Lun­gen­krebs und gu­te Lü­gen

Film. Im si­no-ame­ri­ka­ni­schen In­die-Hit „The Fa­re­well“ringt ei­ne En­ke­lin mit dem Fa­mi­li­en­be­schluss, ih­rer Groß­mut­ter ei­ne Krebs­dia­gno­se zu ver­heim­li­chen.

Die Presse - - VORDERSEIT­E - VON AND­REY AR­NOLD

Im si­no-ame­ri­ka­ni­schen In­die-Hit „The Fa­re­well“ringt ei­ne En­ke­lin mit dem Fa­mi­li­en­be­schluss, ih­rer Groß­mut­ter ei­ne Krebs­dia­gno­se zu ver­heim­li­chen.

Am An­fang von Lu­lu Wangs Fa­mi­li­en­dramö­die „The Fa­re­well“er­zählt der Va­ter der Haupt­fi­gur Bil­li ei­nen Witz. Ei­ne Frau kommt heim und wird von ih­rem Gat­ten mit der Nach­richt emp­fan­gen, ih­re Kat­ze sei ge­stor­ben. Ver­är­gert lässt sie ihn wis­sen, dass man sol­che Hi­obs­bot­schaf­ten scho­nend über­mit­teln müs­se. Zum Bei­spiel so: „Schatz, hör zu, ich muss dir et­was sa­gen – die Kat­ze ist heu­te aufs Dach ge­klet­tert, und dann ist dort lei­der ein klei­nes Mal­heur pas­siert . . .“Ein paar Mo­na­te spä­ter kommt die Frau wie­der nach Hau­se und fragt ih­ren Mann, was es Neu­es gibt. Da sagt er: „Schatz, hör zu, ich muss dir et­was sa­gen – dei­ne Mut­ter ist heu­te aufs Dach ge­klet­tert . . .“

Wie hat man mit der Wahr­heit um­zu­ge­hen? Ist sie je­dem zu­mut­bar, un­ter al­len Um­stän­den und in je­der Le­bens­la­ge? Macht Ver­harm­lo­sung nicht al­les noch viel schlim­mer? Oder gibt es Si­tua­tio­nen, in de­nen (Not-)Lü­gen nicht bloß ver­zeih­lich, son­dern ver­pflich­tend sind? Es sind sol­che und ähn­li­che Fra­gen, um die Wangs schö­ner zwei­ter Lang­film (der ab heu­te in hei­mi­schen Ki­nos zu se­hen ist) kreist. Oder bes­ser: schlin­gert. Denn was die Ant­wort­su­che ver­kom­pli­ziert, ist die Ver­or­tung sei­nes Plots an der Schnitt­stel­le ge­gen­sätz­li­cher Kul­tur­krei­se.

Bil­li (Rap­pe­rin und Co­me­di­en­ne Awk­wa­fi­na, be­kannt aus der ro­man­ti­schen Ko­mö­die „Cra­zy Rich Asi­ans“) ist näm­lich ein Mi­gran­ten­kind zwei­ter Ge­ne­ra­ti­on. Ih­re El­tern sind aus Chi­na nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert, als sie noch ein klei­nes Mäd­chen war, zu Wer­ten und Tra­di­tio­nen ih­rer Her­kunft hat sie kaum noch Be­zug – doch zu ih­rer Groß­mut­ter, die im Reich der Mit­te ge­blie­ben ist, sehr wohl. Die Of­fen­ba­rung, dass ih­re ge­lieb­te Nai Nai (sprich: Oma vä­ter­li­cher­seits) bald an Lun­gen­krebs ster­ben wird, trifft die jun­ge New Yor­ke­rin tief. Und macht sie enorm wü­tend: Denn ih­re Fa­mi­lie hat be­schlos­sen, die Dia­gno­se vor der Be­trof­fe­nen ge­heim zu hal­ten. In Asi­en gän­gi­ge Pra­xis, die die­ser psy­chi­sches Leid er­spa­ren soll. Für Bil­li ei­ne gro­tes­ke Scha­ra­de, mit der sie nichts zu tun ha­ben will.

