Über die Sen­si­bi­li­tät ei­nes Gi­gan­ten

Na­tio­nal­bi­blio­thek. Im Prunk­saal sind die be­deu­tends­ten Wie­ner Sam­mel­stü­cke über Le­ben und Schaf­fen von Lud­wig van Beet­ho­ven zu se­hen. Ne­ben Do­ku­men­ten für die Welt­gel­tung auch Zeug­nis­se des gal­li­gen Hu­mors des Meis­ters.

Die Presse - - FEUILLETON -

Die Klas­si­ker-Drei­fal­tig­keit war be­reits zu Beet­ho­vens Le­bens­en­de sank­tio­niert. Vor­aus­ge­ahnt hat sie der spä­tes­tens mit der Wid­mung der C-Dur-Kla­vier­so­na­te op. 53 zu blei­ben­dem Ruhm ge­lang­te böh­mi­sche Graf Wald­stein. Er war es, der dem 21-jäh­ri­gen Künst­ler bei des­sen Abrei­se aus sei­ner Ge­burts­stadt Bonn ins Stamm­buch schrieb: „Durch un­un­ter­bro­che­nen Fleiß er­hal­ten Sie: Mo­zart’s Geist aus Haydns Hän­den“– und da­mit als Ers­ter die drei Na­men in ei­nem Atem­zug nann­te.

Die­ses Stamm­buch ist in der eben er­öff­ne­ten Aus­stel­lung zu se­hen – und wer den reich il­lus­trier­ten Ka­ta­log er­wirbt, der auch ei­ni­ge auf­schluss­rei­che Wort­bei­trä­ge ent­hält, er­fährt auch, wer sonst al­ler sich in die­sem Buch ver­ewigt hat.

Für Freun­de ed­ler Ro­ko­ko- und Bie­der­mei­er-Ve­du­ten gibt es auch et­li­che Sti­che zu be­wun­dern, vie­le da­von ge­hö­ren nicht zu den ty­pi­schen An­sich­ten, die man bei sol­chen Ge­le­gen­hei­ten vom al­ten Bonn oder dem ka­ka­ni­schen Wi­en zu se­hen be­kommt.

Die Aus­stel­lung führt von den rhei­ni­schen Kin­der­jah­ren und ers­ten Ver­su­chen des Va­ters, das Wun­der­kind zu pro­te­gie­ren, über die Lehr­jah­re in Bonn und Wi­en zum frü­hen Ruhm des Vir­tuo­sen; und da­nach zu den Wie­ner Meis­ter­jah­ren, in de­nen sich die her­aus­ra­gen­de Po­si­ti­on Beet­ho­vens längst ma­ni­fes­tiert hat­te: Zeit­zeug­nis­se, Bli­cke in die Werk­statt, Do­ku­men­te des be­gin­nen­den Beet­ho­ven-Kults und des­sen spä­te­rer Wu­che­run­gen bis hin zum De­vo­tio­na­li­en-Kitsch.

In Brie­fen und per­sön­li­chen Auf­zeich­nun­gen wird auch der Mensch hin­ter dem le­ben­den Denk­mal sicht­bar. Die viel dis­ku­tier­ten Stel­lung- und Par­tei­nah­men des Zoon po­li­ti­kon Beet­ho­ven feh­len nicht, aber zahl­rei­che Aus­stel­lungs­stü­cke wer­fen dies­mal auch ein Licht auf den Pri­vat­men­schen.

Un­ter an­de­rem ha­ben sich in den Samm­lun­gen der Na­tio­nal­bi­blio­thek über 100 Brie­fe aus dem Nach­lass von Hof­se­kre­tär Ni­ko­laus Paul Zmes­kall von Do­ma­no­ve­cz er­hal­ten, ei­nem der we­ni­gen ech­ten Freun­de des Kom­po­nis­ten. Sie ge­ben oft un­mit­tel­bars­ten Ein­blick in Beet­ho­vens in­ti­me Welt und do­ku­men­tie­ren nicht zu­letzt sei­nen oft gal­lig-bei­ßen­den Hu­mor, der Beet­ho­ven nur sel­ten ver­las­sen hat.

Vor al­lem dann, wenn es um sei­ne Fa­mi­lie ging. Ori­gi­nal­do­ku­men­te be­leuch­ten die Be­zie­hung Beet­ho­vens zur Wit­we sei­nes Bru­ders und zu de­ren Sohn Karl, des­sen Vor­mund der Kom­po­nist wur­de, bis der Nef­fe ver­such­te, sich um­zu­brin­gen. Der jah­re­lan­ge Kampf mit der Mut­ter ver­bit­ter­te Beet­ho­vens Le­ben nach­hal­tig.

Herz­er­wär­mend war für den Kom­po­nis­ten wohl die Be­zie­hung zu sei­nem hoch­ade­li­gen Gön­ner, Erz­her­zog Ru­dolph, der sich tat­säch­lich als Freund Beet­ho­vens be­trach­te­te und als un­ter­tä­ni­ger Schü­ler un­ter an­de­rem des­sen Wer­ke ko­pier­te. Ei­ne Ab­schrift der e-Moll-Kla­vier­so­na­te op. 90 von der Hand des Erz­her­zogs ist im Prunk­saal zu se­hen.

Für Mu­sik­freun­de im Mit­tel­punkt des In­ter­es­ses ste­hen je­doch ge­wiss die Mu­sik­ma­nu­skrip­te aus der Samm­lung der ÖNB. Da­zu zäh­len so be­lieb­te Wer­ke wie das Vio­lin­kon­zert oder die so­ge­nann­te Früh­lings­so­na­te (op. 24), auf de­ren hand­schrift­li­cher Par­ti­tur sich die amü­san­te Rand­glos­se fin­det: „Der Co­pist der die 3 und 6 hier hin­ein ge­macht war ein Esel.“

Der­ar­ti­ge Fun­de macht der Be­trach­ter die­ser Schau auf Schritt und Tritt. Zu den Fund­stü­cken aus dem Wie­ner Ar­chiv kommt für die ers­ten Wo­chen der Aus­stel­lung ei­nes der be­deu­tends­ten Beet­ho­ven-Ma­nu­skrip­te über­haupt, die Ori­gi­nal­par­ti­tur der Neun­ten Sym­pho­nie, die von der Staats­bi­blio­thek Ber­lin zur Ver­fü­gung ge­stellt wird. Die Sei­te, die in der leih­wei­se nach Wi­en ge­schick­ten La­ge auf­ge­schla­gen ist, zeigt je­ne Pas­sa­ge des Fi­nal­sat­zes, in der das „Freu­de“-The­ma mit dem The­ma „Seid um­schlun­gen Mil­lio­nen“kon­tra­punk­tisch ver­knüpft wird.

Dem Zug un­se­rer Zeit fol­gend, bie­tet die Na­tio­nal­bi­blio­thek auch ih­ren On­li­ne-Kun­den Ma­te­ri­al. Auch wer die Aus­stel­lung nicht be­sucht, hat die Chan­ce, al­le we­sent­li­chen Beet­ho­ve­nia­na der Samm­lung der ÖNB im Netz an­zu­schau­en. Brie­fe, Bil­der (über 1000 Ob­jek­te) und Erst­dru­cke (über 43.000 Sei­ten) ste­hen ab so­fort un­ter dem Mot­to „Beet­ho­ven di­gi­tal“on­li­ne.

[ ÖNB ]

Der Mensch hin­ter dem Denk­mal: Li­tho­gra­fie nach ei­ner Zeichnung von Au­gust von Klo­eber, 1841.

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