Wie ti­cken die Rich­ter im VfGH?

VfGH. Die ei­nen se­hen in ih­nen Ju­ris­ten, die po­li­ti­sche Re­for­men ver­un­mög­li­chen. Aus Sicht der an­de­ren set­zen sie die recht­li­chen Schran­ken, von de­nen Tür­kis-Blau nichts wis­sen woll­te. Doch wie ti­cken die Ver­fas­sungs­rich­ter wirk­lich?

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON PHIL­IPP AICHIN­GER

Die ei­nen se­hen in ih­nen Ju­ris­ten, die po­li­ti­sche Re­for­men ver­un­mög­li­chen. Aus Sicht der an­de­ren set­zen die Ver­fas­sungs­rich­ter die recht­li­chen Schran­ken, von de­nen Tür­kis-Blau nichts wis­sen woll­te.

Wi­en. In den so­zia­len Netz­wer­ken bro­del­ten die Theo­ri­en, aber auch von Po­li­ti­kern wur­den die ak­tu­el­len Er­kennt­nis­se des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs (VfGH) sehr kon­tro­vers ge­se­hen. Man­che or­ten lin­ke Rich­ter, die tür­kis-blaue Re­for­men ver­un­mög­li­chen wol­len. Für an­de­re zei­gen die Ent­schei­dun­gen nur, dass die tür­kis-blaue Re­gie­rung über­haupt kei­nen Re­spekt vor der Ver­fas­sung hat­te. Doch wie ist es wirk­lich?

1 Wer kann in Ös­ter­reich über­haupt Ver­fas­sungs­rich­ter wer­den?

VfGH-Rich­ter dür­fen nur Per­so­nen wer­den, die schon min­des­tens zehn Jah­re ei­nen klas­si­schen ju­ris­ti­schen Be­ruf aus­ge­übt ha­ben. Al­ler­dings muss man nicht Ex­per­te für Ver­fas­sungs­recht ge­we­sen sein. Grund­sätz­lich gibt es 14 VfGH-Mit­glie­der so­wie meh­re­re Er­satz­mit­glie­der, die ein­sprin­gen kön­nen, wenn ein Rich­ter ver­hin­dert ist. Prä­si­dent, Vi­ze­prä­si­dent so­wie sechs wei­te­re Mit­glie­der no­mi­niert die Bun­des­re­gie­rung, je drei Rich­ter dür­fen sich Na­tio­nal­rat und Bun­des­rat aus­su­chen. Aber im­mer erst, wenn ein von ih­nen no­mi­nier­ter Rich­ter zu­vor in Pen­si­on ge­gan­gen ist. Min­des­tens drei Rich­ter müs­sen ih­ren Wohn­sitz au­ßer­halb Wi­ens ha­ben. Die Er­nen­nung der VfGH-Mit­glie­der ob­liegt nach der No­mi­nie­rung dem Bun­des­prä­si­den­ten. Mo­men­tan gibt es nur 13 VfGH-Mit­glie­der, weil noch kein Er­satz für die frü­he­re Ge­richts­prä­si­den­tin und jet­zi­ge Kanz­le­rin, Bri­git­te Bier­lein, no­mi­niert wur­de.

2 Wer­den die Rich­ter nach po­li­ti­schen Kri­te­ri­en aus­ge­wählt?

Re­al­po­li­tisch macht sich die je­weils am­tie­ren­de Ko­ali­ti­on aus, wer wel­che Rich­ter nach­no­mi­nie­ren darf. Wolf­gang Brand­stet­ter et­wa war als vä­ter­li­cher Freund von ÖVPChef Se­bas­ti­an Kurz so­gar Vi­ze­kanz­ler, be­vor er Rich­ter wur­de. Jo­han­nes Sch­ni­zer fun­gier­te einst als Ka­bi­nett­chef von SPÖKanz­ler Al­f­red Gu­sen­bau­er. Der von der FPÖ aus­ge­such­te Rich­ter Andre­as Hau­er ist Mit­glied der schla­gen­den Stu­den­ten­ver­bin­dung Corps Ale­man­nia Wi­en zu Linz, der et­wa auch der ober­ös­ter­rei­chi­sche FPÖChef, Man­fred Haim­buch­ner, an­ge­hört.

3 Will ei­ne lin­ke Rich­ter­mehr­heit am VfGH tür­kis-blaue Pro­jek­te zu Fall brin­gen?

Die­se Be­haup­tung kann schon des­we­gen nicht stim­men, weil es kei­ne lin­ke Mehr­heit am VfGH gibt. Fast zwei Drit­tel der Rich­ter wur­den von ÖVP oder FPÖ no­mi­niert. Als SPÖ-na­he gel­ten nur fünf Mit­glie­der (Sch­ni­zer, Clau­dia Kahr, Sieg­lin­de Gahleit­ner, Micha­el Ho­lou­bek und In­grid Siess-Scherz).