Ei­ne letz­te freu­di­ge Zu­sam­men­kunft

Zu­min­dest zu Be­ginn. Denn um ih­re Oma­ma noch ein­mal tref­fen zu kön­nen, ringt sich die En­ke­lin durch, gu­te Mie­ne zum (aus ih­rer Per­spek­ti­ve) bö­sen Spiel zu ma­chen. Mit der Hoch­zeit ei­nes Cou­sins als Vor­wand fin­det sich die weit ver­zweig­te Sipp­schaft in Chang­chun ein, um ih­rer rüs­ti­gen Ma­tri­ar­chin (ein­neh­mend ver­kör­pert von der 76-jäh­ri­gen Lein­wand-De­bü­tan­tin Zhao Shuzhen) ei­ne letz­te freu­di­ge Zu­sam­men­kunft zu schen­ken – und hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand lei­se Ser­vus zu sa­gen.

Der Streit ums Kran­ken­ge­heim­nis ist da­bei nicht der ein­zi­ge Kon­flikt, der zäh­ne­knir­schend im Zaum ge­hal­ten wer­den muss: Auf man­che chi­ne­si­schen Ver­wand­ten wirkt das selbst ge­wähl­te US-Exil von Bil­lis El­tern wie Fah­nen­flucht. Doch wel­ches Land ist nun „bes­ser“? Bil­li sieht bei­de Na­tio­nen kri­tisch – und ge­rät wie­der­holt zwi­schen die Fron­ten. Die ein On­kel so auf den Punkt bringt: In Über­see herr­sche un­ge­zü­gel­ter In­di­vi­dua­lis­mus, wäh­rend es im Os­ten viel stär­ker um das Ge­mein­schafts­wohl gin­ge, um Ver­ant­wor­tung ge­gen­über an­de­ren. Und zu der wür­den auch „gu­te Lü­gen“ge­hö­ren.

Wang er­zählt all das mit der schnör­kel­lo­sen Klar­heit ei­ner Kurz­ge­schich­te, doch man spürt, dass ihr Film aus dem Le­ben ge­grif­fen ist: Das au­to­bio­gra­fisch an­ge­hauch­te Dreh­buch fußt auf ei­nem Er­fah­rungs­be­richt, den sie für die Ra­dio­sen­dung „This Ame­ri­can Li­fe“ver­fasst hat. Auch äs­the­tisch legt „The Fa­re­well“, ei­ne chi­ne­sisch-ame­ri­ka­ni­sche Ko­pro­duk­ti­on, Wert auf Au­then­ti­zi­tät. Kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass er in den USA trotz fast durch­gän­gi­ger Un­ter­ti­te­lung ei­nen be­acht­li­chen Kas­sen­er­folg ein­ge­fah­ren hat (der ein we­nig an je­nen von Way­ne Wangs ähn­lich ge­la­ger­ter Li­te­ra­tur­ver­fil­mung „The Joy Luck Club“aus dem Jahr 1993 er­in­nert).

Wo­bei der Hu­mor und die re­la­ti­ve Leich­tig­keit, mit der hier ziem­lich ver­zwick­te The­men auf­ge­tischt wer­den, si­cher da­zu bei­ge­tra­gen ha­ben – eben­so wie der Ver­trieb durch die Mar­ke­ting­spe­zia­lis­ten des Hips­ter-Ver­leihs A24. Bei den Gol­den Glo­bes wur­de „The Fa­re­well“be­reits mit zwei No­mi­nie­run­gen be­dacht. Ob es auch für ei­ne Os­car-Chan­ce reicht?

[ Po­ly­film]

Die Oma darf von ih­rer töd­li­chen Dia­gno­se nichts er­fah­ren: Zhao Shuzhen (rechts) als – noch – rüs­ti­ge Ma­tri­ar­chin in „The Fa­re­well“.

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