„Eu­ro­pa wird wei­ter als Sün­den­bock her­hal­ten“

Groß­bri­tan­ni­en. Po­li­to­lo­ge Da­vid Bell über Bo­ris John­sons Zie­le als Pre­mier­mi­nis­ter und das Ver­sa­gen der Op­po­si­ti­on.

Die Presse - - AUSLAND - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten GA­B­RI­EL RATH

Die Pres­se: Bo­ris John­son hat be­wie­sen, dass er gut in Kam­pa­gnen ist. Wird er auch gut im Re­gie­ren sein?

Da­vid Bell: Re­gie­ren heißt, Din­ge er­le­di­gen und nicht, sich zu in­sze­nie­ren. John­son macht viel Lärm, aber es gibt kei­nen Grund, ihm Ver­trau­en zu schen­ken. Selbst als Bür­ger­meis­ter von Lon­don hat er we­nig vor­zu­wei­sen, und es gab je­de Men­ge Stüm­pe­rei. Er hat gna­den­los de­le­giert, und das könn­te auch der künf­ti­ge Re­gie­rungs­stil sein.

Vie­le spre­chen da­von, dass er mit sei­ner gro­ßen Mehr­heit nun den Frei­raum hat, sein wah­res li­be­ra­les In­ne­res wie­der­zu­ent­de­cken und je­ner John­son re­gie­ren wird, der einst Ein­wan­de­rung aus­drück­lich be­grüßt hat­te. Se­hen Sie ei­ne

Mög­lich­keit da­für?

Mei­ner Mei­nung nach ist John­son ei­ne lee­re Hül­se – ein Po­li­ti­ker, der mit dem Strom schwimmt. In an­de­ren Wor­ten: ein Wen­de­hals. Das Pro­blem ist, dass es zwei Sei­ten in der Ko­ali­ti­on gibt, die nun die Kon­ser­va­ti­ven un­ter­stüt­zen: ei­ner­seits die neu­en Ab­ge­ord­ne­ten, die mehr Staats­aus­ga­ben, Re­gu­lie­rung, Pro­tek­tio­nis­mus und ein En­de der Spar­po­li­tik wol­len, um da­mit den Nie­der­gang ih­rer Wahl­krei­se zu stop­pen. Ih­nen ge­gen­über ste­hen die An­hän­ger des li­be­ra­len Frei­han­dels, die jetzt die Ge­le­gen­heit se­hen, ein „Sin­ga­po­re-on-Tha­mes“zu schaf­fen. Bei­de Grup­pen ste­hen für den Br­ex­it, aber sie ha­ben völ­lig un­ter­schied­li­che Er­war­tun­gen.

Ist dann eher da­von aus­zu­ge­hen, dass John­son ei­ne pa­trio­ti­sche Volks­re­gie­rung pro­kla­mie­ren und je­ner Po­pu­list re­gie­ren wird, der Aus­län­der im Wahl­kampf öf­fent­lich maß­re­gel­te?

John­son hat da­mit re­üs­siert, dass er sich als Au­ßen­sei­ter in­sze­nier­te. Das ist zwar ziem­lich un­ver­schämt, aber nicht un­ge­wöhn­lich. Man kann sich die Rhe­to­rik et­wa ge­gen Mus­li­me oder Aus­län­der schon vor­stel­len, um die Wäh­ler bei der Stan­ge zu hal­ten. Da die Din­ge mit dem Br­ex­it-Ex­pe­ri­ment nicht gut­ge­hen wer­den, ist es höchst wahr­schein­lich, dass die An­grif­fe et­wa auf an­geb­li­che Ge­sund­heits­tou­ris­ten oder So­zi­al­schma­rot­zer im­mer lau­ter wer­den.

Aber John­son tritt nun be­tont de­mü­tig auf und sagt, sei­ne Par­tei müs­se sich völ­lig neu er­fin­den. Wie kann er all die Er­war­tun­gen in Ein­klang brin­gen?

Der Po­li­ti­ker Ja­mes Max­ton sag­te einst: „Wer nicht auf zwei Pfer­den gleich­zei­tig rei­ten kann, soll­te nicht in den Zir­kus ge­hen.“Schon der Bud­get­ent­wurf im Fe­bru­ar wird span­nend wer­den.

Da­für wird John­son schwer­wie­gen­de Ent­schei­dun­gen tref­fen müs­sen.

Bis­her hat er nicht ge­zeigt, dass er da­zu fä­hig ist. In Lon­don hat­te er nur mit Klei­nig­kei­ten zu tun. Den Pro­ble­men Groß­bri­tan­ni­ens kann er aber nicht ent­flie­hen. Ein Bei­spiel lie­fer­te schon die Nord­ir­land-Fra­ge. John­son hat sie mit völ­li­gem Un­ver­ständ­nis be­han­delt. Nun leug­net er, dass es über­haupt ein Pro­blem gibt.

