Grip­pe: Schu­le schließt

Inns­bruck. In ei­ner Volks­schu­le in der An­ger­gas­se er­krank­ten 150 der ins­ge­samt 250 Schü­ler.

Die Presse - - ÖSTERREICH -

Der ent­schei­den­de Satz in dem Schrei­ben, das der „Pres­se“vor­liegt, lau­tet: „Die Mög­lich­keit der Füh­rung des Trau­ma­zen­trumWi­en-Stand­orts Lo­renz-Böh­ler als Zen­trum für am­bu­lan­te Erst­ver­sor­gung (ZAE) im Zu­sam­men­hang mit ei­ner en­gen Ko­ope­ra­ti­on im Sta­tio­när­be­reich mit dem KAV wird ge­prüft.“Zu­vor heißt es noch: „Die AUVA/Trau­ma­zen­trum Wi­en und die Ge­mein­de Wi­en/KAV stre­ben ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit an. Ziel ist die Ent­wick­lung ei­nes Traumanetz­werk­ver­bunds un­ter ab­ge­stimm­ter Nut­zung der Res­sour­cen und Sy­ner­gi­en von AUVA und KAV für ei­ne trau­ma­to­lo­gisch und wirt­schaft­lich op­ti­ma­le Ver­sor­gung der Pa­ti­en­ten.“

Zu die­sem Zweck sol­len der Stand­ort Meid­ling und das SMZ Süd „en­ger zu­sam­men­ar­bei­ten“, vor al­lem in den Be­rei­chen Trau­ma­to­lo­gie, Chir­ur­gie, In­ne­re Me­di­zin, HNO, Uro­lo­gie, Blut­ma­nage­ment, La­bor, Pa­tho­lo­gie so­wie in der Aus­bil­dung in den Be­rei­chen Anäs­the­sio­lo­gie und Ra­dio­lo­gie.

Für Heinz Bren­ner, Un­fall­chir­urg am Lo­renz Böh­ler und stell­ver­tre­ten­der Fach­grup­pen­ob­mann der Wie­ner Ärz­te­kam­mer, lässt die­se An­kün­di­gung kei­nen an­de­ren Schluss zu als die kom­plet­te Zer­schla­gung und Schlie­ßung des Un­fall­kran­ken­hau­ses.

Be­reits in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten sei die­ser Schritt mit ei­ner Ver­la­ge­rung von Ka­pa­zi­tä­ten in den Stand­ort Meid­ling vor­be­rei­tet wor­den. So ha­be man et­wa meh­re­re Anäs­the­sis­ten auf­ge­for­dert, nach Meid­ling zu wech­seln. Da­her könn­ten vie­le Ope­ra­tio­nen im Böh­ler mit mas­si­ver Ver­spä­tung oder gar nicht mehr durch­ge­führt wer­den. „Wir müs­sen so­gar Pa­ti­en­ten am Ein­gang ab­wei­sen“, sagt Bren­ner. Die „Be­schwich­ti­gungs­ver­su­che“der AUVA-Lei­tung seit dem Ver­sen­den des E-Mails (am Tag der Weih­nachts­fei­er) neh­me nie­mand mehr ernst.

Auf Nach­fra­ge teilt die Spre­che­rin der AUVA schrift­lich mit, dass man „erst in Ge­sprä­chen mit dem KAV sei, um ei­ne en­ge­re Ko­ope­ra­ti­on zu prü­fen“. Dar­über hin­aus will sie kei­ne Fra­gen be­ant­wor­ten – et­wa die Fra­ge, was mit „Zen­trum für am­bu­lan­te Erst­ver­sor­gung“und „Traumanetz­werk­ver­bund“ge­meint ist, was das für die Mit­ar­bei­ter im Lo­renz Böh­ler be­deu­tet und ob ei­ne Schlie­ßung be­vor­steht.

In der Be­leg­schaft herr­schen Un­si­cher­heit und Pa­nik. Im Ge­spräch mit der „Pres­se“äu­ßern meh­re­re Ärz­te die Be­fürch­tung, dass das Böh­ler, wie es ein Chir­urg nennt, „of­fen­sicht­lich her­un­ter­ge­fah­ren und ge­schlos­sen wer­den soll“.

Selbst wenn das Kran­ken­haus nicht schlie­ßen soll­te, wür­den durch die Aus­la­ge­run­gen über Jah­re er­ar­bei­te­te Kom­pe­ten­zen wie et­wa in der Hand- und Re­kon­struk­ti­ons­chir­ur­gie ver­lo­ren ge­hen. Da­von sei­en nicht nur die Pa­ti­en­ten be­trof­fen, son­dern auch jun­ge Ärz­te, de­nen Aus­bil­dungs­mög­lich­kei­ten ge­nom­men wür­den.