Von der ÖVP no­mi­niert wur­den sechs. Ne­ben Brand­stet­ter sind dies noch Chris­toph Herbst, Ge­org Li­en­ba­cher, Hel­mut Hör­ten­hu­ber, Mar­kus Achatz und Vi­ze­prä­si­dent Chris­toph Gr­a­ben­war­ter. Auch die frü­he­re Ge­richts­prä­si­den­tin Bier­lein war dank Tür­kis-Blau in die­ses Amt ge­kom­men. Die FPÖ schick­te ne­ben Hau­er noch An­walt Micha­el Ra­mi ans Höchst­ge­richt. Er ver­trat die FPÖ re­gel­mä­ßig in Me­di­en­rechts­fra­gen.

4 Stim­men die Rich­ter nach ih­rer po­li­ti­schen Her­kunft ab?

In frü­he­ren Zei­ten, so heißt es aus VfGHK­rei­sen, sei­en SPÖ- bzw. ÖVP-no­mi­nier­te Rich­ter häu­fi­ger ge­eint auf­ge­tre­ten. Das sei durch den Lauf der Jahr­zehn­te im­mer sel­te­ner ge­wor­den. Öf­fent­lich wird nie, wer wo­für ge­stimmt hat. Und vie­le Ent­schei­dun­gen am VfGH spie­len sich tat­säch­lich an der Gren­ze von Po­li­tik und Recht ab. Dass aber nicht strikt nach Par­tei­en­prä­fe­renz, son­dern vor al­lem nach ju­ris­ti­schen Er­wä­gun­gen ab­ge­stimmt wird, zei­gen die ak­tu­el­len Ent­schei­dun­gen. Und selbst zu Zei­ten der ro­tschwar­zen Ko­ali­ti­on kipp­ten die eben­falls rot-schwarz no­mi­nier­ten Rich­ter Ge­set­ze.

5 Hat­te die tür­kis-blaue Re­gie­rung be­son­ders we­nig Re­spekt vor der Ver­fas­sung?

„Lau­ter könn­te die Detschn nicht knal­len“, mein­te der Wie­ner So­zi­al­stadt­rat, Pe­ter Ha­cker (SPÖ). Tat­säch­lich muss­ten ÖVP und FPÖ nun zwei emp­find­li­che Nie­der­la­gen ein­ste­cken. An­der­seits hielt die tür­kis-blaue So­zi­al­ver­si­che­rungs­re­form in den Gr­und­zü­gen. Und oft lässt sich bei Ge­set­zen nicht im

Vor­hin­ein sa­gen, wie der VfGH ent­schei­den wird. We­nig Re­spekt vor der Ver­fas­sung zeig­ten je­den­falls auch an­de­re Re­gie­run­gen. Als Rot-Schwarz noch mit Zwei­drit­tel­mehr­heit re­gier­te, hob die Ko­ali­ti­on so­gar man­che vom VfGH ge­kipp­te Ge­set­ze in den Ver­fas­sungs­rang, um sie der Kon­trol­le durch das Ge­richt zu ent­zie­hen (et­wa das un­glei­che Pen­si­ons­al­ter von Mann und Frau).

Die ÖVP kri­ti­sier­te die ak­tu­el­le VfGHEnt­schei­dung, FPÖ-Klub­chef Her­bert Kickl un­ter­stell­te den Ver­fas­sungs­rich­tern, „ih­re Se­gel ganz of­fen­sicht­lich für die sich ab­zeich­nen­de schwarz-grü­ne Re­gie­rung zu set­zen“. Doch dass dem VfGH nicht ju­ris­ti­sche Zie­le un­ter­stellt wer­den, ist auch nicht neu. So mein­te schon 1992 ein Po­li­ti­ker, dass der VfGH „in im­mer hö­he­rem Ma­ße sei­ne rechts­po­li­ti­schen und ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen durch­zu­set­zen ver­sucht“. Es war der SPÖ-Po­li­ti­ker Heinz Fi­scher.

6 War die Ent­schei­dung für den Bund ei­ne kom­plet­te Nie­der­la­ge, und wie geht es nun wei­ter?

Die Höchst­rich­ter be­fan­den, dass die Kür­zung der So­zi­al­hil­fe bei schlech­ten Deutsch­kennt­nis­sen und für kin­der­rei­che Fa­mi­li­en ver­fas­sungs­wid­rig ist. Gleich­zei­tig mach­ten sie klar, dass der Bund bei der So­zi­al­hil­fe den Bun­des­län­dern grund­sätz­lich so­gar de­tail­lier­te Vor­ga­ben ma­chen darf. So ge­se­hen hat der Bund auch ei­nen Teil­sieg er­run­gen.

Die Län­der müs­sen al­so Aus­füh­rungs­ge­set­ze er­las­sen, aber oh­ne die ver­fas­sungs­wid­ri­gen Pas­sa­gen. Nie­der­ös­ter­reich hat­te als ei­nes der we­ni­gen Län­der die Bun­des­vor­ga­ben schon voll um­ge­setzt. Die Lan­des­ÖVP will das Ge­setz nun im Sin­ne der VfGHVor­ga­ben re­pa­rie­ren, wäh­rend die FPÖ es so be­las­sen will, aber oh­ne die kri­ti­schen Pas­sa­gen an­zu­wen­den. Auch Ober­ös­ter­reichs ÖVP will das Lan­des­ge­setz an­pas­sen.

[ APA]

Der VfGH hebt Ge­set­ze auf, wenn er sie für rechts­wid­rig hält. Das ver­leiht ihm auch po­li­tisch Be­deu­tung.

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