Wo liegt die wah­re In­fla­ti­ons­ra­te?

Geld­po­li­tik. Die EZB möch­te 2020 ih­re Stra­te­gie ge­nau über­prü­fen. Raiff­ei­sen-Chef­öko­nom Pe­ter Bre­zin­schek er­klärt, war­um sie vor al­lem bei der Mes­sung der In­fla­ti­on an­set­zen soll­te.

Die Presse - - FINANZEN: ALLES FÜR DEN ANLEGER -

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ist wohl kaum ei­ne No­ten­bank­sit­zung der­art mit Span­nung er­war­tet wor­den wie je­ne der eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­hü­ter am 12. De­zem­ber. Die­se EZB-Sit­zung wur­de erst­mals von Chris­ti­ne La­g­ar­de ge­lei­tet. Sie schraub­te den Zins­satz für Bank­ein­la­gen al­ler­dings nicht noch wei­ter nach unten. Erst im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber hat­te ihr Vor­gän­ger Ma­rio Draghi den Satz auf mi­nus 0,5 Pro­zent ge­senkt. Und da­mit für reich­lich Wir­bel ge­sorgt.

Der Grund liegt auf der Hand: Die Mi­nus­zin­sen ent­pup­pen sich für die Ban­ken als kost­spie­li­ges Un­ter­fan­gen. Auch Raiff­ei­sen­Chef­öko­nom Pe­ter Bre­zin­schek hat we­nig Ver­ständ­nis für den Vor­gang, wie er im Ge­spräch mit der „Pres­se“be­tont. Laut der jüngs­ten Pro­gno­se der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on wird die Wirt­schaft in der Eu­ro­zo­ne al­lein im kom­men­den Jahr um 1,2 Pro­zent wach­sen. Das Schal­ten auf „Kri­sen­mo­dus“, wie Bre­zin­schek die letz­te Zins­sen­kung un­ter Drag­his Ägi­de um­schreibt, hält er des­halb für über­trie­ben.

Doch all das könn­te sich im kom­men­den Jahr grund­le­gend än­dern. La­g­ar­de ver­wies bei ih­rer ers­ten EZB-Sit­zung auf ein wich­ti­ges Vor­ha­ben: Sie möch­te die Stra­te­gie der Geld­po­li­tik gründ­lich über­prü­fen. Am Man­dat zur Wah­rung der Preis­sta­bi­li­tät soll sich da­bei nichts än­dern, es könn­te aber Neue­run­gen bei der Art und Wei­se ge­ben, wie die­ses Man­dat er­füllt wird.

Und da­zu ge­be es je­de Men­ge Mög­lich­kei­ten, be­tont Bre­zin­schek. So könn­te das Preis­sta­bi­li­täts­ziel von der­zeit knapp un­ter zwei Pro­zent bei­spiels­wei­se auf 1,5 Pro­zent ge­senkt wer­den. Für ei­ne sol­che Maß­nah­me spre­che un­ter an­de­rem das nied­ri­ge­re Po­ten­zi­al­wachs­tum im Ver­gleich zu vor gut zwei Jahr­zehn­ten – denn da­durch sei­en die in­fla­tio­nä­ren Kräf­te eben­so schwä­cher aus­ge­prägt.

Doch auch der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt hat letzt­end­lich zu ei­nem nied­ri­ge­ren Preis­ni­veau in vie­len Be­rei­chen ge­führt. Und das ist längst nicht al­les. Bre­zin­schek kann sich auch die Ein­füh­rung ei­ner Band­brei­te bei der In­fla­ti­ons­ra­te vor­stel­len, die zwi­schen ei­nem und zwei Pro­zent lie­gen könn­te. In­ner­halb die­ser Span­ne könn­te die In­fla­ti­ons­ra­te dann ein gu­tes Stück schwan­ken, oh­ne dass die Wäh­rungs­hü­ter bei je­der Ve­rän­de­rung mit Zins­schrit­ten un­mit­tel­bar re­agie­ren müss­ten.

Über­haupt fin­det Bre­zin­schek, dass die Be­rech­nung der In­fla­ti­on über­dacht wer­den soll­te. Und das aus meh­re­ren Grün­den, wie er auf­zeigt. So wür­de et­wa bei neu­en tech­ni­schen Ge­rä­ten, bei­spiels­wei­se bei Mo­bil­te­le­fo­nen, ein Teil der Qua­li­täts­ver­bes­se­run­gen als fik­ti­ve Preis­sen­kung be­rech­net. Wenn man schon die­se Vor­gangs­wei­se wählt, müss­te man zu­min­dest Qua­li­täts­ver­schlech­te­run­gen ge­nau­so als preis­trei­bend be­rück­sich­ti­gen, „was aber nicht ge­schieht“, kri­ti­siert Bre­zin­schek. Und die­se gibt es aus sei­ner Sicht durch­aus: So hät­ten zahl­rei­che Gü­ter, wie et­wa Haus­halts­ge­rä­te, heu­te oft­mals ei­ne kür­ze­re Le­bens­dau­er im Ver­gleich zu frü­her. Zu­dem ver­misst er die Be­rück­sich­ti­gung der Im­mo­bi­li­en­prei­se in der Be­rech­nung – ein nicht un­we­sent­li­cher Aspekt. Sie sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark ge­stie­gen.

Wie auch im­mer die neue EZBS­tra­te­gie letzt­end­lich aus­se­hen könn­te, ver­öf­fent­licht wird sie je­den­falls En­de 2020. Schon jetzt wag­te La­g­ar­de je­doch ei­ne Pro­gno­se zur In­fla­ti­on: Die­se wer­de bis 2022 gut 1,6 Pro­zent er­rei­chen. Das hält Bre­zin­schek durch­aus für rea­lis­tisch. Denn schon En­de kom­men­den Jah­res dürf­te die Kon­junk­tur in der Eu­ro­zo­ne all­mäh­lich an­zie­hen. Dann sei im Üb­ri­gen auch ei­ne ers­te Zins­an­he­bung denk­bar – das wä­re dann so­gar noch vor dem vor­aus­sicht­li­chen En­de des An­lei­he­kauf­pro­gramms der EZB, meint er.

Das Kauf­pro­gramm ist im Üb­ri­gen der Grund, wes­halb die Aus­sich­ten für Ren­ten­an­le­ger in der Eu­ro­zo­ne ge­trübt blie­ben. Denn die gro­ßen EZB-Käu­fe las­ten auf den Ren­di­ten der Eu­ro­bonds. Bre­zin­scheks Pro­gno­se für die An­la­ge­klas­se fällt des­halb ver­hal­ten aus: Auch 2020 wer­den et­wa die Ren­di­ten deut­scher und ös­ter­rei­chi­scher Staats­an­lei­hen zum Groß­teil im Mi­nus­be­reich ver­har­ren.

Zu­min­dest aber dürf­te der his­to­ri­sche Tief­stand vom ver­gan­ge­nen Au­gust nicht noch ein­mal er­reicht wer­den, meint er. Da­mals tou­chier­te bei­spiels­wei­se die Ren­di­te zehn­jäh­ri­ger deut­scher Bun­des­an­lei­hen die Mar­ke von rund mi­nus 0,7 Pro­zent. Zu­letzt nä­her­te sie sich wie­der ein gu­tes Stück der Null­li­nie.

[ Akos´ Burg]

Die Band­brei­te für die In­fla­ti­on könn­te zwi­schen ei­nem und zwei Pro­zent lie­gen, sagt RBI-Chef­öko­nom Pe­ter Bre­zin­schek.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.