Hat er Zie­le au­ßer „Get Br­ex­it do­ne“?

Wir wis­sen im­mer noch nicht, was der Br­ex­it ist und was sei­ne Um­set­zung be­deu­ten wird. Im Wahl­kampf wur­de auch viel da­von ge­spro­chen, die Dy­na­mik des frei­en Un­ter­neh­mer­tums nach Er­lö­sung aus dem Br­ex­itAlb­traum zu ent­fa­chen. Das war nichts als hei­ße Luft. Ver­spre­chen wur­den wie Kon­fet­ti ver­streut. Es wur­den kei­ne Prio­ri­tä­ten ge­setzt, und De­tails wa­ren rar. Wir hör­ten ei­ni­ge be­droh­li­che Hin­wei­se auf die Ver­fas­sung. Vie­le Ver­spre­chen wer­den das Säu­reb­ad der Rea­li­tät nicht über­ste­hen.

Wen wird man dann ver­ant­wort­lich ma­chen?

Ma­chen Sie sich kei­ne Sor­gen, Eu­ro­pa wird noch lan­ge wei­ter als Sün­den­bock her­hal­ten müs­sen, und an­de­re wird man leicht fin­den. Aber John­son hat we­der im Land noch im Par­la­ment ei­ne Op­po­si­ti­on. Er kann sich nicht mehr her­aus­re­den. Jetzt ist er ver­ant­wort­lich.

Was muss die op­po­si­tio­nel­le La­bour Par­ty nach ih­rem Wahl­de­ba­kel tun?

Was La­bour tun muss, und wo­zu die Par­tei in der La­ge sein wird, sind zwei Paar Schu­he. (La­bour-Chef Je­re­my, Anm.) Cor­byn hat da­für ge­sorgt, dass nach sei­nem Ab­gang sei­ne Kern­trup­pe ih­ren Zu­griff auf die Par­tei noch ver­stär­ken kann. Ei­ne be­trächt­li­che Zahl der neu­en Ab­ge­ord­ne­ten und Ak­ti­vis­ten kommt von der har­ten Lin­ken. Da­mit gibt es nur we­nig Spiel­raum für ech­te Ve­rän­de­rung. La­bour muss ei­nen An­füh­rer fin­den, der John­son her­aus­for­dern und ei­nen ernst­haf­ten neu­en Aus­blick an­bie­ten kann. La­bour wird ler­nen müs­sen, Ko­ali­tio­nen zu bil­den, denn al­lein kann die Par­tei nicht mehr ge­win­nen. Das ist un­aus­weich­lich, be­deu­tet aber den Ver­zicht auf die rei­ne Leh­re. Zu er­war­ten aber ist, dass die Mit­glie­der er­neut ei­nen An­füh­rer wäh­len, mit dem sie sich wohl­füh­len, da­mit aber die At­trak­ti­vi­tät der Par­tei nach au­ßen noch wei­ter ver­rin­gern.

Ist dann ein Zer­bre­chen der Par­tei nicht un­aus­weich­lich, mög­li­cher­wei­se so­gar die teil­wei­se Ver­ei­ni­gung der ur­ba­nen Eli­te mit den Li­be­ral­de­mo­kra­ten?

Ein Spal­tung ist mög­lich, aber bis­her ha­ben die mo­de­ra­ten Geg­ner des Cor­byn-Kur­ses ge­wal­ti­ges Schluck­ver­mö­gen be­wie­sen. Al­le, die nun zu den Li­be­ral­de­mo­kra­ten ge­wech­selt sind, ha­ben ih­re Sit­ze ver­lo­ren. Zu­dem sind die Li­be­ra­len eben­falls im Cha­os. Sie stan­den vor dem lee­ren Tor und ha­ben den Ball über die Lat­te ge­setzt. Sie ha­ben ge­glaubt, sie könn­ten das La­ger der Br­ex­itGeg­ner hin­ter sich ver­sam­meln. Und dann ha­ben sie wie Trut­häh­ne für Weih­nach­ten ge­stimmt, in­dem sie Neu­wah­len zu­stimm­ten an­statt die Patt­stel­lung im Par­la­ment zu nut­zen. Ei­ne völ­li­ge Neu­for­mie­rung der Mit­te nach dem Bei­spiel von (Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el, Anm.) Ma­cron ist nicht aus­ge­schlos­sen. Aber so­wohl La­bour als auch Li­be­ral­de­mo­kra­ten ha­ben ver­säumt, dies zu tun, als die Ge­le­gen­heit da­für güns­tig war.

[ Pri­vat]

Da­vid Bell ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Po­li­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­ty of Leeds und forscht zu eu­ro­päi­scher Po­li­tik, Ex­tre­mis­mus und Par­tei­en.

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