So wird Mu­sik weg­ge­fegt

Kon­zert­haus. Ferhan und Ferzan Önder an zwei Kla­vie­ren im Mo­zart­saal: eher ein dröh­nen­der Ge­walt­akt als ein Mit­ein­an­der.

Die Presse - - FEUILLETON -

Fried­rich Gul­da ging als ge­nia­ler Pia­nist in die Ge­schich­te ein, ob­wohl er mit­un­ter pu­del­na­ckert auf­trat. Die Zwil­lings­schwes­tern Ferhan und Ferzan Önder wer­den kaum mit dem Ver­such in die Ge­schich­te ein­ge­hen, ein zen­tra­les Stück von Igor Stra­wins­ky, „Le sa­cre du prin­temps“, mit Bach-Tran­skrip­tio­nen auf­zu­mot­zen bzw. zu un­ter­füt­tern.

Die tür­kisch­stäm­mi­gen Pia­nis­tin­nen ge­ben an, die „Bil­der aus dem heid­ni­schen Russ­land“mit pro­tes­tan­ti­scher Mu­sik reins­ten Glau­bens in in­ter­re­li­giö­sen Dia­log brin­gen zu wol­len. Auch mu­si­ka­lisch bringt das nichts, denn die von Stra­wins­ky selbst ge­fer­tig­te Ver­si­on für zwei Kla­vie­re hat es in Ön­ders pau­scha­ler An­la­ge schon al­lein schwer ge­nug, wir­kungs­voll über die Ram­pe zu kom­men. Vie­le Di­men­sio­nen ge­hen durch das Feh­len von Stra­wins­kys ge­ni­al schil­lern­der Orches­ter­in­stru­men­ta­ti­on ver­lo­ren.

Da­zu pseu­do­dra­ma­tur­gi­sche Tricks, an Knack­punk­ten der Hand­lung sen­si­ble BachBe­ar­bei­tun­gen aus der Fe­der von Györ­gy Kur­tag´ zwi­schen­zu­schal­ten. Der Kan­ta­ten­text der vier­ten In­ter­po­la­ti­on „Ach wie nich­tig, ach wie flüch­tig“, BWV 644, könn­te als

Mot­to für das gan­ze Un­ter­neh­men ste­hen, denn Ön­ders Bach-Jar­gon kommt über ein bil­li­ges Mez­zo­pi­ano auch nicht hin­aus.

Vor lan­ger Zeit sind die Schwes­tern nach Wi­en ge­kom­men, um hier fer­tig zu stu­die­ren und die Pia­nis­ten­sze­ne auf­zu­mi­schen, dann wur­de es hier zu­min­dest et­was ru­hi­ger um sie. Nun ver­such­ten sie an zwei Kla­vie­ren ein spä­tes Come­back. Für die­se rar ge­wor­de­ne Kon­zert­form strömt das Pu­bli­kum in­ter­es­siert in den Mo­zart­saal. Das Spiel der Ön­ders gleicht je­doch eher ei­nem dröh­nen­den Ge­walt­akt als part­ner­schaft­li­chem Mit­ein­an­der. Mit per­ma­nent ex­plo­die­ren­den Laut­stär­ken räu­men sie aus dem Weg, was ih­nen ent­ge­gen­kommt, vor al­lem Mu­sik. Ferhan, die elo­quen­te­re Tas­ten­ti­ge­rin der bei­den, sitzt links und pro­fi­tiert akus­tisch vom Kla­vier­de­ckel als Re­so­nanz­flä­che.

Pas­send zir­kus­ar­tig das Pro­gramm. Als rein in­ner­tür­ki­sche An­ge­le­gen­heit ei­ne be­lang­lo­se So­na­te (2018) von Fa­zıl Say, ver­kitscht dann die Darstel­lung von Rach­ma­ni­nows bril­lan­ter Sui­te Nr. 1, „Fan­tai­sie-Ta­bleaux“op. 5 (1893): Staub­ne­bel über Pe­dalOr­gi­en. We­nigs­tens Er­in­ne­run­gen an gro­ße Vor­gän­ger wur­den pro­vo­ziert: bei Rach­ma­ni­now an Oleg Mai­sen­berg und Kha­tia Bu­n­ia­tish­vili, bei Bach an das de­li­ka­te Spiel von Mar­ta´ und Györ­gy Kur­tag.´

VON WAL­TER GÜRTELSCHM­IED

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