„Hier ist je­de Schnee­flo­cke kom­po­niert“

Staats­oper. „Es ist frus­trie­rend, wenn man to­na­le Kom­po­nis­ten nicht mehr ernst nimmt“, sagt Al­bin Fries, des­sen Oper „Per­si­net­te“am Sams­tag ur­auf­ge­führt wird. Ein Ge­spräch mit ihm und Re­gis­seur Mat­thi­as von Steg­mann.

Die Presse - - FEUILLETON -

Weil das ein furcht­bar un­mu­si­ka­li­scher, nicht zu sin­gen­der Na­me ist. Das Hap­py End ist ei­ne Kon­zes­si­on an die Kin­der, die He­xe er­weist sich als gu­ter Mensch.

Ich fin­de die Ein­tei­lung in Gut und Bö­se hier so­wie­so schwie­rig. Die He­xe ist furcht­er­re­gend, aber wei­sen Frau­en im Mit­tel­al­ter wur­de schnell et­was Bö­ses hin­ter­her­ge­sagt. In Wahr­heit lö­sen Per­si­net­tes El­tern das Un­heil aus, wenn sie ihr die Pa­ten­schaft ver­wei­gern, als sie hel­fen will. Da­nach kippt die gan­ze Ge­schich­te und mit ihr die Fi­gur. Mir war wich­tig, sie nicht von An­fang an mit He­xen­hut dar­zu­stel­len.

Ich hät­te für die Wal­fisch­gas­se gar nicht kom­po­niert. Ich brau­che die Far­ben des gro­ßen Orches­ters. „Per­si­net­te“ist ei­ne sym­pho­ni­sche Oper, die kom­plett durch­kom­po­niert ist und ein Orches­ter ver­langt, das fast so groß ist wie bei Puc­ci­ni.

In der Wal­fisch­gas­se ar­bei­tet man klein­tei­lig, mit Bli­cken und Ges­ten, die man in der Staats­oper gar nicht se­hen wür­de. Hier brau­chen wir grö­ße­re Bil­der. Wir zei­gen ei­nen rich­ti­gen Wald, das Schnee­trei­ben – und schaf­fen rie­si­ge Wel­ten. Ich glau­be nicht, dass Kin­der Spe­zi­el­les brau­chen. Vie­le mo­der­ne Opern neh­men den Um­weg über den Kopf – die­se nicht. Sie geht di­rekt ins Herz. In der Ins­ze­nie­rung war mir wich­tig, durch Baustei­ne zu zei­gen, wie Thea­ter ge­macht wird. Aus Klöt­zen ent­ste­hen Zau­ber­gar­ten, Hüt­te und Schloss, aber man weiß im­mer, dass es Baustei­ne sind.

Ich ko­pie­re nie­man­den, aber ei­ne Ähn­lich­keit ist si­cher da. Lei­der ist der Ver­gleich sel­ten als Kom­pli­ment ge­meint.

Ab und zu? Es kränkt ei­nen, wenn Kri­ti­ker nicht auf die Qua­li­tät der Mu­sik schau­en. Es ist frus­trie­rend, wenn man to­na­le Kom­po­nis­ten heu­te nicht ernst nimmt. Ich kann nur kom­po­nie­ren, was mir ge­fällt. In Wahr­heit ge­hen doch vie­le Kom­po­nis­ten zu­rück zur To­na­li­tät – Pen­der­ecki sag­te ein­mal, jetzt dür­fe er, denn er sei ja schon be­rühmt.

In den letz­ten 100 Jah­ren ist ja auch viel Un­sinn ge­macht wor­den. Das ist beim Kom­po­nie­ren nicht an­ders als bei der Re­gie. Mir wird auch vor­ge­wor­fen, ich ar­bei­te kon­ser­va­tiv, auch wenn ich kei­nes­wegs wie Zef­firel­li in­sze­nie­re. Bei „Per­si­net­te“be­die­nen wir uns mo­derns­ter Mit­tel, ar­bei­ten mit Pro­jek­tio­nen und 3-D-Map­ping. Aber „Per­si­net­te“spielt im­mer noch in ei­nem Turm, nicht in Man­hat­tan. Nicht Pro­vo­ka­ti­on soll die An­triebs­fe­der sein, son­dern die Freu­de der Leu­te über die Auf­füh­rung. Und war­um kann nicht das, was wir ma­chen, eben­so ak­zep­tiert wer­den wie Ato­na­li­tät und rei­ne Kon­zept­re­gie?

Letzt­lich ist die In­no­va­ti­on, die übe­r­all ver­langt wird, mit un­se­ren zwölf Tö­nen nicht mehr mög­lich. In­no­va­ti­on müss­te durch In­spi­ra­ti­on er­setzt wer­den. An die­ser man­gelt es.

Da­mals war der ers­te Akt schon fer­tig, und ich ha­be nichts mehr ge­än­dert. Ich bin mir beim Kom­po­nie­ren treu ge­blie­ben und muss­te, da ich ja to­nal schrei­be, har­mo­nisch we­nig Rück­sicht auf die Kin­der neh­men, wo­bei sie an mu­si­ka­li­schen Leit­mo­ti­ven – wie dem Horn für den Prin­zen und die krei­schen­den Kla­ri­net­ten­ter­zen für die He­xe – er­ken­nen kön­nen, wer nun auf die Büh­ne kommt. Na­tür­lich darf man in ei­ner Kin­der­oper kei­ne lan­gen Ari­en schrei­ben und muss die Tex­tur im­mer wie­der än­dern.

[ Staats­oper/Pöhn]

„Am En­de er­weist sich die He­xe als gu­ter Mensch“: Mo­ni­ka Bo­hinec in „Per­si­net­te“,

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