Für Ärz­te­kam­mer­prä­si­dent Tho­mas Sze­ke­res sind Initia­ti­ven, „um Res­sour­cen und Ex­per­ti­se bes­ser zu bün­deln“, zwar grund­sätz­lich zu be­grü­ßen, aber ent­schei­dend sei, dass die Ka­pa­zi­tä­ten nicht her­un­ter­ge­fah­ren wer­den. „Die AUVA deckt 50 Pro­zent der un­fall­chir­ur­gi­schen Ver­sor­gung in Wi­en ab. Die­ser ho­he Stan­dard muss ge­währ­leis­tet blei­ben und aus­ge­baut wer­den.“

Das Böh­ler ver­sorgt ein Vier­tel der Wie­ner Be­völ­ke­rung – wie auch das Spi­tal Meid­ling. Bei­de Häu­ser wer­den von der AUVA be­trie­ben und sind die ein­zi­gen Un­fall­kran­ken­häu­ser (mit rund 140.000 Pa­ti­en­ten pro Jahr) in Wi­en. Das Böh­ler ist vor al­lem be­kannt für sei­nen per­fekt aus­ge­stat­te­ten Schock­raum, der der Erst­ver­sor­gung von Schwerst­ver­letz­ten dient – hier wird dia­gnos­ti­ziert und ope­riert zu­gleich. Wer ei­nen le­bens­ge­fähr­li­chen Un­fall hat, an­ge­schos­sen oder mit dem Mes­ser at­ta­ckiert wird, lan­det zu­meist im Böh­ler.

Die AUVA ist die größ­te So­zi­al­ver­si­che­rung Ös­ter­reichs. Rund fünf Mil­lio­nen Men­schen sind hier ver­si­chert. In sie­ben Un­fall­kran­ken­häu­sern und vier Re­ha-Ein­rich­tun­gen wer­den Ver­letz­te vor al­lem nach Ar­beits­un­fäl­len be­han­delt. Ver­si­chert sind selbst­stän­dig und un­selbst­stän­dig Er­werbs­tä­ti­ge, Kin­der und Stu­den­ten. Die AUVA wird im We­sent­li­chen über Di­enst­ge­ber­bei­trä­ge fi­nan­ziert, der von Un­ter­neh­mern zu leis­ten­de Un­fall­ver­si­che­rungs­bei­trag wur­de zu­letzt im Jän­ner 2019 von 1,3 Pro­zent auf 1,2 Pro­zent ge­senkt.

Weil 150 der 250 Kin­der der Volks­schu­le An­ger­gas­se in Inns­bruck an Grip­pe er­krankt sind, ist die Schu­le am Mon­tag ge­schlos­sen wor­den. Die Lan­des­sa­ni­täts­di­rek­ti­on ha­be aus me­di­zi­ni­schen Grün­den schul­frei für fünf Ta­ge, al­so bis Frei­tag (da­nach sind Weih­nachts­fe­ri­en), emp­foh­len, teil­te das Land mit.

Be­reits ver­gan­ge­ne Wo­che hat­te die Volks­schu­le Igls aus dem­sel­ben Grund ge­schlos­sen wer­den müs­sen. In Igls, ein Stadt­teil von Inns­bruck am Pat­scherk­ofel, wa­ren 67 der 119 Schü­ler so­wie meh­re­re Leh­rer an Grip­pe er­krankt. Erst am Mitt­woch soll an die­ser Volks­schu­le wie­der Un­ter­richt statt­fin­den.

Imp­fen sei auch jetzt noch sinn­voll, sagt Ani­ta Luck­nerHor­ni­scher von der Lan­des­sa­ni­täts­di­rek­ti­on. „Wir stel­len fest, dass ei­ne Grip­pe­wel­le im An­rol­len ist, die auch Aus­wir­kun­gen auf den Schul­be­trieb wie bei­spiels­wei­se an den Volks­schu­len Igls und An­ger­gas­se ha­ben kann.“Wer an In­flu­en­za er­krankt, soll un­be­dingt zu Hau­se blei­ben und sich or­dent­lich aus­ku­rie­ren, be­tont Luck­nerHor­ni­scher.

Zur Vor­beu­gung wird ne­ben der Imp­fung emp­foh­len, sich mehr­mals am Tag die Hän­de zu wa­schen (min­des­tens 20 Se­kun­den mit Sei­fe un­ter lau­fen­dem Was­ser) und nicht in den Mund (et­wa beim Um­blät­tern) oder ins Au­ge zu fas­sen.

Die Grip­pe wird durch In­flu­en­za­vi­ren aus­ge­löst und bricht plötz­lich aus. Die Sym­pto­me sind Schüt­tel­frost, ho­hes Fie­ber, Glie­der­schmer­zen, Hus­ten, ex­tre­me Ab­ge­schla­gen­heit, aber kein Schnup­fen. Der grip­pa­le In­fekt hin­ge­gen wird zu­meist durch Rhi­no­vi­ren, Ade­no­vi­ren und das RSV (Re­spi­ra­to­ry-Syn­cy­ti­al-Vi­rus) aus­ge­löst, wo­bei die Krank­heit schlei­chend be­ginnt und mit Schnup­fen, Hals­schmer­zen und ein biss­chen Fie­ber ein­her­geht. Man kann zwar bei­des gleich­zei­tig ha­ben, zu­meist hat man aber das ei­ne oder an­de­re. So­wohl die Grip­pe als auch der grip­pa­le In­fekt wer­den durch Tröpf­chen­in­fek­ti­on über­tra­gen.

Um vor al­lem die Ver­sor­gung von Kin­dern zu ge­währ­leis­ten und lan­ge War­te­zei­ten zu ver­mei­den, hat der Kran­ken­an­stal­ten­ver­bund in Wi­en ei­nen Stu­fen­plan aus­ge­ar­bei­tet, im Zu­ge des­sen ei­ni­ge Sta­tio­nen in Spi­tä­lern für Grip­pe­pa­ti­en­ten re­ser­viert sind. (red.)

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