Das tur­ki­sche Li­by­en-Aben­teu­er

Ana­ly­se. Prä­si­dent Er­do˘gan plant Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on, um den Vor­stoß des Re­bel­len­ge­ne­rals Haftar auf Tri­po­lis zu stop­pen. Ein Clash mit Russ­land ist pro­gram­miert.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten THO­MAS SEI­BERT

Of­fi­zi­ell gilt für Li­by­en ein UN-Waf­fen­em­bar­go – tat­säch­lich aber wird das nord­afri­ka­ni­sche Land im­mer mehr zum Schau­platz ei­nes in­ter­na­tio­na­len mi­li­tä­ri­schen Kon­flikts. Am Him­mel sind Droh­nen aus der Tür­kei, Ita­li­en, den USA, Frank­reich und Russ­land im Ein­satz. En­de No­vem­ber zer­stör­ten rus­si­sche Ge­schos­se nach US-An­ga­ben ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Be­ob­ach­tungs­droh­ne in der Nä­he der Haupt­stadt Tri­po­lis. Auf dem Bo­den wer­den rus­si­sche Söld­ner, tür­ki­sche Mi­li­tär­fahr­zeu­ge und jor­da­ni­sche Mi­li­tär­aus­bil­der auf­ge­bo­ten. Nun könn­te sich der Kon­flikt noch er­heb­lich aus­wei­ten.

Die tür­ki­sche Re­gie­rung er­wägt, Bo­den­trup­pen nach Li­by­en zu ent­sen­den, um der in­ter­na­tio­nal an­er­kann­ten Re­gie­rung in Tri­po­lis ge­gen den An­griff des Re­bel­len­ge­ne­rals Kha­li­fa Haftar zu hel­fen. Die re­gie­rungs­treue Zei­tung „Takvim“mel­de­te am Mon­tag, die tür­ki­sche Ar­mee hal­te schon Lan­dungs­schif­fe für den Trup­pen­trans­port nach Li­by­en be­reit. Ge­dacht wer­de an ei­ne Ent­sen­dung von

Eli­te­trup­pen mit Pan­zern, ge­pan­zer­ten Fahr­zeu­gen und Droh­nen.

Die Tür­ken könn­ten da­bei auf rus­si­sche Kämp­fer tref­fen, die auf Haft­ars Sei­te ste­hen. Acht Jah­re nach dem Sturz von Dik­ta­tor Mu­am­mar al-Gad­da­fi droht in Li­by­en ei­ne Es­ka­la­ti­on mit mög­li­chen Aus­wir­kun­gen bis nach Eu­ro­pa und Sy­ri­en. Die Tür­kei ist in Sy­ri­en auf das Wohl­wol­len des Kreml an­ge­wie­sen. Er­dog˘an ver­such­te des­halb vo­ri­ge Wo­che in ei­nem Te­le­fo­nat mit dem rus­si­schen Prä­si­den­ten, Wla­di­mir Pu­tin, Mos­kau von der Par­tei­nah­me für Haftar ab­zu­brin­gen, of­fen­bar oh­ne Er­folg. Das The­ma Li­by­en dürf­te bei ei­nem Tür­kei-Be­such von Pu­tin am 8. Jän­ner ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len.

Stell­ver­tre­ter­krieg um Ein­fluss und Öl

In Li­by­en be­kämp­fen sich zwei Re­gie­run­gen – die in­ter­na­tio­nal an­er­kann­te Füh­rung un­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent Fay­ez al-Sar­raj im Wes­ten des Lan­des um Tri­po­lis und ei­ne Ge­gen­re­gie­rung im Os­ten, in der Ge­ne­ral Haftar der star­ke Mann ist. Haftar ver­dammt die Sar­raj-Re­gie­rung als Is­la­mis­ten­trup­pe, wäh

rend Sar­raj sei­nen Geg­ner Haftar als Ver­bre­cher be­zeich­net.

Um die­se La­ger ha­ben sich ri­va­li­sie­ren­de in­ter­na­tio­na­le Grup­pen ge­bil­det. Der Öl­reich­tum Li­by­ens lockt vie­le In­ter­es­sen­ten. Russ­land, Frank­reich, Ägyp­ten, Sau­di­ara­bi­en und die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te ste­hen hin­ter Haftar. Die USA ha­ben im Früh­jahr zu­nächst Haft­ars An­griff auf Tri­po­lis gut­ge­hei­ßen, for­dern in­zwi­schen je­doch ein En­de der Of­fen­si­ve und der rus­si­schen Ein­mi­schung. Die Tür­kei und Ka­tar un­ter­stüt­zen die Re­gie­rung von Sar­raj, der in den ver­gan­ge­nen Wo­chen zwei­mal die Tür­kei be­such­te, zu­letzt am Sonn­tag.

Der Pre­mier braucht drin­gend Hil­fe. Haft­ars Atta­cke auf Tri­po­lis steck­te mo­na­te­lang in den Vo­r­or­ten der Haupt­stadt fest, was un­ter an­de­rem an der tür­ki­schen Mi­li­tär­hil­fe für die mit Sar­raj ver­bün­de­ten Mi­li­zen lag. Am Don­ners­tag ver­kün­de­te Haftar ei­nen Schluss­an­griff; an­geb­lich er­hielt er fri­sche Ver­stär­kung durch rund 100 rus­si­sche Söld­ner und mo­der­ne rus­si­sche Ge­schos­se.

Um Haft­ars Durch­marsch zu ver­hin­dern, wand­te sich Sar­raj an die Tür­kei. An­ka­ra sag­te Hil­fe zu, ver­lang­te aber ei­ne Ge­gen­leis­tung: die li­by­sche Zu­stim­mung zu ei­nem Ab­kom­men, das An­ka­ras Po­si­ti­on im Streit um Gas­vor­kom­men im öst­li­chen Mit­tel­meer stützt. Das tür­ki­sche Par­la­ment soll den Ver­trag mit Li­by­en am Mitt­woch ra­ti­fi­zie­ren.

Mer­kel plant Frie­dens­kon­fe­renz

Ei­ne neue Es­ka­la­ti­on in Li­by­en könn­te Fol­gen für die EU ha­ben. Deutsch­land plant für Jän­ner ei­ne Frie­dens­kon­fe­renz, auch um den Flücht­lings­strom nach Sü­d­eu­ro­pa zu stop­pen. Die EU zieht nicht an ei­nem Strang in Li­by­en: Frank­reich und Ita­li­en ver­fol­gen ge­gen­sätz­li­che In­ter­es­sen im Wüs­ten­staat.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ver­sucht des­halb der­zeit vor al­lem, die EU zu­sam­men­zu­hal­ten. Jüngst rief sie ge­mein­sam mit Frank­reichs Prä­si­dent, Em­ma­nu­el Ma­cron, und dem ita­lie­ni­schen Re­gie­rungs­chef, Gi­u­sep­pe Con­te, die Kon­flikt­par­tei­en in Li­by­en zur Dee­s­ka­la­ti­on auf. Dass Pu­tin und Er­dog˘an dar­auf hö­ren, ist un­wahr­schein­lich.

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