den Trans­port von Sa­tel­li­ten in die Erd­um­lauf­bahn. Doch gera­de in die­sem Be­reich ma­chen pri­va­te An­bie­ter wie SpaceX aus den USA dem staat­li­chen rus­si­schen Pro­jekt Kon­kur­renz. Un­längst rief Kreml-Chef Pu­tin aus­län­di­sche Geld­ge­ber auf, in die rus­si­schen Welt­raum­plä­ne zu in­ves­tie­ren. Ro­gos­in sag­te, bis En­de 2019 wer­de man 25 zi­vi­le Ra­ke­ten ge­star­tet ha­ben. Geld ver­die­nen möch­te der Ro­skos­mos-Chef auch mit dem Trans­port von Fracht im Welt­raum. Man pla­ne ei­ne Art „Kos­mos-Lift“für rus­si­sche und in­ter­na­tio­na­le La­dun­gen auf den Mond, sag­te er. Das soll die Kos­ten für das Mond­pro­gramm teil­wei­se de­cken.

Wäh­rend der Ro­skos­mos-Chef al­so al­ter­na­ti­ve Ein­nah­me­quel­len sucht, exis­tiert noch ein an­de­res, viel dra­ma­ti­sche­res Bud­get­loch. Denn aus dem Pro­jekt sind et­wa 156 Mil­lio­nen Eu­ro ver­schwun­den – ab­ge­zweigt von kor­rup­ten Ma­na­gern. Ma­te­ri­al­kos­ten und Ar­beits­kos­ten wur­den künst­lich in die Hö­he ge­trie­ben, Schein­ge­schäf­te mit Zu­lie­fer­fir­men ge­schlos­sen, min­der­wer­ti­ge Ma­te­ria­li­en für den Bau ver­wen­det. Die Jus­tiz­be­hör­den ha­ben mehr als 120 Straf­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. 58 Be­am­te wur­den bis­her ver­ur­teilt.

Ro­gos­in ist for­mal nicht da­für ver­ant­wort­lich, da er erst im Mai 2018 sei­nen Job an­trat. Laut Ent­hül­lun­gen des Op­po­si­tio­nel­len Ale­xej Na­wal­ny scheint al­ler­dings auch er es mit dem Con­trol­ling nicht so ge­nau zu neh­men. Dar­auf deu­ten Au­tos und Grund­stü­cke, de­ren Wert sein of­fi­zi­el­les Ro­skos­mos-Ge­halt weit über­schrei­tet. Ir­di­sche Klei­nig­kei­ten, wür­de Ro­gos­in wohl sa­gen.

[ Reu­ters]

Er­folg­rei­cher Start. Ei­ne So­jus-2-Trä­ger­ra­ke­te hob 2017 vom Welt­raum­bahn­hof Wos­tot­sch­nij ab.

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